01.05.2011

„Gegen den Generalverdacht“

Christ und die Welt-Ressortbeilage der Wochenzeitung DIE ZEIT, Andreas Öhler, Mai 2011

Was haben Sie, empfunden, als Sie vom Tod Osama Bin Ladens erfahren haben?

Mein erstes Gefühl ist das der herzlichen Empathie mit den Opfern des Terrors und ihren Angehörigen – das überwiegt in meiner persönlichen Gefühlswelt die grüblerische Frage, ob man denn prinzipiell sich über den Tod eines Massenmörders freuen darf. Auf jeden Fall: Ich finde es gut, dass dem internationalen Terrorismus ein Schlag versetzt wurde.

Erwachsen daraus nicht neue terroristische Bedrohungen, auch für Deutschland?

Die Terroristen lieber nicht verfolgen zu wollen, aus Angst davor, dass man sie reizen könnte, wäre doch eine geradezu erbärmliche Einstellung. Passiv zu sein, beherrscht von der Angst „Vorsicht, die Terroristen könnten böse werden" – das wäre eine Schande! Leider glaube ich aber nicht, dass der Terrorismus mit dem Tod bin Ladens besiegt ist, dennoch sollten wir nicht in Angst und Schrecken verfallen und uns in unserer Lebensweise einschränken lassen, denn genau dies wollen die Terroristen.

Hätte sich die Bundesregierung in der Frage eines militärischen Einsatzes gegen Gaddafi in Lybien weniger zögerlich verhalten sollen?

Man hätte sich schon in noch größerer europäischer Geschlossenheit und praktizierter Gemeinsamkeit gegen Gaddafi stellen sollen, um den Menschen vor Ort zu helfen. Dennoch, insgesamt glaube ich, die Bundesregierung hat angesichts der dramatischen Umwälzungen nur begrenzte Einflussmöglichkeiten. Alle politischen Parteien hier haben immer gesagt, dass sie den Wunsch nach Freiheit unterstützen, der Zentralrat der Juden übrigens natürlich auch. Wenn Menschen gegen Unfreiheit kämpfen, sind wir mit unseren Herzen und Wünschen immer an ihrer Seite. Aber man sollte trotz allem nicht vorschnell urteilen. Wir wissen ja noch gar nicht, was bei diesem arabischen Frühling am Ende rauskommt: ob daraus ein arabischer Sommer,gar ein Sommermärchen wird. Es könnte auch ein klirrend kalter arabischer Winter werden.

Muss Israel nicht Angst haben, vor einer Destabillisierung der Region?

Für Israel gibt es Chancen und Risiken. Nehmen wir beispielsweise Ägypten: Israel hat Frieden geschlossen zuerst mit Präsident Sadat, dann mit Präsident Mubarak, aber nicht wirklich mit den Menschen in Ägypten. Wenn es denn möglich wäre, Frieden zu schließen nicht nur mit einzelnen Regimen, sondern mit den Menschen, wäre das natürlich besonders schön.

Sie haben öfters betont, dass die deutsche Gesellschaft in Fragen der Integration von den Juden heute etwas lernen könnte ...

Unsere Gemeinden bestehen zu neunzig Prozent aus Menschen, die erst in den letzten zwanzig Jahren zu uns gekommen sind. Das heisst, zehn Prozent meisterten die Aufgabe, die restlichen neunzig Prozent zu integrieren. Ich kenne niemanden, der vor eine ähnliche Aufgabe gestellt wurde. Dafür gelang es doch sehr gut. Trotz einiger Unvollkommenheiten ist das eine ganz große Erfolgsstory, die zu einem Happy End führen wird. Diese Leistung kann man natürlich nicht 1:1 auf die großen Integrationsfragen in Deutschland übertragen, aber einzelne Dinge kann man von uns natürlich schon lernen. Wir haben jedenfalls ein großes Integrations-Know-how erworben, indem wir auf die Menschen, die hier ankamen, mit offenen Armen und mit offenen Herzen zugegangen sind. Aber ich habe bisher leider nicht den Eindruck, dass wir mit unseren Erfahrungen auf ein großes gesellschaftliches Interesse stoßen. Das ist schade.

Was unterscheidet einen jüdischen Einwanderer eigentlich von einem muslimischen Immigranten? Hat er einen anderen Integrationswillen und mehr Bildungsbereitschaft?

