01.04.2011

Ein selbstbewusstes Judentum

TRIBÜNE-Gespräch mit Dr. Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, April 2011

TRIBÜNE: Herr Dr. Graumann, Sie gehören der ersten Nachkriegsgeneration an. Sie sind in Ramat Gan, Israel geboren und kamen erst als Zweijähriger mit Ihren Eltern nach Deutschland. Trotzdem wurde Ihr Leben von Kindheit an von der Naziverfolgung geprägt, die Ihre Eltern erlitten haben.

GRAUMANN: In der Tat, meine Kindheit war davon geprägt, dass ich ein Kind von Holocaust-verfolgten Menschen war und bin. Meine Eltern haben sehr früh darüber gesprochen, so dass ich schon als kleines Kind wusste, was damit zusammenhängt. Meine Mutter hat mir immer wieder erzählt, wie sie als junges Mädchen abgeholt wurde und nicht einmal die Chance hatte, sich von ihren Eltern zu verabschieden – das beschäftigt sie bis heute. Zudem waren die meisten Menschen, die man in den 50er Jahren in Deutschland traf, im Krieg gewesen. Besonders bei den Männern fragte man sich immer: »Was hat dieser Mann im Krieg gemacht?« Eva Menasse zum Beispiel hat in ihrem Buch »Vienna«, über diese »Frage der Fragen« wunderbar geschrieben. Auch ich habe mich bei jedem Lehrer, bei jedem Schaffner in der Straßenbahn gefragt: »Könnte er meine Großeltern ermordet haben? Hat er vielleicht meine Eltern gequält?« Diese Fragen stellten sich wieder und immer wieder.

TRIBÜNE: Sie sind auch der erste Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, der nach der Shoa geboren ist. Allein damit haben Sie alte Hoffnungen hierzulande geweckt, dass Erinnern an die Naziverbrechen und Gedenken an die Opfer nun auf Festtage begrenzt blieben und man endlich den viel diskutierten und oft ersehnten »Schlussstrich« ziehen kann.

GRAUMANN: Einen Schlussstrich wird es keinesfalls geben, nicht jetzt und nicht in Zukunft. Wer meint, dass unsere Gefühle zur Shoah erkalten oder nachlassen, der irrt, wie man überhaupt nur irren kann. Wir Juden haben ja ein gutes Gedächtnis. Wir erinnern – oft formell und auch ritualisiert einerseits, aber auch emotional und intensiv andererseits – an Ereignisse , die oft schon 3.000 oder mehr Jahre zurückliegen. Dass vor gerade einmal 70 Jahren Millionen jüdischer Menschen ermordet wurden, können und werden wir sicherlich nicht vergessen. Dieses Verbrechen liegt in unseren Herzen – auch bei Juden, deren Familien keine eigene Holocaust-Erfahrung haben, wie bei amerikanischen Juden oder Juden aus Russland und der Ukraine. Aber die Holocaust-Erfahrung und dazu zähle ich eben auch den Umgang mit der Shoa der Folgegenerationen, ist zu einem Teil der gesamtjüdischen Gefühlswelt geworden; sie ist auch teilweise ein Stück weit identitätsstiftend und verbindet uns über viele Grenzen hinweg.

TRIBÜNE: Sie selbst plädieren aber für ein neues jüdisches Selbstverständnis ohne Opferrolle, für eine neue Identität, für Kontinuität und Wandel zugleich, wie Sie es ausgedrückt haben.

GRAUMANN : Wir dürfen uns selbst eben gerade nicht auf die Opferrolle beschränken; die Shoah darf nicht unsere wirkliche, ganze Identität bestimmen. Es gibt eine Tendenz im Judentum, die Shoah – überspitzt gesagt – in den Rang einer Ersatzreligion zu erheben. Das betrifft nicht nur das Judentum in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt. Doch diese Entwicklung ist falsch. Wir werden die Shoah gewiss nicht vergessen, aber wir dürfen uns nicht darüber definieren, sonst machen wir uns zu Marionetten und zu Gefangenen unserer eigenen Katastrophen. Das Judentum hat in seiner Geschichte sehr oft leiden müssen. Es gab so viele Pogrome, und die Shoah war der Höhepunkt. Aber Judentum bedeutet sehr viel mehr als nur Leiden und Sterben. Wenn wir uns nur über diese Opferrolle identifizieren, machen wir einen ganz großen Fehler: Dann vergessen wir das, was Judentum wirklich ausmacht, das viele Positive, was das Judentum zu bieten hat und was es transportiert, die spirituelle Kraft und den kulturellen Reichtum und die jahrtausendalte Traditionen. Außerdem muss uns endlich klar werden, dass wir auch hier schon lange keine bloßen Opfer mehr sind, sondern ein starker, selbstbewusster und wichtiger Teil der deutschen Gesellschaft. Erst wenn wir uns selbst so sehen und diese Wahrheit verinnerlichen, können wir auch von der nicht-jüdischen Welt so wahrgenommen werden.

