11. Jahrgang Nr. 11 / 25. November 2011 – 28. Heshvan 5772

Ein Freund

Bundespräsident Christian Wulff erhielt den Leo-Baeck-Preis 2011

Zukunft 11. Jahrgang Nr. 11
Zukunft 11. Jahrgang Nr. 11

Es gibt Ereignisse, die, wie großartige Gemälde, sehr viel mehr als nur die Summe ihrer Details erkennen lassen. Sie spiegeln Zeitströme wider, bündeln sie und halten sie nicht nur für den Augenblick, sondern auch für die Zukunft fest. Zu solchen Ereignissen gehört auch die Verleihung des Leo-Baeck-Preises an Bundespräsident Christian Wulff.
Es ist der 16. November 2011. Erwartungsvolle Stimmung herrscht im eleganten, hell erstrahlenden Glashof des Jüdischen Museums Berlin. Rabbiner, Diplomaten, Künstler, Professoren, Frauen und Männer aus verschiedensten Gemeinden und Verbänden sind dabei, wenn der diesjährige Leo-Baeck-Preis, 1956 von Zentralrat der Juden in Deutschland gestiftet, an das jüngste Staatsoberhaupt der bundesdeutschen Geschichte geht. Frühere Preisträger wie Friede Springer, Iris Berben, Professor Peter Hommelhoff und Otto Romberg sind gekommen, aber auch Spitzenpolitiker wie Rainer Brüderle. Der israelische Botschafter Yoram Ben-Zeev ist ebenfalls zugegen. An den festlichen Tischen wird Deutsch, Hebräisch, Englisch und Russisch gleichzeitig geplaudert – ein Zeichen für die neue Vielfalt des Judentums in Deutschland, von der später noch viel gesprochen werden soll.
Gelassen überstehen Christian Wulff und Zentralratspräsident Dr. Dieter Graumann das Blitzlichtgewitter der Fotografen und Dutzende sich dicht an dicht drängende Fernsehkameras am Eingang. Auch die Printmedien sind mit einem eindrucksvollen Aufgebot vertreten: Ein Zeichen für die Bedeutung des Augenblicks, der handelnden Personen und des Zentralrats als Ganzes. Dann gehört die Aufmerksamkeit für Minuten dem siebzehnjährigen Ausnahme-Violinisten David Malaev. Er trägt Melodien von Vittorio Monti virtuos in den Saal.
Bundespräsident Wulff wirkt fröhlich und doch fast etwas verlegen, vielleicht ob der recht frühen, hohen Ehrung in einer noch sehr jungen Amtszeit. Doch solche Bedenken will Dieter Graumann gleich zu Anfang zerstreuen. „Ein früher Preis ist allemal besser als etwa ein später Tadel“, schmunzelt der Zentralratspräsident. Dann geht er in medias res und benennt sehr präzise, was den größten jüdischen Dachverband des Landes bewogen hat, sich beim Leo-Baeck-Preis 2011 ausgerechnet für Christian Wulff zu entscheiden. Er würdigt Wulffs „herausragendes, von aufrichtiger Empathie und von tiefer Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, Israel und der Welt getragenes Engagement.“ (S. „Erinnerung und Zukunft“, S.2)
In der Tat ist der Geehrte seit Amtsantritt im Sommer 2010 oft zu sehen, wenn sich neue, markante Entwicklungen in der jüdischen Gemeinschaft abzeichnen. Im letzten September erlebte er die Einweihung der neuen Synagoge in Mainz, und erst von wenigen Tagen jene in Speyer.
Jetzt schon freut er sich auf die baldige Eröffnung eines Europäischen Zentrums für Jüdische Musik in Hannover. Bei deutsch-israelischen Austauschprogrammen sieht er generationsübergreifend große Zukunftschancen, und so war es wohl kein Zufall, dass ihn seine sechzehnjährige Tochter Annalena bei der diplomatischen Antrittsreise in Israel begleitete.
Aber auch an den Orten der schrecklichsten Naziverbrechen wird Christian Wulff der Verantwortung seines Amtes gerecht. Zusammen mit Dieter Graumann war er am 27. Januar in Auschwitz und sprach dort auf blutgetränkter Erde vom Unfassbaren, Unsagbaren und Unbeschreiblichen.
Was sich während der letzten Jahre in Deutschland getan hat, bezeichnet Christian Wulff als „jüdische Renaissance.“ Wo er kann, tritt er unterstützend in Erscheinung. Laudator Dieter Graumann spricht von der großen Begeisterung und Leidenschaft, mit der – nicht zuletzt auch durch Immigranten aus den GUS-Staaten – an einer „ganz neuen jüdischen Gemeinschaft“ im Land gebaut wird. Violinist David Malaev und sein 19-jähriger Bruder Marlen, der später am Abend auf dem Piano brilliert, sind Teil dieser dynamischen „Community“. Es ist aber auch eine Gemeinschaft, die endlich ankommen will und die sich von der Mehrheitsgesellschaft „mehr gefühlte Sicherheit“ erhofft. Genau dafür stehe er als Bundespräsident, macht Christian Wulff den gespannt lauschenden Gästen und Journalisten deutlich. Natürlich schließe das den Kampf gegen Antisemitismus wie auch das Eintreten für das Existenzrecht des Staates Israel ein.
Christian Wulff, das beweist der Festakt im Jüdischen Museum eindrucksvoll, steht für ein neues Miteinander von Mehrheiten und Minderheiten – darunter auch für eine, so Dieter Graumann, „wahrlich wundersame Zukunft“ der jüdischen Gemeinschaft hierzulande. – „Wenn das nicht etwa preiswürdig ist – was wäre es denn sonst?“ fragt der Zentralratspräsident salomonisch in die Runde. In der Tat.
Olaf Glöckner/zu