Es gibt nicht „den" jüdischen und „den" muslimischen Einwanderer als eigene Spezies Integrationswille hat auch nichts mit Religion zu tun. Unsere Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion waren in ihrer Heimat eine Bildungselite. Obwohl sie dort nur ein Prozent der Bevölkerung ausmachten, wurden fünfzehn Prozent aller wissenschaftlichen Berufe von ihnen ausgeübt. Viele Lehrer und Ärzte und Wissenschaftler waren Juden. Sie, ihre Kinder und Enkelkinder sind beseelt von einem großen Bildungshunger. Das sieht man hier in den Schulen: die jungen Zuwanderer sind oft die Besten in ihren Klassen. Sie sind oft viel lernwilliger als unsere eigenen Kinder und eine Bereicherung für die ganze deutsche Gesellschaft.

Auf der anderen Seite haben sich diese Menschen aber von der Religion sehr weit wegbewegt. Sie sind in einem System aufgewachsen, dass sich über sieben Jahrzehnte hindurch als religionsfeindlich erwies und als judenfeindlich obendrein. Für die jüdische Religion müssen wir daher noch mehr das Interesse wecken.

Frequentieren diese Zuwanderer die Gemeinden?

In die jüdischen Gemeinden gehen die Allermeisten, aber nicht in die Synagoge. Viele unserer alteingessenen Mitglieder gehen aber auch nicht mehr dorthin. Das ist dasselbe, wie in den christlichen Gemeinden. Nicht nur die Kirchen werden immer leerer, die Synagogen leider auch. Ich selbst gehe jeden Schabatt in die Synagoge, aber die Mehrheit macht das nur an den hohen Feiertagen.

Unter den Christen ist trotz zahlreicher Kirchenaustritte eine neue Religiosität zu bemerken. Gibt es unter jungen Juden nicht auch eine neue spirituelle Sinnsuche, etwa in der Kabbala oder der jüdischen Mystik?

Das Judentum lebt ja nicht nur aus der Religion, es speist sich auch aus der Tradition und der Kultur. Es bedeutet Schicksalsgemeinschaft und stärkt vor allem das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Jude zu sein, ist für uns eine moralische, emotionale und spirituelle Kraftquelle ganz besonderer Art. Es bietet uns Inspiration und Verankerung. Das Judentum wird schon über eine lange Kette von hundert Generationen transportiert. Wir wollen, dass diese Kette nicht reißt. Zu wissen, dass man ein Glied dieser langen Kette ist, das verlangt einerseits Verantwortung, verleiht uns andererseits aber auch Bewusstheit über unsere Wurzeln.

Wenn man eine soziologische Skala über den sozialen Staus in Deutschland anfertigen würde, wo wäre da ein eingewanderter Jude aus Russland angesiedelt? Stünde er eher neben einem mulimischen Einwanderer, oder eher schon bei den Einheimischen. Hat er die gleichen Probleme wie ein Zuwanderer etwa aus dem Libanon im Versuch in Deutschland Fuß zu fassen?

Das lässt sich nicht vergleichen, es lassen sich aber auch keine pauschalen Kategorien erstellen. Bestimmt gibt es Ähnlichkeiten, was die Frage der Sprachkompetenz angeht. Besonders die älteren zugewanderten Menschen haben große Probleme, die deutsche Sprache zu erlernen. Es gibt darunter auch einige, die das gar nicht mehr schaffen. Das ist natürlich die größte Integrationsbarriere. Bei den Jungen sieht das allerdings ganz anders aus. In den jüdischen Schulen können Sie heute nicht mehr ergründen, ob jemand in Köln oder in Kiew geboren wurde.

Wenn Sie in Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab" lesen, dass Juden besonders intelligent sind, während es Muslime an Bildungskompetenz fehlen lassen – sind Sie dann erfreut über eine solche These?

Wenn ich das lese, denke ich an die vielen unintelligenten Juden, die ich kenne und die man Herrn Sarrazin vielleicht einmal vorstellen sollte. Es gibt auch vergiftete Komplimente. Ich glaube, dass Juden nicht dümmer und gescheiter sind als andere. Auch positive Diskriminierung bleibt Diskriminierung.

Henryk Broder warnt sehr eindringlich in den Medien vor einer islamistischen Gefahr und Ralf Giordano protestierte gegen den Moscheebau in Köln. Was halten Sie davon?

Herr Giordano hat eine bewegende Biografie, ist ein absolut brillianter Autor, den ich sehr bewundere, aber in diesem Punkt stimme ich ihm nicht zu. Ich glaube, man muss die Muslime genauso ihren Glauben praktizieren lassen, wie man das bei anderen Menschen tut, und man muss sich auch ein bißchen von der heimeligen Vorstellung lösen, dass die Kirche im Mittelpunkt des Dorfes stehen muss. Da kann auch einmal eine Moschee stehen, auch am Stadtrand oder sonst irgendwo. Unsere Gesellschaft hat sich pluralisiert. Jeder sollte hierzulande nach seiner religiösen oder eben nicht-religiösen Facon glücklich werden können, solange er dem Anderen gegenüber Respekt aufbringt.