TRIBÜNE : Sie sind hier einer Meinung mit Michael W. Blumenthal, dem Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, der die Entwicklung des Judentums insbesondere in Deutschland von der Opferrolle abkoppeln will. Er plädiert für ein zukunftsorientiertes Judentum und kann sich anstelle der »Juden in Deutschland« sogar wieder »deutsche Juden« vorstellen.

GRAUMANN : Wie man sich nennt, ob Juden in Deutschland oder deutsche Juden, das ist wieder ein anderes Thema und meiner Meinung für das jüdische Selbstverständnis auch nicht unbedingt so relevant. Es war zum Beispiel schon oft in der Diskussion, den Zentralrat umzubenennen – auch Ignatz Bubis hat mit dem Gedanken geliebäugelt. Aber seit 20 Jahren haben wir die Zuwanderung von so vielen jüdischen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, und die Mehrheit von ihnen hat gar keinen deutschen Pass. Durch die bloße Umbenennung des Zentralrats in »Zentralrat der deutschen Juden« würden wir Menschen, die uns nahe sind, die zu uns gehören, ausschließen. Das werden wir niemals tun! Die Namensänderung bleibt aber eine schöne Vision für die weite Zukunft. Immerhin erfolgte die Umbenennung damals auf Druck der Nazis. Wenn wir uns selbst eines fernen Tages wieder »zurückbenennen« könnten, wäre das gewiss ein nachträglicher Triumph. Aber ich sehe das noch lange nicht. Im übrigen dürfen wir uns auch nicht darüber definieren, wie »deutsch« wir sind, ob wir deutsche Juden, Juden in Deutschland oder jüdische Deutsche sind. Ich glaube, das ist das falsche Kriterium. Wichtig ist gar nicht so sehr, wie „deutsch" wir sein können, sondern wie jüdisch wir sein wollen. Außerdem: Juden haben in Deutschland doch gelernt, dass keiner ein besserer Deutscher wird, indem er aufhört, Jude zu sein. Gerade deutsche Juden haben das sehr schmerzlich erfahren, denn vor der Nazizeit haben viele anders gedacht und gefühlt und gehandelt. Ein bewusstes und selbstbewusstes Judentum muss jedoch aus sich selbst heraus Stärke empfinden und schöpfen. Wie wir uns dann benennen, ist in diesem Fall nur sekundär- wir wollen jedenfalls ein munterer Teil der Gesellschaft in Deutschland sein

TRIBÜNE: Die grausamen Erfahrungen und Erlebnisse während des Holocaust veranlassten Ihre Eltern, Ihnen von einem Engagement im Zentralrat abzuraten. Trotz Ihres engen Verhältnisses zu Ihrer Familie haben Sie sich für das Amt des Zentralratspräsidenten entschieden und damit für ein Leben, bei dem das Private wegen der leider notwendigen Sicherheitsmaßnahmen stark einschränkt ist.

GRAUMANN: Das stimmt. Meine Eltern haben aus ihren persönlichen Erlebnissen in den verschiedenen Konzentrationslagern abgeleitet, dass Juden, die sich profilieren, sich besonders als jüdisch engagieren, auch besonders gefährdet sind. Diese Erfahrung haben sie verinnerlicht, was ich auch verstehen kann. Meine Eltern sind aus der Shoah herausgekommen, aber die Shoah ist nie aus meinen Eltern herausgekommen. Das geht vielen Shoah-Opfern so, ihr Leben lang. Meine Einstellung zum jüdischen Engagement ist eine andere, und das ist der einzige Punkt, in dem meine Eltern und ich nicht übereinstimmen und wahrscheinlich nie übereinstimmen können. Diese Dissonanz ist es aber auch wahrscheinlich, die mein Handeln begründet und mich so motiviert. Ich kämpfe nämlich dafür, dass sich in Zukunft niemand mehr aufgrund seines Judentums als bedroht empfinden und sich daher in irgendeiner Weise einschränken muss.

