11. Jahrgang Nr. 9 / 23. September 2011 – 24. Elul 5771

Ihre Identität, bitte!

Lena Goreliks Leben hat viele Facetten – das prägt auch ihre Bücher

Von Heinz-Peter Katlewski

Gelesen habe sie schon immer, sagt die Schriftstellerin Lena Gorelik. Und geschrieben auch. Schon als Sechsjährige habe sie sich Geschichten ausgedacht, sagt sie. ‚Immer‘, das waren zunächst die Jahre in Sankt Petersburg. Dort nämlich wurde sie vor dreißig Jahren geboren. Mit elf kam sie nach Deutschland, ging im württembergischen Ludwigsburg aufs Gymnasium, schrieb für die Schülerzeitung und später für das lokale Nachrichtenblatt. Heute lebt sie mit Mann, Sohn und Hund in München, der Stadt, in der sie auch ihr Studium der Journalistik und Osteuropastudien absolviert hat.
Konzentriert und immer wieder schalkhaft lächelnd stellt Lena Gorelik ihr neues Buch vor: „Lieber Mischa …“. Der Untertitel führt ironisch die Anrede weiter: „der du fast Schlomo Adolf Grinblum geheißen hättest, es tut mir so leid, dass ich Dir das nicht ersparen konnte: Du bist ein Jude …“. Es ist das vierte Buch seit 2004, aber es ist das erste in dem sich alles nur um das Jüdischsein dreht.
Es ist eine Art Brief an ihren vor einem Jahr geborenen Sohn. Der heißt zwar nicht Mischa, doch die Autorin meint es trotzdem ernst. Sie wirft allerlei Fragen auf: Was wird dir als Jude alles angehängt und unterstellt werden? Was werden andere, und was wirst du selbst über dich als Jude denken? Wie werden dich Juden sehen? Und wie wirst du auf sie schauen? Sie macht sich lustig über sich, die junge Mutter und künftige ‚jüdische Mamme‘. Sie präsentiert ihre ‚zehn coolsten Juden‘, parodiert ‚10 Gebote für Gott‘ und wundert sich über allzu anhängliche Nichtjuden.
Was es bedeutet, jüdisch zu sein, beschäftigt sie seit langem. Für die kleine Lena in Sankt Petersburg war das allerdings nichts, worauf sie stolz zu sein vermochte. „Jude“ habe den Kindern auf dem Spielplatz und in der Schule eher als ein Schimpfwort gegolten, erinnert sie sich. Ein positives Verhältnis zu ihrem jüdischen Erbe entwickelt sie erst ab 1992 als sie und ihre Eltern begannen, sich in Deutschland eine neue Heimat aufzubauen. Vieles war hier neu: die Wörter, die Gerichte, die Sitten und eben auch das Judentum. In Ludwigsburg gab es Religionsunterricht und in Stuttgart sogar eine Jüdische Gemeinde. Als Studentin gehörte sie dann zu den Gründern von ‚Jung und Jüdisch Deutschland‘, einer liberalen Organisation für junge jüdische Erwachsene.
Es waren Bücher, die der jungen Zuwanderin seinerzeit halfen, die Fremdheit in Deutschland schnell zu überwinden. ‚Pippi Langstrumpf‘ oder ‚Karlsson vom Dach‘ von Astrid Lindgren sowie ein paar Titel von Erich Kästner hatte sie bereits in Russisch mehrach gelesen und kannte sie mehr oder weniger auswändig. Mit den deutschsprachigen Ausgaben eignete sie sich die neue Sprache an, und bald fing sie an, in dieser neuen Sprache zu schreiben. Deutsch wird die Sprache, in der sie sich am besten auszudrücken vermag, in der sie träumt und schreibt. Und das so überzeugend, dass sie ihre heutige Verlegerin anlässlich eines Literatur-Workshops an der Münchner Universität vom Fleck weg verpflichtet. Mit Erfolg: Alle ihre Bücher wurden bislang mit Literaturpreisen ausgezeichnet.
Mit kaum 24 Jahren kommt ihr erster Roman in den Buchhandel: „Meine weißen Nächte“ - eine Auswanderer- und Einwanderergeschichte. Auf 271 Seiten springt sie hin und her zwischen Erinnerungen und Erfahrungen in Sankt Petersburg, Stuttgart, München, Hannover und Paris. Kurioses aus der Familie und die Gestalt der ewig besorgten Mutter wechseln sich ab mit Beobachtungen eines neugierigen, anfangs schüchternen Mädchens, das überall eine neue Welt entdeckt: am Bahnhof, im Übergangswohnheim, später in der ersten Wohnung der Familie in Deutschland und der neuen Schule. Dagegen stehen die Wahrnehmungen der älter gewordenen jungen Frau: Bin ich schon zu deutsch? Was habe ich an russischen Anteilen bewahrt?
Lena Gorelik handelt die Frage nach dem „Was bin ich alles?“ über Dritte aus. In ihrem zweiten Buch „Hochzeit in Jerusalem“ ist das ein Internetbekannter, der zum Judentum übertreten will, weil sein Vater jüdisch ist. Im Erzählband „Verliebt in Sankt Petersburg“ ist es ein bester Freund aus dem realen Leben mit dem sie die Wertvorstellungen ihrer in Russland verbliebenen Verwandten herausfordert und zugleich fasziniert ihre alte Heimat und deren Menschen wieder erlebt.
Auf eine einzige Identität mag Lena Gorelik sich nicht festlegen, nicht nur, weil sie zugewandert ist: „Wenn ich heute im Jüdischen Museum lese, bin ich die jüdische Autorin. Morgen lese ich vielleicht in einem Literatur-Salon, dann bin ich die junge Autorin. Neulich war ich in einer Buchhandlung unter lauter Frauen. Die wollten nur über mein Kind sprechen. Da war ich die Mutter, die schreibt.