27.08.2011

„Das Judentum hat in Deutschland wieder ein Zuhause“

Interview mit Dr. Dieter Graumann im Weser Kurier, erschienen am 27. August 2011

Herr Dr. Graumann, fühlen Sie sich manchmal als inoffizieller Botschafter Israels in Deutschland?

Dieter Graumann: Nein, gar nicht. Wir vertreten nur die Juden in Deutschland– nicht mehr und nicht weniger. Aber natürlich stehen wir den Menschen in Israel emotional immer sehr nahe. Doch auch unter uns gibt es natürlich heftige und muntere Diskussionen über die aktuelle israelische Regierungspolitik. Das ist aber in Israel, als einziger Demokratie in der Region, nicht anders.

Gerade haben Sie die Bundesregierung aufgefordert, der UN-Rassismus-Konferenz am 23. September in New York fernzubleiben, weil dort „wieder nur Israel auf der Anklagebank sitzen soll". Das ist doch eigentlich der Job von Botschafter Ben-Zeev.

Ich möchte nicht darüber spekulieren, was der Job von anderen Menschen ist. Aber es gehört zu den Aufgaben des Zentralrates der Juden zu sagen, was uns selbst wichtig ist. Diese Konferenz ist vor zehn Jahren begründet worden, um Rassismus weltweit zu bekämpfen. Tatsache ist aber, dass auf dieser Konferenz immer nur ein einziges Land herausgegriffen und ganz alleine auf die Anklagebank gesetzt wurde: Israel. Das ist daher eine Konferenz der Lüge, der Schande und der Doppelmoral. Es ist eine Heuchelei der internationalen Politik, wenn Staaten, die selbst die Menschenrechte dreist mit Füßen treten, alleine Israel anklagen.

Zum Beispiel?

Bei der letzten Konferenz konnte sich hier der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad besonders hervortun, der den Holocaust leugnet und Israel immer wieder offen mit der Vernichtung bedroht. Die Bundesregierung sollte daher möglichst bald ein couragiertes Zeichen setzen – Italien, die Niederlande, Tschechien, Australien und die USA haben ja bereits ihren Boykott angekündigt. Deutschland sollte nun endlich auch mit ihnen gemeinsam Flagge zeigen.

Erklärte Israel-Freunde beklagen, dass der jüdische Staat in den Medien zu oft als hochgerüsteter Störenfried und zu selten als Zielscheibe von Hass und Terrorismus dargestellt werde. Ist das auch Ihre Wahrnehmung?

Ein wenig schon. Daran hängt ja die alte Frage, ob man in Deutschland Israel kritisieren dürfe. Natürlich darf man das, ohne jeden Zweifel. Israel wird ja auch kritisiert – und ein Land, das viele kontroverse Entscheidungen zu treffen hat, muss auch Gegenstand der Kritik sein können. Ich wünschte mir allerdings manchmal ein wenig mehr Fairness, weniger Häme und noch weniger Hetze

Auch weniger Gleichgültigkeit?

Oft fehlt das Verständnis dafür, dass Israel immer noch in einem Existenzkampf steckt. Es ist das einzige Land der Welt, dessen Feinde es nicht nur besiegen, sondern auslöschen und vernichten wollen. Im Iran hat Israel einen sehr starken und mächtigen Feind, der gerade dabei ist, sich die dafür nötigen Mittel zu verschaffen. Und der Iran hat zwei große Terror-Filialen – die Hamas und die Hisbollah – die bis an die Zähne bewaffnet, sprungbereit und aggressionslüstern direkt an den Grenzen Israels stehen. Der Überlebenskampf Israels ist also keine Theorie, sondern bitterernste, tagtägliche Realität. Dafür wünschte ich mir ein bisschen mehr Verständnis.

Der „Arabische Frühling" wird von vielen Deutschen mit Sympathie begleitet, doch bei den jüdischen Bürgern scheinen Skepsis und Unbehagen zu überwiegen.