TRIBÜNE: Seit der Wende 1989 und dem Anwachsen der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland hat sich deren Struktur stark verändert. Die Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion und deren Satellitenstaaten haben Befürchtungen geweckt, es könne zu einer Wiederholung des Konflikts Anfang des 20. Jahrhunderts zwischen den deutschen Juden und den Ostjuden kommen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Dresden 1990 unsere Frage nach dem Fortschritt der Integration der Einwanderer schmunzelnd beantwortet hat: »Es läuft prima. Wir lernen alle Russisch.«

GRAUMANN: Die Geschichte der jüdischen Zuwanderung nach Deutschland aus dem Osten ist sehr komplex. Sie beginnt nicht erst 1989, denn schon früher sind jüdische Menschen aus dem Osten nach Deutschland gekommen. Am Anfang des 20. Jahrhunderts gab es eine große Zuwanderungswelle. Ich habe nicht vergessen, was ich aus vielen Büchern und Berichten darüber gelernt habe, wie deutsche Juden sich damals benommen haben, nämlich schlecht und schändlich. Sie haben auf die Ostjuden herabgeblickt, sie haben sich geschämt für sie, weil sie anders gekleidet waren, weil sie nicht gut Deutsch konnten, weil sie nicht bewandert waren in deutscher Kultur, vielleicht auch, weil sie zu religiös waren. Und sie haben die Ostjuden ausgegrenzt. Dafür gibt es viele Beispiele. Valentin Senger etwa, dessen Familie aus dem Osten kam, hat in seinen Büchern über die Situation damals geschrieben. Er hat beschrieben, wie seine Familie von den deutschen Juden diskriminiert wurde, hier in Frankfurt, hier mitten unter uns. Dass er selber nicht einmal in den jüdischen Sportclub eintreten durfte. Der „Bar Kochba" Club, der Vorläufer dessen, was wir heute Makkabi nennen, wollte ostjüdische Menschen damals nicht aufnehmen. Die „Ostjuden" mussten daraufhin in Frankfurt den JASK gründen, den Jüdischen ArbeitersportKlub. Oder betrachten wir die B'nei B'rith-Logen, die ebenfalls sehr stark deutsch geprägt waren und erst nach dem Krieg begannen, Ostjuden als Mitglieder zu akzeptieren. Das war keine Glanzleistung des deutschen Judentums! Bei den Nazis freilich haben dieselben Juden dann Seite an Seite in den Deportationszügen gesessen, denn die Nazis machten keinen Unterschied zwischen Ostjuden und deutschen Juden. Für sie waren alle Juden gleich schlimm und gleich »unwert«. Erstaunlicherweise hast sich aber auch nach der Hölle der Shoah, die innerjüdische Ausgrenzung teilweise noch fortgesetzt. Als ich hier in den 1950er Jahren aufwuchs, gab es noch einige deutsche Juden. Die Mehrzahl der Juden in Frankfurt kam jedoch aus dem Osten, aus Polen, aus Rumänien, aus Ungarn. Und trotzdem blickten viele deutsche Juden noch mit einem Stück Überheblichkeit auf die Ostjuden herab. Inzwischen hat sich das zum Glück aber völlig geändert. Aber als 1989 wiederum Menschen aus dem Osten zu uns kamen, da war es für mich persönlich sehr wichtig, dass es diesmal anders ablaufen sollte. Ich habe mir geschworen, diesmal würden diejenigen, die schon da sind, die Neuen mit offenen Armen und offenen Herzen aufnehmen. Sie sollten nicht zurückgewiesen werden mit unausgesprochenen Fragen und Vorwürfen wie »Wo kommt ihr eigentlich her? Was habt ihr hier eigentlich verloren?« Die Neuankömmlinge mit Gefühlen der Herzlichkeit aufzunehmen, das war mein Ziel, und ich glaube, insgesamt gesehen ist uns das auch gelungen. Man kann die neue Zuwanderung natürlich nicht mit der vergleichen, wie sie Anfang des 20. Jahrhunderts stattfand. Da gibt es große Unterschiede. Die Zuwanderung damals war zahlenmäßig geringer, aber sie brachte eine Art Infusion von Jüdischkeit: Diejenigen, die kamen, waren sehr religiös. Die Zuwanderer heute sind da ganz anders – zwangsläufig. Menschen, die in einem säkularisierten Regime aufgewachsen sind, haben einen großen Abstand zur Religion. Auf der anderen Seite ist die quantitative Dimension eine andere, so dass inzwischen unsere Gemeinschaft zu über 90 Prozent aus solchen Immigranten besteht. Wir verdanken diesen Menschen jedoch, dass wir jüdisches Leben in Deutschland auf eine ganz neue Ebene katapultieren können. Nur ihretwegen können wir uns über neue Synagogen, neue Zentren und neue Kindergärten in ganz Deutschland freuen. Es ist für das Judentum in Deutschland ein ganz großer Glücksfall, dass wir diese Menschen gewinnen konnten, zu uns kommen und übrigens gegenüber dem deutschen Staat und gegenüber den Menschen in Deutschland ein immens großer Vertrauens-beweis. Manchmal gibt es eben im Leben Dinge, mit denen man nicht rechnet – und manchmal sind sie sogar positiv, oder wie in diesem Fall unermesslich positiv.

