11. Jahrgang Nr. 11 / 25. November 2011 – 28. Heshvan 5772

„Erinnerung und Zukunft“

Auszüge aus der Rede von Dr. Dieter Graumann, Präsident der Zentralrats

Als ich Ihnen, sehr verehrter Herr Bundespräsident, im April mitteilte, der Zentralrat wolle Ihnen diesen Preis verleihen – da waren Sie waren zwar sichtlich bewegt und beeindruckt, aber sagten doch spontan: „Ist das nicht zu früh? Ich habe noch gar nichts geleistet.“ Diese Bescheidenheit ehrt Sie zusätzlich.
Ich möchte nur einige „unserer“ Aspekte Ihrer Amtszeit als Bundespräsident benennen, obwohl wir natürlich wissen, dass Sie sich auch schon viel für ein neues Miteinander eingesetzt haben. Im September 2010 haben Sie, gerade erst einmal zwei Monate im neuen Amt, bei der Einweihung der neuen Synagoge in Mainz gezeigt, dass Sie Erinnerung und Zukunft, ja: Erinnerung zur Zukunft verbinden wollen, und das neue, bunte jüdische Leben hier mit Freude zu würdigen wissen.
Dann kam Ihre Rede zum 3. Oktober 2010. Ich weiß, nicht jedem hat sie gleich und auch nicht gleichermaßen gut gefallen. Uns aber schon. Vor allem, dass Sie dort sehr klar sagten, als Bundespräsident: „Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland“. Auf diesen Satz, gesprochen vom ersten Mann Deutschlands, hat das Judentum hier eigentlich fast 1700 Jahre lang gewartet.
Wir haben erlebt, wie Sie Ihren ersten, quasi selbstbestimmten Auslandsbesuch Ende November 2010 ausgerechnet nach Israel unternahmen. Auch das: ein sehr deutliches Signal. Sie haben diesen Besuch sehr würdig gestaltet, ganz ohne spektakuläre Reden, aber mit viel Verständnis und Gefühl. Ein wichtiges Zeichen war, dass Sie dorthin ausdrücklich Ihre Tochter mitnahmen, gerade auch nach Yad Vashem, um so die Kontinuität von Verantwortung und Zukunft allen Menschen in Deutschland eindrucksvoll vor Augen zu führen.
Wir haben Sie dann im Dezember 2010 im Schloss Bellevue besucht, das gesamte, neue Präsidium des Zentralrats. Das hatte es zuvor noch niemals in der 60-jährigen Geschichte des Zentralrats gegeben. Wir haben Sie erlebt als einen Gesprächspartner, dem jüdisches Leben hier wirklich persönlich sehr am Herzen liegt.
Und dann haben Sie sich entschlossen, den allerersten Holocaust-Gedenktag Ihrer Amtszeit gleich zu nutzen, um Auschwitz zu besuchen, am 27. Januar 2011. Als allererster Bundespräsident überhaupt haben Sie dort auch gesprochen, bewegend und bewegt. Das ist in der ganzen Welt berichtet, beachtet und geachtet worden. Ich selbst habe Sie auf dieser schwierigen Reise begleitet. Sie war in der Tat ganz besonders schwierig und schmerzhaft für mich selbst – warum soll ich das leugnen?
Und doch: Bei allem heftigen Schmerz, der mich dort förmlich überflutete, war es für mich auch ein ganz besonderes Gefühl, wenn der erste Mann im Deutschland von heute ausdrücklich dort gemeinsam trauert mit der wiederum ganz neuen jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, gerade in Auschwitz. Sie haben gerade auf diese gemeinsame Trauer ausdrücklich großen Wert gelegt.