Und Hendrik Broder?

Henryk Broder ist ein außergewöhnlich geistreicher Polemiker, die Provokation ist seine Passion. Er ist für mich der Karl Kraus unserer Tage. Aber er spielt in seiner eigenen Manege. Ich teile mit ihm die Ansicht, dass man aufpassen sollte, dass extremistische Kräfte in den muslimischen Gemeinschaften nicht die Oberhand gewinnen. Es ist aber wiederum ganz verkehrt, wenn man Muslime unter Generalverdacht stellt. Die allermeisten von ihnen leben hier friedfertig und kommen mit Andersgläubigen gut aus. Ihnen sollte man die Hand entgegenstrecken. Aber es gehört eben auch dazu, dass wir Juden öffentlich darauf verweisen dürfen, dass es in den muslimischen Gemeinden heute leider viel zu viel Antisemitismus gibt, gerade unter jungen Menschen. Nach aktuellen Umfragen wächst der Antisemitismus vor allem unter jungen muslimischen Männern in Deutschland massiv. Er wird immer heftiger, immer lauter, auch immer brutaler. Man hört es auf den Schulhöfen, auf den Fußballplätzen. Und hier unternehmen die muslimischen Verbände noch immer viel zu wenig dagegen. Wir hören zwar schöne Worte, aber sehen zu wenige Taten. Die Verantwortlichen müssen mehr tun. Freundliches Fernsehlächeln ist einfach nicht genug.

Haben Sie schon einmal überlegt, diesbezüglich eine gemeinsame Aktion, eine Art Aufklärungskampagne mit den muslimischen Verbänden zu starten?

Es gab durchaus schon wunderbare, religionsübergreifende Projekte, wie beispielsweise das Projekt „Weißt du, wer ich bin?", bei dem der Zentralrat der Juden, die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, der Zentralrat der Muslime in Deutschland und die DITIB bundesweit zusammenarbeiten. Das Projekt initiiert und unterstützt lokale Initiativen, die sich allesamt dem interkulturellen Dialog und dem friedlichen Zusammenleben widmen. Natürlich wäre es wünschenswert, noch mehr solcher Initiativen und Projekte zu haben und insbesondere die Jugend dabei anzusprechen und zu erreichen. Der Weg ist immerhin bereits begonnen, jetzt müssen wir ihn tatkräftig und entschlossen weitergehen .

Wäre es nicht auch hilfreich, einen Religionsgipfel zu initiieren, gemeinsam mit Christen und Muslimen? Warum soll immer nur der Innenminister, also die Politik, für eine bessere Verständigung in unserer Gesellschaft sorgen?

Der Zentralrat der Juden hat ja keine religiöse, sondern eine politische Funktion. Wir haben den Dialog mit den muslimischen Organisationen bereits aufgenommen. Unser neugewählter Zentralrat hatte vor ein paar Monaten bei seiner ersten Direktionssitzung zwei prominente Persönlichkeiten zu Gast: den Vorsitzenden des muslimischen Zentralrates, Herrn Mazyek und den Vorsitzenden der türkischen Gemeinden in Deutschland, Herrn Kolat. Wir werden demnächst auch ein Gespräch mit der „Anstalt für Religion in der türkisch-islamischen Union", der DITIB, führen.

Wenn Sie miteinander um Verständigung ringen, steht dann nicht immer der Staat Israel im Weg oder wird dieses heikle Thema ausgeblendet?

Solange wir den Nahen Osten ausblenden, geht es blendend.

Die muslimischen jungen Männer begründen ihren Antisemitismus ja vorrangig als Antizionismus gegen Israel. Unterscheidet sich dieser Antisemitismus nicht graduell von dem deutscher Neonazis, die sich auf alte rassische Vorurteile einschwören?

Diese Parallele will ich gar nicht ziehen. Viele Ressentiments gegen die Juden haben aber auch alte Wurzeln und werden nur über die Israelkarte gespielt und über den Nahostkonflikt begründet. Aber der Judenhass ist ja nicht nur Importware. Es gibt auch in Deutschland in manchen Moscheen Hassprediger, die gegen die Juden hetzen. Diese Gefahr wird hierzulande leider nicht immer so bekämpft, wie es sein sollte.

Was ist los mit unserem Nachbarland Frankreich, dass so viele französische Juden nach Israel gehen?