TRIBÜNE : Aber viele Immigranten sind im Grunde genommen nur ihrer Geburt nach Juden. Über das Judentum, über jüdische Religion, jüdische Riten und Sitten haben sie keinerlei Wissen, denn in kommunistischen Systemen waren Religionen verpönt.

GRAUMANN : Und das Judentum war noch zusätzlich geächtet, also gleich doppelt verpönt. Es stimmt, fast alle, die kamen, hatten wenig Ahnung von Religion. Aber sehr viele haben nichtsdestotrotz ein grundlegendes Interesse an Religion, so dass wir daran anknüpfen können. Bei den Kindern ist die Situation schon ganz anders. Schauen Sie sich hier das Philantropin an, unsere jüdische Schule. Wenn Sie in die Klassen gehen, können Sie nicht unterscheiden, ob ein Kind in Köln oder Kiew, München oder Minsk geboren ist. Im übrigen ist die Religion nicht das einzige Kriterium. Ich selbst bin zwar ein gläubiger Mensch, halte es aber für falsch, das Judentum nur auf die Religion zu beschränken. Judentum bedeutet auch kulturelle Zusammengehörigkeit, Schicksalsgemeinschaft und so vieles mehr. Die Menschen, die aus dem Osten kamen, haben gerade unter der Flagge ihres Jüdischseins sehr viel leiden müssen; sie mussten Diskriminierungen in Kauf nehmen, sowohl im Persönlichen als auch im Beruflichen. Wenn sie nun als bewusste und selbstbewusste Juden – wenn auch mit wenig Kenntnissen der Religion – hierherkommen, dann ist das für uns ein ganz großes Glück. Darüber hinaus waren Juden der ehemaligen Sowjetunion immer absolute Bildungselite: Sie stellten nur ein Prozent der Bevölkerung, aber zehn bis fünfzehn Prozent aller Anwälte, Ärzte, Wissenschaftler. Bei denen, die hierher kommen, bei ihren Kindern und sogar Enkelkindern sehen wir einen Bildungshunger, den unsere Kinder in dem Maße nicht mehr zeigen. Es ist eine Bereicherung nicht nur für uns, sondern für die ganze deutsche Gesellschaft, Menschen bei uns zu haben, die so viel an Bildung, an Wissen, an wertvoller Biografie mitbringen.

TRIBÜNE: Gerade unter jungen Juden wird der Zentralrat der Juden in Deutschland nicht mehr als selbstverständliche Vertretung der eigenen Interessen und Ansichten betrachtet. Judentum ja – Zentralrat nein, könnte man diese Haltung beschreiben. Fürchten Sie, dass langfristig die Legitimation des Zentralrats schwindet?

