11. Jahrgang Nr. 11 / 25. November 2011 – 28. Heshvan 5772

„In Deutschland zu Hause“

Auszüge aus der Rede von Bundespräsident Christian Wulff

Durch die Shoah hat Deutschland nicht nur unermessliches Leid angerichtet, sondern sich selbst verstümmelt und einen Teil seiner Identität verloren. Leo Baeck hat das schon 1933 vorausgesehen, als er die „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“ mit den Worten eröffnete: „Die 1000-jährige Geschichte des deutschen Judentums ist zu Ende.“
Es wäre Leo Baeck sicherlich eine Genugtuung zu wissen, dass wir auf dem Wege sind, ihn in diesem Punkte zu widerlegen. Vieles bleibt zu tun und es bedrückt auch mich, dass jüdisches Leben in Deutschland oft durch die Polizei geschützt werden muss. Nach all dem, was war, ist es aber wunderbar zu sehen, dass das jüdische Leben in Deutschland wieder erstarkt, dass es zunehmend wieder lebendiger, bunter und vielfältiger wird. Gerade durch die Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ist der Umfang der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland auf über 100.000 Mitglieder angewachsen. Wie in der Vergangenheit prägt und bereichert sie unser öffentliches Leben. Angesichts dieser dynamischen Entwicklung ist es gut, dass der Zentralrat der Juden in Deutschland die verantwortungsvolle Aufgabe wahrnimmt, die große Vielfalt der jüdischen Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit zu vertreten
Eine gute Zukunft kann es nur geben, wenn wir unserer Verantwortung aus der Vergangenheit, aus der Shoah, gerecht werden. Unsere Geschichte erlegt uns, auch den Nachgeborenen, besondere Verantwortung auf. In jungen Jahren hat mich die bedrückende Erfahrung eines Anschlags auf die Synagoge meiner Heimatstadt Osnabrück geprägt. Damals habe ich hautnah erfahren, dass es in Deutschland leider immer noch antisemitische Strömungen gibt. Ich habe aber auch gelernt, dass wir uns dagegen mit öffentlicher Aufmerksamkeit und Solidarität behaupten können
Deutschland profitiert von seiner Weltoffenheit. Diese werden wir ausbauen und verteidigen gegen alle, die Ängste vor Fremden und Fremdem schüren. Ich danke Ihnen, Herr Graumann, dass Sie den Muslimen in unserem Land immer wieder Unterstützung gegeben haben.
Unsere Verantwortung gilt gegenüber dem jüdischen Volk, hier, aber auch in der Welt und vor allem in Israel. Das Existenzrecht des Staates Israel ist für uns nicht verhandelbar. Unsere Beziehungen zu Israel sind einzigartig. Ihre Pflege ist auch mir ein persönliches Anliegen. Sie, lieber Herr Graumann, haben gesagt: „Noch niemals haben Juden hier so frei und so gut leben können, wie gerade jetzt.“ Ich sehe die Auszeichnung mit dem Leo-Baeck-Preis als Verpflichtung und Auftrag, dieses gute Leben in Verantwortung vor der Geschichte zu erhalten und für die Zukunft zu stärken. Ich arbeite dafür, dass sich die Juden in all ihrer Vielfalt in Deutschland im besten Sinne zu Hause fühlen, weil es ihr Zuhause ist.