06.01.2011

"Das Judentum ist mehr als die Schoa" Der Zentralratsvorsitzende Dieter Graumann über Reflexe der Vergangenheit, ein NPD-Verbot und seinen Vornamen

Interview mit Dr. Dieter Graumann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 06.01.2011

Herr Graumann, Sie sind seit Ende November Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland. Was machen Sie anders als Ihre Vorgänger?

Das meiste im Zentralrat hat sich doch bewährt. Ich war ja schon viereinhalb Jahre Vizepräsident und habe an allem mitgewirkt. Aber jeder hat doch das Recht und glücklicherweise auch die Chance, eigene Akzente zu setzen. Ich möchte der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland die frische Perspektive für eine muntere, lebendige und blühende Zukunft geben. Der Zentralrat wurde in den letzten Jahren fast nur wahrgenommen, wenn er zu negativen Vorkommnissen in Deutschland Stellung genommen hat – ich weiß nicht, ob das immer so glücklich ist.

Meinen Sie zu allem, was irgendwie mit dem Holocaust oder Antisemitismus zu tun hatte?

Das trifft und betrifft uns ja auch immer. Und das bleibt auch immer so. Aber wir sollten nicht reflexhaft reagieren. In der Regel sind es die Medien, die bei vielen Geschehnissen immer sofort beim Zentralrat für ein kurzes, knackiges Zitat nachfragen, das spektakulär oder sogar möglichst aggressiv sein sollte. Diesen Bedarf haben wir auch oft bedient. Wir sollen und werden natürlich auch in Zukunft nicht den Mund halten und uns weiter engagieren für das, was uns am Herzen liegt, mit Feuer und mit Leidenschaft. Wer immer nur lächelt, kann nie zubeißen. Und wer nicht zubeißen kann, wird auch nicht respektiert. Aber wir sollten es dann machen, wo es wirklich nötig ist.

Wo ist es wirklich nötig?

In der Sarrazin-Debatte zum Beispiel waren wir die allerersten, die die Stimme erhoben haben. Wir fanden, dass hier Menschen herabgewürdigt und respektlos behandelt wurden. Das war kein spezifisch jüdisches Thema, Juden hat Sarrazin ja erst später angesprochen. Aber das macht für uns keinen Unterschied. Wir wollen nämlich die jüdische Stimme zu den Themen sein, die die ganze Gesellschaft beschäftigen. Uns für Menschen einsetzen, die diskriminiert werden und gegen Unrecht eintreten, wo immer dieses geschieht.

Und nötig ist unser Engagement auch allemal, wenn wir uns gegen die mit neuem Selbstbewusstsein auftretende NPD wenden: Unerträglich ist es, wenn die Faschisten im Land das Parteienprivileg nutzen und missbrauchen können, erst letzte Woche daher ausgerechnet in einer Schule in Berlin eine Versammlung abhalten durften, oder dass sie Steuermittel erhalten, um ihr braunes Gift zu verbreiten. Daher werbe ich nachdrücklich dafür, dass NPD-Verbotsverfahren wieder entschlossen neu auf die politische Agenda zu setzen. Das mag nicht einfach sein. Nichts zu tun, ist aber einfach unmöglich.

Was noch macht das Judentum der Zukunft aus?

Es ist keine schwermütige Trauergemeinschaft, sondern die vielen positiven Dimensionen, die Chancen und die Schätze des Judentums sollten im Vordergrund stehen. Die Kraft des Religiösen hat im 20. Jahrhundert nachgelassen, an die Stelle sind oft die Solidarität mit Israel und die Identität als Leidensgemeinschaft getreten. Und so wird das Judentum zu oft auf die Kurzformel "Schoa plus Antisemitismus" reduziert. Die Schoa ist zwar in der Tat zu einem kraftvollen, schmerzhaften Teil der kollektiven jüdischen Erfahrung geworden. Aber es ist eben „nur" ein Teil, das Judentum ist so viel mehr.

Was genau sind diese Schätze?