GRAUMANN: Ich glaube, dass auch junge Juden in Deutschland sich vom Zentralrat gut vertreten fühlen, aber um sich noch besser vertreten zu fühlen, wollen wir in eine ganz neue, intensive Zusammenarbeit treten. Im Judentum ist es nicht anders als überall, junge Menschen haben manchmal andere Ansichten als Ältere. Und so muss es doch auch sein! Aber alle jungen jüdischen Menschen sind herzlich eingeladen, sich bei uns zu engagieren. Unsere Tore, unsere Herzen und Köpfe sind weit, weit offen, jeder kann und soll mitmachen. Es gibt den Sportbund Makkabi; in den Studentenverbindungen, in der ZWST, also der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e. V., und bei anderen Gruppen wird eine intensive Jugendarbeit betrieben. Wir sind ständig bemüht, den Dialog mit jungen Menschen auszubauen – übrigens etwas, was ich noch verstärken möchte. In diesem Herbst werden wir erstmals einen Jugendkongress zusammen mit der Ratstagung des Zentralrats veranstalten, bei dem wir allen jungen Menschen die Chance geben, direkt mit den jüdischen Vertretern ins

Gespräch zu kommen und ihre Anliegen zu schildern. Wir wollen diesen Kontakt intensivieren, offener und transparenter gestalten, um auch damit mehr junge Menschen zu gewinnen, dass sie sich stärker engagieren. Beispielsweise finde ich die Beteiligung in den jüdischen Studentenverbänden stark verbesserungsfähig. Dort könnte man sehr viel mehr machen. Bei Demonstrationen, zum Beispiel für Israel, sehe ich ebenfalls viel zu wenige junge Menschen mitmarschieren. Deshalb wünsche ich mir mehr Engagement, mehr Feuer, mehr Begeisterung und mehr Einsatz. Das wiederum würde unsere Arbeit im Zentralrat sehr bereichern und einen neuen Horizont und eine neue Perspektive schaffen.

TRIBÜNE: Nach Ihren Vorstellungen soll der Zentralrat seine Politik ändern und nicht mehr bei allen Gelegenheiten quasi den »Kritiker vom Dienst« geben. Das schließt hoffentlich nicht aus, dass Sie weiterhin Rechtsradikale, Antisemiten und das iranische Regime, das Israel vernichten will, an den Pranger stellen werden.

GRAUMANN: Ja, ich glaube, wir sollten nicht reflexhaft reagieren und nicht die Antisemitismus-Sucher vom Dienst sein. Krampfhaft und verkrampft in jedem Wort, das jemand benutzt, noch irgendeine antisemitische Komponente zu suchen, ist der falsche Weg. Meiner Ansicht nach hat es uns nicht gut getan, oft als »Wortpolizei« oder „Moralwächter" angesehen zu werden. Das hat aber überhaupt nichts damit zu tun, dass wir unser Engagement und unsere Aufmerksamkeit zurückfahren wollen. Das soll niemand fürchten oder gar hoffen. Wir setzen uns weiter mit Feuer und mit Leidenschaft ein für all das, was uns wichtig ist. Von Ignatz Bubis habe ich gelernt, dass man Konflikte auf keinen Fall scheuen darf: Wer immer nur lächelt, kann nicht zubeißen; wer nicht zubeißen kann, wird nicht respektiert. Deshalb lassen wir in unserem Engagement nicht nach. Gerade die Themen, die Sie hier angesprochen haben, beschäftigen uns immer wieder. Zum Beispiel fordere ich schon seit langem – leider bis jetzt erfolglos –, dass das Verbotsverfahren gegen die NPD wieder aufgenommen wird. Und ich glaube, der Zentralrat ist die lauteste und leidenschaftlichste Stimme, die in Deutschland gegen das iranische Regime zu hören ist. Und das nicht nur zugunsten von dessen politischer Ächtung. Denn in großen Teilen betreibt die deutsche Wirtschaft einen viel zu intensiven Handel mit dem antisemitischen Regime in Teheran. So weit ich weiß, gibt es niemanden in Deutschland, der solch gleichgültiges und moralisch verwerfliches Geschäftsgebaren so eindeutig und heftig kritisiert wie der Zentralrat – auch wenn wir mit unserer Kritik leider bisher hier nicht sehr erfolgreich sind.

