11. Jahrgang Nr. 10 / 28. Oktober 2011 – 30. Tischri 5772

Vom Toten Meer ins weltweite Netz

Fünf Qumeran-Rollen sind im Internet aufrufbar

Im Jahre 1947 wurde in Qumeran, am Ufer des Toren Meeres, einer der größten Kulturschätze der Welt gefunden: die Schriftrollen vom Toten Meer. Wahrscheinlich waren die Dokumente – älteste bekannte Kopien biblischer und apokrypher Texte sowie andere Aufsätze – seinerzeit von Angehörigen der jüdischen Essener-Sekte niedergeschrieben und kurz vor der Zerstörung des Zweiten Tempels (70 nach der Zeitenwende) in Höhlen versteckt worden. Die insgesamt knapp eintausend, in der Trockenheit der Wüste relativ gut erhaltenen Dokumente haben Forschern umfangreiches Wissen über das Judentum zur Zeit des Zweiten Tempels und über die Geschichte des Tanach verschafft.
Jetzt haben das Israel-Museum und die israelische Tochterfirma des Internetkonzerns Google fünf der wichtigsten Qumeran-Texte in hoher Auflösung fotografiert und ins Internet gestellt (http://dss.collections.imj.org.il/). Damit sind sie weltweit aufrufbar. Zwar können nur die wenigsten Surfer die Originaltexte lesen, doch bietet das Museum englische Erklärungen und zum Teil auch Übersetzungen an. Das weltweite Interesse ist jedenfalls enorm. Allein in der ersten Woche wurde die Website mehr als eine Million Mal angeklickt. Rund vierzig Prozent aller Besucher kamen aus Amerika, doch riefen, so das Israel-Museum, Besucher aus fast jedem Land der Erde die digitalisierten Schriftrollen auf. Dazu gehörten auch Neugierige aus den meisten arabischen und islamischen Ländern, unter anderem Ägypten und Saudi-Arabien, aber auch aus Afghanistan und dem Iran.
Zu den virtuell augestellten Schriftstücken gehört die so genannte Große Jesaja-Rolle. Sie ist das längste und am besten erhaltene Qumeran-Dokument und enthält den Text des prophetischen Buches Jesaja. Ein Vergleich zwischen der im 2. Jahrhundert vor der Zeitenwende niedergeschriebenen Rolle und der bis heute gebräuchlichen kanonisierten Version der hebräischen Bibel zeigt, dass beide Texte nahezu identisch sind. Ein weiterer Text schildert den endzeitlichen Kampf der „Söhne des Lichts“ gegen die „Söhne der Finsternis“ – also der Essener gegen jüdische wie nichtjüdische Feinde – und fällt durch ausführliche Schilderungen militärischer Schachzüge auf. Es wirft auch neues Licht auf das christliche „Buch der Offenbarung“, das ebenfalls endzeitliche Visionen enthält.
Eine historische Schatztruhe sind die ebenfalls im Internet ausgestellten Statuten der Qumeran-Sekte, die den Tagesablauf und die – überaus streng gehandhabte - Aufnahme neuer Mitglieder behandelt. Aus den Statuten ergibt sich das Bild einer asketischen Gemeinschaft, die sich einem von ihr vertretenen Heiligkeitsideal verschrieben hatte. Die beiden anderen im Internet einsehbaren Werke sind die „Tempel-Rolle“ und ein Kommentar zum Propheten Habakuk.
Die Dokumente wurden in einem besonderen Verfahren fotografiert, bei dem die Belichtungszeit lediglich ein Viertausendstel Sekunde betrug. Damit wurde eine Schädigung der empfindlichen Manuskripte verhindert. Die hoch auflösenden Aufnahmen ermöglichen eine detaillierte Betrachtung der Rollen. Nach Angaben des Museums werden bald weitere Qumeran-Dokumente im Internet einsehbar sein.
wst