Warum denn Unbehagen? Wir haben doch jeden Grund, diese Entwicklung mit Freude zu sehen. Wenn Menschen irgendwo auf der Welt für ihre Freiheit kämpfen, dann sind unsere Herzen immer ganz und gar auf ihrer Seite. Da gibt es kein Wenn und Aber. Wenn Israel denn die Chance hätte, Frieden zu schließen nicht nur mit dem Regime eines Anwar el-Sadat oder Husni Mubarak, sondern mit den Menschen in Ägypten – was gäbe es denn Schöneres?

Aber Sie wagen es kaum zu hoffen?

Ob aus dem arabischen Frühling am Ende ein arabischer Sommer wird oder gar ein Sommermärchen, das wissen wir nicht. Es kann auch ein klirrend kalter arabischer Winter werden, alles ist möglich. Die islamistischen Kräfte gerade in Ägypten sind nicht zu unterschätzen. Ihre Aversion gegen Israel ist auch gar kein Geheimnis. Zur Zeit gibt es daher sehr gemischte Signale. Wir hoffen natürlich dennoch, dass die Umbrüche in Freiheit und Demokratie enden und die bisher geschlossenen Friedensverträge mit Israel aufrechterhalten bleiben und neue geschlossen werden können.

Es wird wohl Jahre dauern, dort überall eine funktionierende Zivilgesellschaft aufzubauen.

Das stimmt. Aber in der Region gibt es ja schon eine Demokratie, seit Jahrzehnten gefestigt und anerkannt: Israel. Eine Oase in einer großen Wüste der Despotie. Vielleicht sollte man das hier und dort doch noch etwas mehr wertschätzen.

Sie sind in Israel geboren, haben aber fast Ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht. Hat sich das politische und gesellschaftliche Klima für die Juden hier in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Es hat sich wesentlich verbessert. Die Akzeptanz von jüdischem Leben in Deutschland ist enorm gewachsen. Aber auch auf jüdischer Seite hat es enorme Verbesserungen gegeben. Nach dem Krieg lebten hier Juden, die wie meine Eltern irgendwie nach dem Holocaust hängengeblieben waren: mit schlechtem Gewissen und zerrissenem Herzen. Der Aufenthalt hier war ein Provisorium, irgendwann wurden dann aber doch die Koffer ausgepackt. Vor 15 bis 20 Jahren haben wir das aber auch emotional getan: Wir Juden sind hier, um zu bleiben, und wir sind auch sehr gerne hier. Das Judentum hat in Deutschland wieder ein richtiges Zuhause gefunden.

Das ist sicher auch eine Generationenfrage.

Bei den Jungen merkt man es natürlich am stärksten. Ich bin ja selbst Fußball-Fan, der sich auch für die deutsche Nationalmannschaft begeistert. Ich war jetzt gerade bei den Makkabi- -Meisterschaften in Wien, wo jüdische Mannschaften aus ganz Europa antraten – die deutsche Mannschaft erstmals mit Schwarz-Rot-Gold auf der Brust und begeistert „Deutschland!" rufend. Das war früher undenkbar. Dass sich junge Juden so mit Deutschland identifizieren, ist ein ganz gewaltiger Sprung nach vorne, über den ich sehr glücklich bin. Jüdisch- und Deutsch-sein schließt sich schon lange nicht mehr aus, im Gegenteil. Wir erleben, wie eine neue, kraftvolle und frische jüdisch-deutsche Identität wächst.

Andererseits wird Antisemitismus nicht nur Rechtsaußen sondern zunehmend auch Linksaußen gepflegt?

Antisemitismus wird nicht weggehen, er geht vielmehr mit der Mode. Das ist auch keine politische Einstellung, das ist eine Kontamination der Seele, eine Vergiftung der Herzen. Man nimmt ja Juden nicht übel, was sie tun oder was sie nicht tun, sondern dass es sie allein schon gibt. Bei den Faschisten gehört das zur Corporate Identity. Es gibt aber keinen generellen linken Antisemitismus, das zu sagen wäre ungerecht. Es gibt jedoch da und dort aggressive Israel-Feindschaft, die schon in Judenhass umschlägt. Gravierender ist aber die wachsende Judenfeindschaft in Teilen der muslimischen Bevölkerung, vor allem unter einigenJugendlichen.

