24.11.2011

"Unsere Warnungen wurden nicht richtig ernst genommen"

"Mit einem Verbot der NPD allein ist es nicht getan" Mehr Empathie und neue Sensibilität nötig

Interview mit Dr. Dieter Graumann, Thüringische Landeszeitung, 24.11.2011

Als der Zentralrat der Juden vor einem Jahr beschloss, zu seiner Jahrestagung 2011 nach Weimar einzuladen, konnte man nicht ahnen, in welch bewegten Zeiten man nach Thüringen kommt. "Es ist vielleicht ein Stück Schicksal", sagt der Präsident des Zentralrates, Dieter Graumann, im TLZ-Gespräch. Graumann fordert von der Gesellschaft einen "Ruck gegen Rechts".

In Weimar tagt an diesem Donnerstag und Freitag der Zentralrat der Juden und es gibt einen Jugendkongress. Sie kommen damit in einer Zeit nach Thüringen, in der das Land schwer trägt an den Folgen des Rechtsterrorismus, der hier seine Wurzeln hatte.

Wir haben uns den Tagungsort Weimar vor einem Jahr ausgesucht. Jetzt stellt sich heraus, dass wir in einer ganz besonderen Zeit nach Thüringen kommen. Es ist vielleicht ein Stück Schicksal, dass wir gerade in diesen bedrückenden Zeiten in Thüringen tagen. Zugleich ist es aber ein deutliches Zeichen, dass wir unseren Behörden nach wie vor vertrauen wollen und hoffen, dass es eine baldige Aufklärung der fürchterlichen Geschehnisse geben wird.

Sie tagen erstmals in Ostdeutschland.Warum?

Es ist ein Zeichen des Respekts gegenüber unseren jungen jüdischen Gemeinden in Ostdeutschland. Die meist kleinen Gemeinden tragen maßgeblich zu der neuen Blüte des jüdischen Lebens in Deutschland bei, und wir sind ihnen unendlich dankbar für ihre unermüdliche Arbeit. Wir koppeln diese Ratstagung auch erstmals mit dem Jugendkongress. Wir wollen die jungen Menschen zum Mitmachen motivieren. Ihre Stimme ist uns wichtig, es ist schließlich die Stimme unserer Zukunft.

Der Slogan des Jugendkongresses "Jews, we can" hat mir sehr gut gefallen.

Den habe ich mir ausgedacht. Mit dem Slogan soll Aufbruch, Inspiration, Innovation ausgedrückt werden. Die Jugendlichen sollen wissen: Wir können viel erreichen, wenn wir miteinander arbeiten. Wir wollen zeigen, dass der Zentralrat auf die jungen Menschen zugeht, sie ernst nimmt. Wir wollen das Judentum gerade mit seinem Reichtum an Traditionen, Wissen und Kultur auf die nächste Generation übertragen. Weimar soll so etwas wie ein neuer Push sein, damit dieser Motor nicht stottert, sondern dynamisch wirklich in Gang kommt.

Jüdische Pluralität

Die jüdischen Gemeinden in Ostdeutschland haben eine spezifische Problematik. Welche?

Ich sehe ein großes Problem in der mangelhaften finanziellen Ausstattung aller unserer Gemeinden im Osten. Darum bewundere ich die Arbeit, die dort geleistet wird, ungeheuer. Der Mangel an materieller Ausstattung wird überkompensiert durch persönliches Engagement und herzlichen Einsatz. Mit unserer Ratstagung im Osten würdigen wir diese Leistung.

Die Gemeinden haben hier großen Zuzug aus Osteuropa. Ist das eher eine Chance oder ein Problem?

Das ist überhaupt gar kein Problem. Das ist ein Glück, ein Segen. Die Gemeinden in Ostdeutschland bestehen zu 98 bis 99 Prozent aus den neuen Mitgliedern, die vor allem aus der ehemaligen Sowjetunion zu uns gekommen sind. Diese Menschen geben uns Perspektive, Sinn und Zukunft. Sie haben die neue jüdische Pluralität befeuert und diese ist mittlerweile jüdische Normalität geworden.