Das Judentum hat schließlich die Welt mit einem moralischen Fundament versorgt, das Christentum natürlich auch, aber wichtige Teile des Christentums stammen nun einmal aus dem Judentum. Kaum jemand weiß, dass der wichtige Satz des Christentums, „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", aus dem Judentum stammt, aus dem dritten Buch Moses. Die zehn Gebote sind ohnehin ein Fundament für das Zusammenleben von Mensch und Gott sowie Mensch und Mensch, und das alles stammt aus dem Judentum.

In unserer Gesellschaft dringt kaum noch das Christliche ins Bewusstsein der Menschen, wie wollen Sie da durchdringen?

Es geht nicht etwa darum, die Menschen zu einem religiösen Lebensstil zu drängen. Wir müssen aber nicht nur zeigen, wogegen wir sind, sondern auch wofür eigentlich. Und das Judentum bedeutet Substanz, Wissen, Werte, Wärme, Temperament, Lebendigkeit, Kultur - und das alles transportiert in einer langen Kette von 100 Generationen. Der Kultur kommt da sogar eine herausgehobene Bedeutung zu, denn Kultur kann Menschen zusammenführen, über alle Grenzen hinweg. Wer heute miteinander Kultur erlebt, wird sich morgen nicht fremd oder gar feindselig gegenüber stehen.

In wenigen Jahren wird es niemanden mehr geben, der den Holocaust erlebt hat. Befürchten Sie da nicht einen Bedeutungsverlust?

Nein. Wenn wir uns die Zahl der Menschen vergegenwärtigen, die der Zentralrat repräsentiert, dann ist seine öffentliche Wahrnehmung ja weit überproportional. Aber unausgesprochen scheinen wir die sechs Millionen ermordeten Menschen mit zu vertreten, nur deshalb bekommen wir dieses große Gewicht. Ich habe keine Angst, dass das so schnell abnimmt. Außerdem glaube ich, dass die Schoa einen festen und starken Platz im deutschen Geschichtsbewusstsein hat und immer haben muss. Es geht auch gar nicht darum, den Menschen, die heute in Deutschland leben, etwa Schuld, oder auch nur den Anschein von Schuld zusprechen zu wollen. Wie unsinnig wäre das doch - und wie schrecklich ungerecht! Es geht vielmehr um die Verantwortung, wissen zu wollen - gerade um besser verstehen und Ähnliches in Zukunft besser verhindern zu können. Das Wissen von der Vergangenheit verstärkt die Verantwortung für die Zukunft. Und das muss für uns alle gelten.

Seit Anfang der neunziger Jahre hat sich die jüdische Gemeinschaft sehr verändert. Sie haben seit damals rund 100000 Juden aufgenommen, die aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind. Das sind neunzig Prozent Ihrer Gemeindemitglieder. Im Zentralrat sitzen aber nach wie vor fast nur Alteingesessene. Bleibt das so?

Es ist doch nur logisch, dass unsere neuen Mitglieder, die für uns eine so große Bereicherung und ein Glück darstellen, künftig in unseren Gremien viel stärker vertreten sein werden. Ich finde es aber wenig sinnvoll, Quoten einzuführen. Vielmehr gilt es, das freiwillige Engagement zu fördern. Übrigens, die, die heute die „Alteingesessenen" sind, wie meine Familie oder die von unserem Vizepräsidenten Salomon Korn, kommen weit überwiegend auch gar nicht aus dem deutschen Judentum, sondern aus dem Osten, oft waren die Eltern nach dem Krieg „displaced persons". Und doch kamen bisher alle Zentralratspräsidenten vor mir aus dem strikt "deutschen" Judentum, mit einer einzigen Ausnahme, das war Ignatz Bubis. Aber wir "Ostjuden" haben uns durch die deutschen Präsidenten immer sehr gut vertreten gefühlt.

Verläuft Ihr Versuch, jüdisches Leben aus der Fokussierung auf den Holocaust zu lösen, in den Gemeinden reibungsfrei?

Was im Leben ist schon reibungsfrei? Wir Juden sind besonders diskutier- und debattierfreudig. Und natürlich wird auch darüber munter debattiert - so soll es auch sein!