Sie fordern deshalb die Verantwortlichen der muslimischen Gemeinden auf, aus dem Gegeneinander ein Miteinander zu machen. Welche Reaktionen erhalten Sie von muslimischen Funktionären?

Ich habe sofort nach meiner Wahl den Dialog mit den anderen Religionen aufgenommen, natürlich gerade auch mit der muslimischen Community. Das ist aber schwieriger, weil es sehr unterschiedliche muslimische Gemeinden gibt, die zum Teil auch noch heftig miteinander rivalisieren. Es gibt einige, die das Problem erkannt haben und etwas dagegen tun wollen. Bei anderen sind das bislang nur Ankündigungen, da müsste noch viel mehr kommen. Hier dürfen wir niemanden aus der Verantwortung entlassen.

Nazi-Herrschaft und der Holocaust sind seit Jahrzehnten das beherrschende Thema im Geschichts-, Politik- oder auch Deutschunterricht. Braucht man für die hier lebenden jungen Muslime vielleicht andere pädagogische Konzepte?

Das ist ein schwieriges Thema. Offenbar gibt es häufiger im Unterricht junge Muslime, die fragen, was das eigentlich mit ihnen zu tun habe: Sie kämen doch aus einem Kulturkreis mit einer ganz anderen Geschichte. Aber darum geht es ja gar nicht. Auch die jungen Deutschen haben doch keinen Anteil an den Verbrechen und schon überhaupt gar keine Schuld. Es geht ganz generell um Wissen-Wollen und um Verantwortung. Auch junge Muslime sollten aus der Geschichte des Landes, in dem sie leben, lernen. Miteinander und herzliches Füreinander statt kaltes Nebeneinander – dieses Ziel muss uns doch alle einen und kennt keine Religionsgrenze.

Wenn vier Millionen Muslime beklagen, dass sie im Vergleich zu einer Viertelmillion Juden in der Politik, in der Gesellschaft, in den Medien unterrepräsentiert sind – übertreiben die dann oder sind sie einfach selbst schuld?

Ich kann mich sicherlich nicht darüber beklagen, dass wir zu wenig wahrgenommen würden. Aber das hat ja in Deutschland auch einen gewichtigen historischen Grund, den man nicht wegdiskutieren darf. Im Übrigen haben wir unsere Möglichkeiten, öffentlich etwas zu sagen, gerade auch immer wieder zugunsten der Muslime genutzt. Zuletzt in der Sarrazin-Debatte: Wir haben als erste unsere Stimme für die muslimische Community erhoben und gesagt, dass man Integrationsprobleme zwar ansprechen muss, aber dass man nicht Menschen muslimischen Glaubens so respektlos abwerten darf. Wir setzen uns immer grundsätzlich gegen Diskriminierung ein.

Wird das denn auch von muslimischer Seite honoriert?

Offen gesagt: Es könnte schon deutlicher sein. Doch viel mehr als eine „Honorierung" würden wir Taten bevorzugen, gerade im konkreten Kampf gegen den Antisemitismus. Schließlich tun wir dies nicht, weil wir Dank erwarten, sondern weil wir es immerzu als unsere Pflicht sehen, uns für andere einzusetzen.

Entspannter ist inzwischen das Verhältnis zu den Katholiken. Den Papst treffen Sie gleich zu Beginn von dessen Deutschlandbesuch am 22. September. Freuen Sie sich auf die Begegnung?

Ja, sehr sogar. Der Papst absolviert ja hier ein geradezu sportlich-ehrgeiziges Programm. Wenn er gleich am ersten Tag die Zeit findet, mit den Vertretern der jüdischen Gemeinschaft zu sprechen, ist das ein ganz wichtiges, positives Zeichen, das uns signalisiert, wie sehr die Beziehung zum Judentum ihm persönlich am Herzen liegt.

Erwarten Sie klare Worte von Benedikt XVI., etwa eine Distanzierung von der anti-semitischen Pius-Bruderschaft oder einen Verzicht auf die Seligsprechung des Kriegs-Papstes Pius XII.?