Wenn man die Zahlen ansieht, sind es gar nicht so viele Franzosen, die dorthin ausgewandert sind. Etliche haben sich dort nur einen Zweitwohnsitz angeschafft. Das liegt daran, dass insbesondere in Südfrankreich, ich weiß es von Freunden in Nizza und anderen großen Städten, dass es unter den Juden dort ein großes Unbehagen gibt, weil es in manchen Stadtvierteln immer wieder zu antisemitischen Vorfällen kommt. Der Judenhass wird dort sehr vehement von Teilen der zugewanderten Muslimen betrieben, und man hat dort als Jude nicht immer das Gefühl, dass die staatlichen Institutionen einen so beschützen, wie man sich das wünschen würde.

Glauben Sie, dass wir solche Zustände auch einmal in Deutschland bekommen?

Deutschland hat unter Juden, vor allem in Israel, inzwischen ein sehr gutes Image. Früher durfte man in Israel fast gar nicht sagen, dass man aus Deutschland kommt. Ich hab es trotzdem immer getan und mir hundert Mal in jedem Urlaub anhören müssen: Wie kannst du nur als Jude in Deutschland leben? Ich höre das seit 15 Jahren nun überhaupt nicht mehr. Das hat mit dem veränderten Deutschlandbild in der Welt zu tun, hat aber auch bei aller Bescheidenheit etwas mit uns Juden hier zu tun, weil wir in den internationalen jüdischen Gemeinschaften für das neue Deutschland immer wieder werben. Kein Land der Welt stellte sich so seiner Geschichte, kein anderes Land hatte es allerdings auch so bitter nötig. Man hat in Israel längst realisiert, dass Israel in Europa keinen besseren Freund hat als Deutschland.

Glauben Sie, dass in Deutschland wieder einmal ein jüdischer Geist die deutsche Kultur mitgestalten könnte, wie er es beispielsweise in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts tat?

So wie vor der Nazizeit wird er nie mehr erblühen. Schon allein aus numerischen Gründen nicht. Was Juden für die deutsche Kultur geleistet haben, ist heute leider oft gar nicht mehr so bekannt, auch deshalb, weil es nicht genügend bekannt gemacht wird. Junge Menschen wissen darüber heute viel zu wenig. Das müsste in den Schulen viel mehr vermittelt werden. Auch dass Deutschland sich seinerzeit selbst schwächte, als es diese wichtige Quelle der Inspiration zum Versiegen brachte. Inzwischen wächst hier sehr sachte und sehr allmählich eine neue jüdische Kultur heran, nicht zuletzt durch unsere Zuwanderer. Gerade vor knapp einem Monat hatten wir die Jüdischen Kulturtage in NRW mit über 500 Veranstaltungen, neue jüdische Kultur war dort schon fast mit den Händen zu greifen.

Sie sind der erste Vorsitzende des Zentralrates der Juden, der aus Altersgründen die Naziverfolgung nicht mehr erlebte. Sie wollen sich nicht mehr nur auf die Funktion eines Geigerzählers reduzieren lassen, der bei Antisemitismus sofort ausschlägt ...

Leider gibt es in den öffentlichen Medien so einen Reflex, der sich eingeschliffen hat: Wenn in Deutschland irgendetwas passiert, was mit Naziumtrieben oder Antisemitismus zu tun hat, dann ruft man mal eben schnell den Zentralrat der Juden an und bittet um ein knackiges Statement. Je aggressiver, umso besser - dann wird es auch gesendet und gedruckt. Wir selbst haben diesen Reflex leider jahrelang bedient. Ich weiß nicht, ob das immer so schrecklich klug war. Natürlich werden wir auch in Zukunft kritische Dinge sagen und das laut und deutlich, wann immer und wo immer es nötig sein wird. Wir engagieren uns mit Feuer und mit Leidenschaft für all das, was uns am Herzen liegt. Daran ändert sich nichts. Aber dieses reflexhafte jüdische Mahnwesen, muss es nicht auf Dauer geben. Wir brauchen Kreativität und Phantasie und keine Empörungsrituale. Wir sollten noch mehr öffentlich kundtun, wofür wir sind, und nicht immer nur wogegen. Das ist natürlich viel anspruchsvoller und viel schwieriger. Es ist eine Reise, auf die wir uns jetzt erst begeben. Und jede Reise beginnt bekanntlich mit den ersten Schritten. Und ja: Wir kommen schon ganz gut voran.

Christ und die Welt-Ressortbeilage der Wochenzeitung DIE ZEIT, Andreas Öhler, Mai 2011-Christ & Welt Ausgabe 20/2011