Wird das Thema Rechtsterrorismus auch ein Thema der Tagung des Zentralrats sein?

Natürlich spielt das eine Rolle. Wir stehen ebenso wie alle anderen unter Schock. Dass ein rechtsterroristisches Killerkommando jahrelang mordend durch Deutschland ziehen konnte, das konnte sich doch niemand vorstellen. In diesen Stunden gilt unser Mitgefühl nochmals ganz besonders allen Opfern und ihren Angehörigen.

Mal abgesehen von allen noch aufzuklärenden Details: Ist die jüdische Gemeinschaft besonders erschrocken darüber, dass so etwas in Deutschland möglich ist?

Natürlich ist die jüdische Gemeinschaft auf diesem Gebiet ganz besonders sensibel. Wenn hier faschistische Mordkommandos ihr Unwesen treiben können, dann berührt uns das ganz direkt und ganz besonders. Ich bin allerdings dagegen, jetzt in Alarmismus und Panik zu verfallen. Tatsache ist: Wir Juden leben bewusst und gerne in Deutschland, wir vertrauen diesem Land und den Menschen hier. Und wir vertrauen auch den Behörden. Gerade in einer solch aufgeregten Zeit ist es wichtig zu sagen: Wir Juden fühlen uns dennoch hier sicher.

Waren die Behörden teilweise auf dem rechten Auge blind?

Das kann ich nicht beurteilen. Und die Fairness gebietet es auch, festzustellen: Unsere Sicherheitsbehörden haben in den letzten Jahren mehrere islamistische Anschläge verhindert zu unserem großen Glück. Klar ist aber, dass es in dieser Sache grobe Verfehlungen und Versäumnisse gegeben hat. Wir erleben nun in diesem Punkt ein Debakel, ein Desaster für die Sicherheitsbehörden. Die Ämter lagen in ihrer Einschätzung falsch, dass es keinen Rechtsterrorismus in Deutschland gab. Das aber ist in beinahe jedem Verfassungsschutzbericht so oder so ähnlich zu lesen. Vertrauen wird so nicht befördert es muss nun wieder neu aufgebaut werden.

Wurde denn die Gewaltbereitschaft der Rechtsextremisten von den staatlichen Behörden unterschätzt?

Wir haben sie nie unterschätzt. Der Zentralrat hat immer auf die Gewaltbereitschaft in diesen Kreisen hingewiesen. Aber man hat unsere Warnungen nicht richtig ernst genommen. Wahrscheinlich weil man gedacht hat, wir seien auf diesem Gebiet überempfindlich. Leider haben wir auf schreckliche Weise Recht gehabt.

Engagement der Herzen

Der Verfassungsschutz ahnte nichts, und das alles trotz der V-Leute im Verfassungsschutz.

Jedem Demokraten muss doch übel werden, wenn ich mir vorstelle, dass ein V-Mann gerade in Thüringen sich damit brüstet, mit den Honoraren des Verfassungsschutzes rechtsextremistische Strukturen in Thüringen mit aufgebaut zu haben. Ich glaube, das kann, ja das darf niemand verstehen.

Welche Lehren für die Zukunft muss man ziehen?

An einem Verbot der NPD führt kein Weg vorbei. Der Zentralrat fordert das schon seit Jahren. Wir sehen gerade jetzt die Verflechtungen der NPD und der einschlägigen rechtsextremen Szene. Die NPD ist das politische Flaggschiff der Rechtsterroristen und muss politisch und juristisch versenkt werden und niemals mehr wieder auftauchen.

Ist es damit allein getan?

Nein. Überhaupt gar nicht! Insofern gehen wir jetzt einen Schritt weiter. Ein Verbotsverfahren der NPD kann nur der Anfang vom Beginn sein. Wir brauchen einen Ruck gegen Rechts in der gesamten Gesellschaft. Die Behörden müssen das Internet, die Hooligan-Szene, die Musikszene im Blick haben. Offensiv muss man auch dagegenhalten, wenn beispielsweise Sportvereine oder Jugendbewegungen unterwandert werden.