Sie sprechen genau die Punkte an, die uns schmerzen. Zur Offenheit gehört, dass man auch solche Punkte anspricht. Ich glaube aber nicht, dass Papst Benedikt diese Punkte in dem kurzen Gespräch, das wir haben werden, gleich auflösen kann. Dennoch, ich glaube, dass dieses Treffen ein weiterer Schritt zu einer Festigung der positiven und vertrauensvollen jüdisch-katholischen Beziehungen sein wird.

Heute vertreten Sie etwa die Hälfte der hier lebenden 260<ET>000 ? Juden, nämlich die in Gemeinden organisierten. Doch die Gemeinden sind stark überaltert, aus Osteuropa kommt kaum noch jemand nach.

Ohne den Zuzug aus der ehemaligen Sowjetunion wären wir heute eine Liquidationsgemeinschaft von rund 15<ET>000 Mitgliedern. Nun haben wir wieder eine vitale Basis. Es stimmt zwar, dass nur rund die Hälfte der Menschen, die unter dem jüdischen Ticket hier eingewandert sind, auch jüdischen Gemeinden beigetreten ist. Viele Juden in der Sowjetunion sind eben ganz glaubensfern aufgewachsen, das war schließlich ein religionsfeindlicher und überwiegend auch judenfeindlicher Staat. Aber unsere Mitgliederzahl hier hat sich vervielfacht. Das ist ein Glück, ein Segen und eine enorme Bereicherung. Nur deshalb haben wir nun die Chance, eine florierende, vielfältige jüdische Zukunft in Deutschland ganz neu aufzubauen. Diese haben wir genutzt und nutzen sie noch weiter.

Gibt es denn noch große Unterschiede zwischen orthodoxen und liberalen Gemeinden in Deutschland?

Nein, die Unterschiede sind gar nicht so groß. Aber im Judentum wie im Christentum nimmt in Europa die Kraft des Glaubens generell leider ab und damit auch die Zahl der Gläubigen. Unsere Synagogen werden immer zahlreicher, immer schöner, aber leider auch immer leerer. Wir müssen aufpassen, dass sie nicht zu Museen werden. Darum kämpfen wir um die Gläubigen mit vielen, vielen Initiativen.

Gestatten Sie zum Schluss eine sehr persönliche Frage: Irgendwann wurde aus dem in Ramat Gan geborenen Sabra David Graumann der deutsche Jude Dieter Graumann. Wie kam es dazu?

Bevor ich eingeschult wurde, haben mich meine Eltern vor einen Spiegel gestellt und gesagt: David, Du heißt jetzt Dieter. Meine Eltern sind Überlebende des Holocaust, sie haben fast ihre ganze Familie verloren. Für sie war es ein Albtraum, dass ich als jüdischer Junge sofort in der Schule erkannt werden könnte. Heute sind biblische Namen – Sarah, Benjamin, David – viel verbreiteter als damals; sie lassen nicht mehr auf die Religionszugehörigkeit schließen. Doch die Aktion meiner Eltern war vergeblich: Schon nach zehn Minuten wurde die Religionszugehörigkeit abgefragt, damit man zum entsprechenden Unterricht eingeteilt werden konnte.

Dann hätten Sie doch bei David bleiben können.

Nein, denn ich habe meinen Eltern davon damals doch gar nichts erzählt. Ich den Familien von Shoa-Überlebenden war es oft so, dass die Kinder auch eine gewisse Beschützerrolle für ihre Eltern übernehmen mussten. Wir haben ja immer die Last gespürt, die sie mit sich herumtrugen, deshalb haben wir sie möglichst nicht beunruhigt oder gar verletzt. Ich habe ihnen das erst viele Jahre später erzählt.

Trauern Sie dem David noch hinterher?

Mittlerweile habe ich mich schon an den Dieter gewöhnt, aber David bleibt für mich immer noch der schönste männliche Name, den es gibt. Zumal ich den biblischen David immer sehr bewundert habe: Er hat so viele Psalmen und Lieder verfasst. Und das immerhin habe ich mit ihm gemeinsam: Literatur und Musik gehören auch zu meinen großen Leidenschaften.

Weser Kurier, Joerg Helge Wagner, 28. August 2011