Nicht nur die Juden, auch die deutsche Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten intensiv mit dem Holocaust auseinandergesetzt.

Das kann man nur loben. Es gibt kein Land auf der ganzen Welt, das sich so sehr mit seiner Geschichte beschäftigt hat wie Deutschland. Nirgends war es freilich auch so nötig, aber dennoch ist das eine ganz große Leistung. Ich glaube, das weiß auch jeder. Als ich jung war und nach Israel kam, bin ich immer wieder aggressiv angesprochen, fast angemacht worden mit dem Satz „Wie kannst du nur in Deutschland leben?" Das höre ich schon seit 15 Jahren überhaupt nicht mehr. In Israel weiß man, dass es in Europa keinen besseren Freund Israels gibt als Deutschland.

Stichwort Israel: Sie haben widersprochen, als der Publizist Alfred Grosser von der Stadt Frankfurt eingeladen wurde, am 9. November in der Paulskirche zu sprechen, weil Grosser dem Zentralrat als zu starker Kritiker von Israel gilt.

Für den Zentralrat gibt es keine „zu starken" Kritiker, denn Kritik kann auch deutlich geäußert werden. Aber es gibt einen Unterschied zwischen sachlicher Kritik und Kränkung oder gar einem Fanatismus, der Israel mit Hass und Hetze überzieht. Ich sehe es so: Herr Grosser kann äußern, was er will. Er ist ein renommierter Mann, da gibt es nichts zu deuteln. In den letzten Jahren tritt er jedoch immer mehr auf als Nahost-Fachmann, der er einfach nicht ist, und verbreitet Ansichten zum Nahen Osten, die ich zwar für falsch und schrecklich halte, aber er hat natürlich das Recht, sie zu vertreten. Er war aber der falsche Mann am falschen Ort zum falschen Anlass als Redner zum 9. November, weil er immer wieder parallelisiert, was in der Nazizeit geschehen ist, mit dem, was Israelis heute tun, und das ist für mich keine Kritik, sondern einfach nur grundfalsch und abscheulich.

Sie hießen früher David, aber als Sie Mitte der fünfziger Jahre in die Schule kamen, nannten Ihre Eltern Sie in Dieter um, damit Sie nicht als Jude erkennbar waren. Mittlerweile ist David einer der beliebtesten Vornamen in Deutschland. Gehen Sie mal wieder zurück zu David?

Nein, ich glaube, das geht nicht, das wäre jetzt schon ziemlich seltsam – das wäre auch zu schön, um wahr zu sein.

Ihre Eltern waren dagegen, dass Sie Zentralratspräsident werden. Haben Sie sich inzwischen mit Ihrer neuen Rolle abgefunden?

Gar nicht. Meine Eltern sind sehr stark traumatisiert vom Holocaust. Sie waren in verschiedenen Konzentrationslagern und haben für sich die Erfahrung gemacht, dass, wer immer als Jude sich irgendwie engagiert, sofort in Gefahr gerät. Das haben sie verinnerlicht.

Glauben Sie, dass engagierte Juden irgendwann keinen Personenschutz mehr brauchen werden?

Ich möchte gerne daran glauben und so gerne davon träumen. Aber die Gefahr kommt inzwischen ja nicht nur aus der "hausgemachten" rechten Ecke, sondern sicher nicht weniger von der radikal islamistischen Seite. Daran scheint sich so schnell auch nichts zu ändern, fürchte ich.

Wollen Sie noch was zu dem roten Bändchen sagen, das Sie ums Handgelenk tragen?

Das kommt von der Klagemauer. Es soll den bösen Blick abwenden. Manche im Judentum sagen aber auch, das sei reiner Aberglaube. Aber wenn niemand daran glauben würde, hätte die anderen wiederum keine Möglichkeit, hier temperamentvoll zu widersprechen. Das eben ist die fröhliche, putzmuntere jüdische Debattenkultur.

Mit Dieter Graumann sprachen
Florentine Fritzen und Richard
Wagner.

FAZ, Florentine Fritzen und Richard Wagner, 6.1.11