TRIBÜNE : Es gibt eine Bewegung aus Österreich namens »STOP THE BOMB«. Haben Sie Kontakte mit dieser Gruppe? Oder haben Sie das nicht nötig?

GRAUMANN : Das »nicht nötig« würde ich erst einmal streichen, das klingt ziemlich überheblich: Wir haben jede Unterstützung nötig. Aber vergleichen lässt sich eine solche Initiative mit dem Zentralrat nicht. Denn es ist eine quasi eindimensionale Bewegung, die sich ein einziges, eng begrenztes Ziel auf die Fahne geschrieben hat, eben »Stop the Bomb«. Auch wir wollen natürlich die iranische Atombombe stoppen, aber der Zentralrat ist sehr viel breiter aufgestellt und kümmert sich um viele verschiedene Themen. Bedauerlicherweise ist in Deutschland, im Westen generell, das Bewusstsein viel zu wenig verbreitet dafür, was sich im Nahen Osten zusammenbraut. Ein nuklear bewaffneter Iran stellt nicht nur für Israel eine Gefahr dar, sondern für die ganze westliche Welt. Denn die Mullahs bedrohen keineswegs nur den jüdischen Staat. Israel und die Juden sind für die Teheraner Herrscher nur Codewörter, um den ganzen westlichen Lebensstil anzugreifen und niederzumachen. Ein Iran, der über atomare Waffen verfügen könnte, wäre deshalb eine Bedrohung auch für uns alle hier in Europa.

TRIBÜNE: Trotz akribischer Bemühungen von Politik und Gesellschaft, die Vergangenheit aufzuarbeiten, ist neuen Erhebungen zufolge weiterhin Antisemitismus auch in Teilen der Bevölkerung zu beobachten, bei denen man es aufgrund von Bildung und sozialem Status eigentlich nicht vermuten würde. Bei jugendlichen Migranten ist Antisemitismus sogar fester Bestandteil ihres Selbstverständnisses und ihrer Lebenswelt.

GRAUMANN: Antisemitismus vergeht nicht. Antisemitismus geht mit der Mode, aber er kommt leider nie ganz aus der Mode. In der Tat ersehen wir aus vielen Umfragen, dass Antisemitismus offenbar verbreiteter ist, als wir uns das vorstellen. Verschiedene Umfragen gehen von mindestens 20 Prozent der Bevölkerung aus, die antisemitische Einstellungen hat; manche Umfragen aus der letzten Zeit kommen zu noch schlimmeren Resultaten. Ich kann und möchte aber nicht glauben, dass 16 Mio. Menschen und mehr antisemitische Einstellungen vertreten. Also ohne diese Ergebnisse verharmlosen zu wollen, so sollten wir deswegen doch nicht gleich in Alarmismus verfallen Ich glaube, man muss auch das Positive sehen. Juden leben in Deutschland schon seit 1.700 Jahren, und niemals während dieser langen Zeitspanne haben sie hier so frei und so sicher leben können wie wir heute. Das muss man auch einmal würdigen, trotz aller Kritikpunkte, die man immer wieder vorzubringen hat. Die Sorge um antisemitische Tendenzen beschränkt sich überdies keineswegs auf Deutschland. Wenn wir uns in Europa umschauen, dann sehen wir durchaus einen neuen Antisemitismus. Wir sehen vor allen Dingen rechtsradikale, faschistische Parteien um uns herum immer stärker werden. Wenn wir ehrlich und offen sind, ist gerade hier Deutschland das Land, in dem rechtsradikale Parteien bisher zum Glück am wenigsten Erfolg haben. Dafür gibt es natürlich auch einen historischen, guten Grund. Wenn wir uns aber umschauen, in Frankreich, in Belgien, in Holland oder in Osteuropa, besonders in Ungarn, wo es eine Partei gibt, die nicht versteckt, sondern offen antisemitisch agitiert und die jeder sechste Ungar gewählt hat, dann sehen wir, dass die Dimensionen dort völlig anders sind und die Gefahren viel größer. Der Antisemitismus ist ganz gewiss nicht tot, und wir müssen ihn weiter ernst nehmen. Besonders bei muslimischen Jugendlichen, insbesondere Jungen ist der Antisemitismus offenbar besonders stark und wird vielen Erhebungen zufolge sogar ständig stärker und aggressiver. Dieses Problem thematisieren wir in unseren Gesprächen mit den muslimischen Gemeinschaften immer wieder, und in dieser Hinsicht könnten die islamischen Gemeinden noch ein ganzes Stück mehr tun. Das versprechen sie uns zwar immer wieder, aber ich denke, diese Bemühungen sind noch sehr stark ausbaufähig. Wir, auf unserer Seite, werden in unsere Bemühungen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sicher nicht nachlassen und uns immer leidenschaftlich gegen Diskriminierung und Menschenverachtung einsetzen, wo immer sie geschehen, ob sie sich gegen Juden, Moslems oder Andere richten.

