11. Jahrgang Nr. 10 / 28. Oktober 2011 – 30. Tischri 5772

Doppeltes Datum

Der 9. November symbolisiert die Nazi-Barbarei ebenso wie das Ende der deutschen Trennung, bedeutet aber keinen Ausstieg aus der Geschichte

Zukunft 11. Jahrgang Nr. 10
Zukunft 11. Jahrgang Nr. 10

Seit dem Fall der Berliner Mauer am 9.11.1989 wird in der Bundesrepublik immer wieder über den richtigen Umgang mit dem 9. November debattiert. Es geht, im Kern, um die Frage, wie ausgelassen Deutschland sich denn überhaupt über die Überwindung seiner Nachkriegstrennung freuen darf, ohne dass dann eventuell das Andenken an die 51 Jahre zuvor vom NS-Regime inszenierte „Reichskristallnacht“ verblasst. Die Fragestellung ist wichtig, und gerade für uns als Juden ist es natürlich unabdingbar, dass der 9. November 1938 weder vergessen noch relativiert wird. Indessen wird die Frage: „Tag der Freude oder Tag der Trauer?“ der historischen Komplexität dieses Datums nicht gerecht, geht es doch nicht nur um eine korrekte Gewichtung von zwei separaten historischen Ereignissen. Vielmehr sind die Pogromnacht und der Mauerfall als zwei Zäsuren zu begreifen, die in einem historischen Zusammenhang zueinander stehen und eine Verpflichtung für die Zukunft begründen.
Der 9. November 1938 symbolisiert den endgültigen Abstieg Deutschlands in die Barbarei. Die Brandstiftung an Synagogen, die Verwüstung jüdischer Häuser und Geschäfte, die Morde, Verhaftungen und andere Verfolgungsmaßnahmen – sie stellten den Beginn des penibel organisierten Verbrechens dar, das kurze Zeit später in die versuchte Auslöschung der Juden Europas überging, eines Völkermordes übrigens, der vielleicht den einzigen „Sieg“ der Nazi-Herrscher ausmachte und der erst mit der Befreiung der wenigen Überlebenden durch alliierte Armeen ein viel zu spätes Ende fand. Wenn große Teile Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche lagen, wenn das Land, das den Kontinent beherrschen wollte, verkleinert und geteilt und geschunden wurde, so war diese schreckliche Verheerung nicht zuletzt auch eine Folge des 9. November 1938.
Es sollte dann noch mehr als vier Jahrzehnte dauern, bis Deutschland alle seine Bürger unter dem Dach einer freiheitlichen Demokratie vereinigen konnte. Der Mauerfall wurde dann auch zum Fanal einer Umwälzung, die nicht nur Ostdeutschland, sondern auch anderen Staaten des einstmaligen Ostblocks die Freiheit bescherte. Daher darf der 9. November 1989 auch für andere Völker als ein Tag der Freiheit gelten, so wie der 9. November 1938 wiederum auch für andere Völker als abschreckendes Beispiel für den Untergang der Menschlichkeit gelten sollte. Aus jüdischer Sicht leitete der 9. November 1989 – trotz ursprünglicher Ängste – wie für den Rest der Bevölkerung ebenfalls eine positive Wende ein. Das DDR-Regime, das seine Verantwortung gegenüber Juden geleugnet und den arabischen Kampf gegen Israels Existenz geradezu bösartig unterstützt hatte, verschwand. Die vereinte Bundesrepublik wurde ihrem Bekenntnis zum jüdischen Leben auf deutschem Boden auch geradezu vorbildlich gerecht. Sie ließ 220.000 jüdische Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland einreisen und gab damit der jüdischen Gemeinschaft hierzulande eine neue starke und wundersame Zukunft. Auch wenn selbstverständlich nichts die Verbrechen der Nationalsozialisten jemals wiedergutmachen kann, so war die Aufnahme jüdischer Menschen aus der ehemaligen UdSSR doch eine richtige und konsequente Lehre aus der Geschichte. So dürfen auch wir auf den Mauerfall mit großer Genugtuung zurückblicken.
Die Wiedervereinigung entband und entbindet Deutschland aber natürlich nicht von der Verpflichtung, sich auch weiterhin für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und für eine freiheitliche internationale Ordnung einzusetzen. Die Verantwortung gegenüber den Juden in Deutschland wie gegenüber dem jüdischen Volk als Ganzes und gegenüber dem Staat Israel ist zweifelsohne ebenfalls Teil dieser moralischen Verpflichtung. Allerdings gilt es auch, die freie Welt insgesamt vor Bedrohungen durch aggressive, menschenverachtende Regime zu schützen. Gerade als ein Land, dessen „Führer“ den bisher größten Brand der Weltgeschichte gelegt hat, muss sich Deutschland konsequent in den Kampf gegen Fanatismus, Nationalismus und Fundamentalismus einreihen, egal wo diese anzutreffen sind.
Es ist zudem kein Zufall, dass so viele menschenverachtende Herrscher, die die freie Welt heute herausfordern, zugleich zutiefst antiisraelisch und zum Teil sogar auch offen antisemitisch sind. Wie gerade auch die deutsche Geschichte beweist, sind der Hass auf Juden und der Hass auf Freiheit und Demokratie allzu oft ein nahezu natürliches Paar.
Natürlich ist es nicht immer einfach, solchen Herausforderungen gerecht zu werden. So hat Deutschland dabei neben Erfolgen selbstredend auch Defizite vorzuweisen, sei es bei der Entwicklung einer konsequenten Strategie gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhass, sei es im Umgang mit gefährlichen Akteuren der Weltbühne. Das stetig auszubessern, kann keine Einmalleistung sein, sondern bedeutet jeden Tag eine stets neue Herausforderung. In jedem Fall aber ist der 9. November ein passender Anlass, daran zu erinnern, dass Deutschland mit dem Mauerfall keineswegs aus der Geschichte ausgeschieden, sondern in eine neue, sogar noch viel verantwortungsvollere historische Phase eingetreten ist. Dieser neuen Verantwortung muss es nun aber auch konsequent, würdig und glaubwürdig gerecht werden – so schwierig das auch gelegentlich sein mag.
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