11. Jahrgang Nr. 10 / 28. Oktober 2011 – 30. Tischri 5772

Das Dilemma der Verhältnismäßigkeit

Was die Halacha zum Problem des Gefangenenaustauschs sagt / Interview mit Rabbiner Avichai Apel

Der Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hamas, bei dem Israel über eintausend Terroristen für den entführten Soldaten Gilad Schalit freiließ beziehungsweise in einem zweiten Stadium freilassen wird, hat nicht nur Freude über Schalits wieder gewonnene Freiheit, sondern auch eine Debatte über den hohen Preis ausgelöst, den Jerusalem zu zahlen bereit war. Die ZUKUNFT sprach mit Rabbiner Avichai Apel, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde in Dortmund und Vorstandmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland über die halachischen und ethischen Aspekte des Austauschs.

Herr Rabbiner Apel, bei allen Austauschaktionen zwischen Israel und Terrororganisationen herrschte ein krasses Missverhältnis zwischen der Zahl freigelassener Terroristen und de Zahl der befreiten Israelis – manchmal ist es, wie im Fall Schalt sogar ein einziger. Wie ist das zu bewerten?
Die Befreiung oder Auslösung von Gefangenen ist ein wichtiges Gebot im Judentum. In der Tora befreit Abraham seinen Neffen, Lot, in einer Militäraktion aus der Kriegsgefangenschaft. Wenn keine militärische Option besteht, müssen Gefangene freigekauft werden. Im Mittelalter mussten jüdische Gemeinden immer wieder ihre in Haft gesetzten Mitglieder – oft für viel Geld – freikaufen. Im heutigen Israel besteht die Gegenleistung in der Freilassung von Terroristen.
Allerdings muss die Gegenleistung verhältnismäßig bleiben darf. In der Mischna wird eine Auslösung von Gefangenen bei überhöhter Gegenleistung untersagt, und zwar „aus Gründen der Verbesserung der Welt". Damit wurde dem Wunsch, unseren gefangenen Brüdern zu helfen, die Ratio übergeordnet. Eine zu hohe Gegenleistung droht nämlich, dem Unterdrücker oder Feind einen Anreiz für weitere Verhaftungen oder Entführungen zu bieten. Damit aber wird die Allgemeinheit in hohem Maße gefährdet, und es findet kein „Tikkun Olam" – Verbesserung der Welt – statt. Als der berühmte, in Worms lebende Talmudgelehrte Rabbiner Meir von Rothenburg 1286 eingekerkert wurde, wies er die jüdische Gemeinde an, ihn nicht gegen das hohe, vom König geforderte Lösegeld freizukaufen. Damit wollte er verhindern, dass weitere prominente Juden als Geiseln verhaftet wurden. Rabbi Meir starb 1293 in Gefangenschaft.

Liegt bei der Freilassung so vieler Terroristen nicht automatisch eine Gefährdung der Öffentlichkeit vor?
Allerdings ist auch das Leben des oder der entführten Israelis in Gefahr. Bei einem Soldaten besteht zudem eine besondere Verantwortung der Gesellschaft, zu deren Schutz er in die Armee einberufen wurde. Hier könnte man sogar argumentieren, dass Israel für die Freiheit seiner Soldaten einen besonders hohen Preis entrichten muss, ähnlich wie unsere Weisen dem Ehemann den Freikauf seiner gefangenen Ehefrau zu einem Preis erlaubten, der in anderen Fällen als überhöht gelten würde – und zwar wegen der unter Eheleuten geschuldeten, besonderen Loyalität. Das halachisch-ethische Problem besteht darin, im Einzelfall alle Faktoren abzuwägen und über die Verhältnismäßigkeit des Gefangenenaustauschs zu entscheiden.
In einem Fall wie dem Schalits muss die Meinung der Sicherheitsexperten an entscheidender Stelle berücksichtigt werden. Wenn die Chefs der Armee und der Nachrichtendienste das durch die Freilassung von Terroristen für die Allgemeinheit entstehende Risiko für vertretbar halten, kann das den Ausschlag geben. Israel hat ja auch versucht, diese Gefährdung zu vermindern, indem ein Teil der Entlassenen des Landes verwiesen wurde.

Dennoch ist Schalits Freikauf auch unter Rabbinern umstritten.
Natürlich können Rabbiner in halachischen wie in anderen Fragen unterschiedliche Meinungen haben. Das ist legitim.

Stellt die Freilassung von Mördern und anderen Terrortätern keinen Verstoß gegen Grundprinzipien der Gerechtigkeit dar?
Es ist gewiss ungerecht, dass solche Täter nicht einmal das ihnen vom Gericht auferlegte Strafmaß zur Gänze verbüßen. Auch der Schmerz der Hinterbliebenen von Menschen, deren Mörder jetzt freikommen, ist mehr als verständlich. Das aber sollte bei der Rettung eines in Lebensgefahr schwebenden Gefangenen kein entscheidendes halachisches Kriterium sein. Das Probemist, wie gesagt, dass die betreffenden Terroristen – ich sage das bewusst überspitzt – nicht nach Hawaii auswandern und dort Wellenreiten lernen, sondern vorwiegend in den Autonomiegebieten bleiben und ein schwerwiegendes Sicherheitsrisiko darstellen.

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Zeittafel

25. Juni 2006 – Gilad Schalit wird von palästinensischen Terroristen durch einen Tunnel nach Gaza entführt.
2006 - 2011 – In Ermangelung ausreichender nachrichtendienstlicher Erkenntnisse sieht Israel von Versuchen einer militärischen Befreiung Schalits ab
September 2006 – Ein Brief von Schalit stellt das erste Lebenszeichen des Entführten dar.
7. April 2007 – Es wir bekannt, dass die Hamas legt eine Liste von 1.300 Terroristen vor, deren Freilassung sie im Gegenzug für Schalit fordert
2. Oktober 2009 – Eie Hamas gibt ein Video von Schalit frei
11. Oktober 2011 – Israel und Hamas unterzeichnen eine Vereinbarung zum Gefangenenaustausch. Israel stimmt der Haftentlassung von 1.027 Terroristen zu.
18. Oktober 2011 – Gilad Schalit kehrt nach Israel zurück.