TRIBÜNE : Die arabischen Fernsehsender, die auch bei uns per Satellit empfangen werden, bringen tagtäglich antisemitisches Gedankengut in die Wohnzimmer in aller Welt.

GRAUMANN : Auf welchem Weg der Antisemitismus hier verbreitet wird und die Köpfe und Herzen der Menschen vergiftet, das kann ich nicht genau sagen. Was Sie erwähnen, ist ein Weg, aber es gibt leider auch noch andere. Und ich glaube, es gibt auch Wege in Deutschland selbst, auf denen Antisemitismus befördert oder vielleicht angestachelt wird Nicht alles kommt nur aus dem Ausland. Zum Teil sind die negativen Einflüsse auch hausgemacht und »Made in Germany«. Wie schon gesagt, bin ich der Meinung, dass hier die muslimischen Gemeinschaften hierzulande sehr viel mehr tun müssen. Wollen sie glaubwürdig sein und überzeugend werden, müssen sie ihre Bemühungen hier bedeutend steigern.

TRIBÜNE: Oft werden antisemitische Einstellungen mit Kritik an Israel verbrämt. Obwohl Sie hier in Deutschland aufgewachsen sind, haben Sie sich stets als engagierter Anwalt Israels bewiesen.

GRAUMANN: Wir als jüdische Menschen sind Israel und den Menschen in Israel natürlich emotional immer sehr stark verbunden. Das bedeutet nicht, dass wir immer alles, was an konkreter israelischer Politik umgesetzt wird, für richtig halten. Auch bei uns gibt es heftige Diskussionen darüber – wie übrigens in Israel auch. In Israel selbst setzt man sich mit der israelischen Politik besonders temperamentvoll und lebendig auseinander. Wenn im Ausland, auch in Deutschland, konkrete israelische Politik kritisiert wird, ist das völlig legitim. Warum sollte man das nicht tun dürfen? Umgekehrt steht schließlich auch deutsche Politik im Spiegel der Kritik oder die jedes anderen Landes auch. Aber etwas ganz anderes ist es, wenn Israelkritik benutzt wird als Deckmantel oder als Vehikel, um den alten Judenhass zu transportieren. Es gibt den Antisemitismus, der Israel sagt und Juden meint. Dann, wenn Israel generell delegitimiert wird, wenn es dämonisiert wird, wenn Juden auf der ganzen Welt gleichsam in Generalhaftung genommen werden für all das, was in Israel geschieht, dann ist die Grenze überschritten. Und schon allemal ist sie dort überschritten, wenn etwa behauptet wird, die Israelis von heute seien wie die Nazis von damals. Das ist dann nicht nur antisemitisch, das ist auch widerwärtig und kränkend.

TRIBÜNE: Die revolutionären Bewegungen, die gerade in vielen arabischen Ländern sichtbar werden, richten sich gegen die eigenen Regierungen. Bis dahin wurden für alle Missstände oft Juden und Israel verantwortlich gemacht. Haben Sie die Hoffnung, dass dieser Wandel über die Proteste hinaus Bestand haben und die Sicht auf Israel und das Judentum verändern wird?