Der Ruck gegen Rechts...

... bedeutet eine neue Empathie, auch eine neue Sensibilität.

Was meinen Sie beispielsweise konkret?

Ich empfinde es etwa als schrecklich, diese Mordserie als "Döner-Morde" zu bezeichnen. Das ist sicher ohne böse Absicht geschehen, aber zeigt doch mangelnde Sensibilität. Die brauchen wir genauso wie feste Entschlossenheit für den Kampf gegen Rechts.

Es wird viel gesagt, die Zivilgesellschaft müsse gestärkt werden. Hier in Thüringen haben sich viele Bürger bereits engagiert. Unterstützt die Politik diese zivilgesellschaftlichen Bestrebungen ausreichend?

Die Menschen, die sich den Rechten entgegenstellen, haben meinen hohen Respekt. Es ist ein Engagement der Herzen, ein beherzter Einsatz der Moral. Aber man darf es sich mit einer pauschalen Politikerschelte auch nicht zu einfach machen. Gerade in diesen Tagen erlebt man bei den Politikern eine tiefe Nachdenklichkeit. Die Politik muss aber noch mehr dafür tun, dass Rechte in dieser Gesellschaft geächtet werden und so die gesamte Gesellschaft bei dieser Aufgabe unterstützen. Wir alle brauchen eine neue Entschlossenheit.

Macht es Ihnen Sorge, dass der Thüringen-Monitor bei 15 Prozent der Bevölkerung eine Anfälligkeit für rechtsextremes Gedankengut feststellt?

Diese Untersuchung kenne ich nicht. Aber natürlich ist es Besorgnis erregend, dass beispielsweise die NPD in Sachsen und in Mecklenburg-Vorpommern trotz politischer Nullnummern wieder in die Landtage gewählt worden ist. Trotzdem, die NPD hat zum Glück nicht den Zuspruch, den sie sich gerne selbst zusprechen würde. In anderen europäischen Ländern gibt es viel stärkere rechtsradikale Parteien. Das darf sicherlich keine Beruhigung sein, aber dennoch, es spricht doch für die Menschen hierzulande.

Ein Appell an jeden von uns

Sie haben gesagt, rechtes Gedankengut müsste generell in der Gesellschaft geächtet werden. Ist das ein Appell an jeden von uns?

Es ist ein Appell an jeden von uns. Wir müssen uns überall gegen rechtsextremes Gedankengut wehren, ob am Arbeitsplatz, in der Freizeit, im Verein oder am Stammtisch. Rechte Gesinnung darf keinen Platz in unserer Gesellschaft und in unseren Herzen haben. Wenn jeder sich dafür einsetzt, immer und überall, werden wir gemeinsam einen ganz großen Schritt nach vorne machen.

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ZUR PERSON: In Israel geboren

Weimar. (dapd) Dieter Graumann wurde 1950 in Israel geboren und trug zunächst den Vornamen David. Bereits mit anderthalb Jahren kam er mit seinen aus Polen stammenden und in der NS-Zeit verfolgten Eltern nach Deutschland, wo sie ihm noch vor Schuleintritt den Namen Dieter gaben, damit er nicht gleich als Jude auffallen sollte. Nach dem Abitur in Frankfurt am Main studierte Graumann Volkswirtschaft und in London auch Rechtswissenschaften. Später promovierte er über die Europäische Währungsunion. Nach dem abgeschlossenen Studium arbeitete er mehrere Jahre bei der Deutschen Bundesbank und machte sich später mit der Liegenschaftsverwaltung seines Vaters selbstständig.
1995 wurde er in den Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt gewählt, wo
er unter anderem für Kultur und Finanzen zuständig wurde. 2006 wurde Graumann zum Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt, dessen Präsident er seit nunmehr einem Jahr, seit dem 28. November
2010, ist. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Frankfurt am Main.