11. Jahrgang Nr. 9 / 23. September 2011 – 24. Elul 5771

Ein langer Weg

Das israelische Museum für den jüdischen Soldaten des Zweiten Weltkrieges tritt endlich in die Bauphase. Damit sind die Herausforderungen aber noch lange nicht vorbei

„Ja“, sagt Zvi Kan-Tor, „Wir haben einen wichtigen Fortschritt erzielt. Allerdings“, fügt der Generaldirektor des Trägervereins für das Museum für den jüdischen Soldaten des Zweiten Weltkrieges hinzu, „sind wir noch lange nicht am Ziel.“ Sein Blick wendet sich zum Fenster seines kleinen Arbeitszimmers, das sich in einer Fertigbaubaracke der Panzerkorps-Gedenkstätte „Jad la-Schirjon“ in Latrun befindet. Das Wort „Büro“ wäre für die bescheidenen vier Wände übertrieben. Von hier treibt Kan-Tor seit fünf Jahren die Errichtung des als zentrales Ehrenmal für die anderthalb Millionen jüdischer Kriegsteilnehmer der Jahre 1939 bis 1945 geplanten Museums voran. „Wenn ich dir erzählen würde, mit welchen Schwierigkeiten wir zu kämpfen haben, würdest du mir nicht glauben“, beteuert Zvika, wie ihn jedermann nennt. Die Mängelliste reicht von bürokratischen Hindernissen bei der Zuteilung des Baubodens bis hin zu problematischer Finanzierung und Personalmangel.
Jetzt aber dürfen die Initiatoren des Vorhabens – jedenfalls vorerst - aufatmen. Im Sommer hat die israelische Regierung beschlossen, in den kommenden Jahren 13 Millionen Schekel, umgerechnet rund zweieinhalb Millionen Euro, für den Bau des Museums zur Verfügung zu stellen. Rund eine Million Euro stehen als Spende des israelisch-kanadischen Geschäftsmannes und Philanthropen David Azrieli bereit – der mit Abstand größte private Förderbetrag, den das Museum bisher erhalten hat. „Mit dem nun vorhandenen Geld“, erklärt Zvika, „können wir den Bau beginnen.“ Im September hat der Trägerverein den Auftrag für die Errichtung des Museums vergeben. Die Aufnahme des Museumsbetriebs ist für 2014 geplant. In sieben Ausstellungsbereichen sollen die jüdischen Kämpfer und ihr herausragender Beitrag zum Sieg über die Achsenmächte gewürdigt werden. Dabei sollen neben Exponaten, Fotos und Schaubildern auch Filme und interaktive Elemente den Museumsbesuch zu einem Erlebnis des 21. Jahrhunderts machen.
Allerdings ist das Projekt trotz der zugesagten Förderung durch den Staat noch nicht in trocknen Tüchern. ‚“Es ist“, betont Kan-Tor „noch viel Arbeit nötig.“ Und Geld. Um das Vorhaben plangemäß zu realisieren, muss der Trägerverein seine Schatztruhe mindestens um weitere zwei Millionen Euro aufstocken – und zwar durch Spenden. In einer jüdischen Welt, in der Hunderte von Projekten auf Mäzene angewiesen sind, wird das Aufbringen der Mittel nicht einfach sein. „Hoffentlich“, meint Kan-Tor, „lassen sich potenzielle Förderer leichter überzeugen, wenn sie erst einmal die Baustelle und nicht nur Reißbrettentwürfe sehen.“
Indessen gehen die Pläne des Vereins weit über die Inbetriebnahme des Museums hinaus. „Leider ist die Rolle der jüdischen Kämpfer im Zweiten Weltkrieg selbst unter Juden nicht ausreichend bekannt“, weiß Kan-Tor. „Daher können wir unserer Aufgabe nur dann gerecht werden, wenn wir als ein führendes Forschungszentrum das Wissen über jüdische Soldaten im Zweiten Weltkrieg verbreiten.“ In Israel sind die ersten Schritte in diese Richtung bereits getan worden. In Absprache mit Kan-Tor ordnete das Erziehungskorps der israelischen Armee an, das Thema im Rahmen der pädagogischen Arbeit des Korps aufzugreifen. Mit dem Erziehungsministerium verhandelt Kan-Tor über die Aufnahme des jüdischen Beitrags zum Sieg über das „Dritte Reich“ und seine Verbündeten in den Lehrplan israelischer Schulen. Damit sind zwei zentrale Institutionen im Bereich der Erziehungs- und Jugendarbeit mit dem Problem befasst.
Komplexer wird die Erziehungstätigkeit in der Diaspora. Dort kann das Motiv des jüdischen Soldaten zu einem wichtigen Mittel der Stärkung jüdischen Bewusstseins werden, doch verlangt das ein dichtes Netz engagierter Helfer. „Was wir brauchen“, sagt Kan-Tor, „ist eine voll ausgewachsene Abteilung für internationale Beziehungen“. Schaut man sich die kleine Fertigbaubaracke in Latrun an, muten solche hochfliegenden Ziele utopisch an. Dennoch gibt sich Kan-Tor - als Brigadegeneral der Reserve und ehemaliger Kommandeur bei der Panzertruppe komplexe Operationen gewohnt - nicht geschlagen. Im August konnte der Museumsverein in Großbritannien seinen ersten ausländischen Freundeskreis öffnen. Weitere sollen folgen.
wst