GRAUMANN: Der Wind des Wandels, der durch die arabischen Länder weht, ist für viele überraschend gekommen, auch für mich. Wohin er wehen wird, wissen wir nicht. Ob es vielleicht am Ende doch nur heiße Luft gewesen sein wird, kann man ebenfalls nicht ausschließen. Aber erst einmal sind die Bewegungen ein Grund zur Freude für uns wie für jeden anderen hier. Wenn Menschen auf die Straße gehen und die Mauer der Unfreiheit einreißen wollen, dann sind wir sofort bei ihnen, dann hoffen wir von Herzen auf ihren Erfolg. Etwas Schöneres können wir uns gar nicht wünschen! Gerade aus israelischer Sicht muss man bedenken, dass Israel bisher in Ägypten Frieden geschlossen hat mit dem Regime von Präsident Sadat und Präsident Mubarak. Wenn Israel einmal mit den Menschen in Ägypten Frieden schließen könnte, das wäre doch wunderbar! Aber ich denke, man muss auch vor voreiliger Naivität warnen. Denn die Vergleiche, die oft mit den Ereignissen von 1989 in Europa und hier in Deutschland gezogen werden, halte ich zumindest für sehr verfrüht, vielleicht auch etwas gutgläubig. Kairo ist nicht Dresden, Alexandria nicht Leipzig, dazwischen liegen denn doch große Unterschiede. Die Entwicklungen in den arabischen Ländern bergen für Israel Chancen und Risiken gleichermaßen. In Israel wird man auf das Beste hoffen, sich aber auch für anderes vorbereiten. Ich wünsche mir, dass am Ende der Unruhen offene, transparente, demokratische Strukturen entstehen mit Regierungen, die dem Frieden zugeneigt sind. Sicher ist das aber bei weitem noch nicht.

TRIBÜNE : Muss eine Konsequenz für Israel sein, das Sicherheitskonzept zu ändern?

GRAUMANN : Ich will Israel hier keine Ratschläge geben. Aber ich glaube, auf absehbare Zeit muss sich der jüdische Staat auch darauf vorbereiten, dass die Bewegungen in den arabischen Ländern scheitern oder genauer gesagt, dass dort Regime an die Macht kommen bzw. an der Macht bleiben, die Israel gegenüber wenig freundlich gesinnt sind. Ausschließen lässt sich diese Entwicklung leider nicht. Israel wird auch dann auf seine Sicherheit bedacht sein müssen. Dass wir alle uns von ganzem Herzen wünschen, dass es zu erfolgreichen Friedensgesprächen im Nahen Osten kommt, an denen sich seriöse und zuverlässige Partner auf allen Seiten beteiligen, das ist doch selbstverständlich.

TRIBÜNE: Stellen Sie sich vor, die Bundesregierung lädt Sie zu einem großen runden Tisch, an dem Vertreter von Politik und aller Religionsgemeinschaften zusammensitzen. Welche konkreten Projekte würden Sie anregen, um gesellschaftliche Konflikte zu beseitigen und Verständnis füreinander zu wecken?

GRAUMANN: Solche Tische gab es schon und gibt es noch, und aus runden Tischen wird auch zu oft eine lange Bank. Ich glaube, wir Juden haben da weder viel Nachholbedarf noch große Forderungen gegenüber der Bundesregierung und der nichtjüdischen Gesellschaft hier. Meiner Ansicht nach geht es vor allem darum, was ich schon in Bezug auf die muslimischen Gemeinschaften sagte: Wir wünschen uns, dass man sich dort viel mehr bemüht, um gegen die immer stärkere Judenfeindlichkeit vorzugehen. Sicher ist das schwierig, denn es gibt viele verschiedene muslimische Gemeinschaften. Auch die deutsche Politik möchte, dass sich Vertreter der muslimischen Gemeinschaften grundsätzlich stärker um Toleranz und Friedfertigkeit bemühen. Bis jetzt sind die Erfolge leider sehr überschaubar, und ich befürchte auch, wir werden an einem solchen runden Tisch kaum weiterkommen. In jedem Fall wünsche ich mir ein Judentum in Deutschland, das frisch ist, das munter ist, das selbstbewusst ist, das sich neue Perspektiven eröffnet und nicht nur trübsinnig nach hinten blickt. Wir müssen ein Judentum entwickeln, das sich seiner positiven Dimensionen bewusst ist und das mit einem optimistischen „Spirit" in die Zukunft schaut, mit einer neuen Perspektive, die über Jahrhunderte oder Jahrtausende trägt.

TRIBÜNE : Herr Dr. Graumann, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte Otto R. Romberg.