24.01.2011

„Ich wünsche mir ein putzmunteres Judentum“

Interview mit Dr. Dieter Graumann im Magazin-Deutschland.de, 24.01.2011

Dieter Graumann ist der neue Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Im Interview spricht er über die Herausforderungen, vor denen die Jüdischen Gemeinden in Deutschland stehen und die frische Perspektive, die er sich für das Judentum in Deutschland wünscht.


Herr Dr. Graumann, wir sitzen in Ihrem Büro an der Kaiserhofstraße in Frankfurt. Dieser Straße setzte der Schriftsteller Valentin Senger in seiner Autobiographie „Kaiserhofstraße 12" ein Denkmal. Ein Zufall?

Ja, das ist Zufall. Aber vielleicht ist es auch ein Zeichen. Es ist ein sehr bewegendes Buch. Viele Dinge darin sind auch heute noch wichtig. Der Familie Senger ist es trotz der doppelten Gefährdung als Juden und Kommunisten gelungen in Frankfurt zu überleben, weil ihnen viele Menschen – Ärzte, Nachbarn – geholfen haben. Das zeigt, dass Zivilcourage möglich ist, auch in schwerer Zeit. Für mich ist noch ein anderer, innerjüdischer Aspekt wichtig: Die Sengers kamen aus Osteuropa – die deutschen Juden haben damals auf die „Ostjuden" immer herabgeblickt. Senger beschreibt, dass es ihm gar nicht möglich war, Freunde aus dem Kreis der deutschen Juden zu gewinnen oder in den jüdischen Sportclub einzutreten. Die Nazis haben dann später aber keinen Unterschied zwischen deutschen Juden und Ostjuden gemacht. Die emotionale Brücke zu heute ist für mich: Seit rund 20 Jahren haben wir wieder einen Zuzug von Juden aus dem Osten. Ihnen gegenüber darf es heute keinen Hochmut geben, wir müssen die Menschen mit offenen Herzen willkommen heißen. Wir haben ein Schicksal und eine gemeinsame Zukunft.

Wie charakterisieren Sie das Bild, das die Jüdischen Gemeinden heute bieten?

Insgesamt über ganz Deutschland gesehen, bestehen unsere Gemeinden zu 90 Prozent aus den Menschen, die in den vergangenen 20 Jahren zu uns gekommen sind. Alle reden von Integration. Wir leben sie. Ich kenne niemanden, dem das so gelingt – bei allen Unvollkommenheiten. Es gibt im Osten Deutschlands Gemeinden, die zu 100 Prozent aus Zuwanderern bestehen. Die Menschen, die neu zu uns gekommen sind, müssen einen doppelten Berg überwinden: Sie müssen die Eingliederung in die deutsche Gesellschaft leisten, die ganz anders ist als die russische oder die ukrainische, und sie müssen sich in den Mikrokosmos der jüdischen Gemeinschaft einfinden. Die Gemeinden sind deshalb zur Zeit extrem im Wandel: Wir bauen eine ganz neue jüdische Gemeinschaft auf.

Was ist die größte Herausforderung dabei?

Dass wir zusammen bleiben. Durch die größere Zahl wird die Mitgliedschaft viel heterogener, damit wächst die Gefahr, dass wir politisch auseinander driften. Die zentrifugalen Kräfte, die uns auseinander treiben – manche wollen uns auch ganz bewusst auseinander reißen – werden immer stärker. Das ist eine ganz große Herausforderung: Wir wollen politisch weiter mit einer Stimme sprechen, als plurale, aber vereinte jüdische Gemeinschaft.

Es ist nach Ihrer Wahl immer wieder betont worden, dass Sie der erste Zentralrats-Präsident sind, der den Holocaust nicht selbst erlebt hat. Von Generationenwechsel ist viel die Rede…

Es stimmt natürlich, zum ersten Mal steht jemand an der Spitze des Zentralrats, der nicht selbst in der Shoah war. Aber mehr als 65 Jahre danach ist das allein aus numerischen Gründen irgendwann zwangsläufig. Insofern ist das nicht so sensationell. Und es ist auch nicht ganz richtig, denn als jemand aus der Zweiten Generation bin ich doch sehr stark von der Shoah geprägt. Wir sind aufgewachsen mit den Alpträumen Verletzungen und Verwundungen unserer Eltern – man kann nicht sagen, dass es mit uns eine Abgeschlossenheit gibt. Ganz im Gegenteil. Die Geschichten und die Traumatisierungen sind zum Teil doch direkt auch auf uns übergegangen.

Sie haben den Bundespräsidenten am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers, nach Auschwitz begleitet. Wie haben Sie den Tag empfunden?

Das war zugegebenermaßen ein für mich persönlich sehr schwieriger Gang. Ich war vorher noch nie in einem Vernichtungslager gewesen. Vor drei Jahren war ich in Buchenwald, weil ich eine Rede halten sollte. Das war das erste Mal, dass ich überhaupt ein KZ besucht habe. Ich habe mich immer davor gedrückt. In Buchenwald wollte ich das nicht, weil mein Vater dort nach einer Odyssee durch verschiedene KZs befreit worden war. Als der Bundespräsident sich entschlossen hat, zum ersten Holocaustgedenktag seiner Amtszeit nach Auschwitz zu fahren und mich einlud ihn zu begleiten, dachte ich, es gehört zu meinem neuen Amt, dass ich das nicht ausschlage. Ich habe mit vielen gemischten Gefühlen zugesagt, denn Auschwitz ist auch mit meiner eigenen Familiengeschichte eng verbunden. Im Nachhinein bin ich aber sehr froh und dankbar diese Reise gemacht zu haben, auch wenn, oder vielleicht auch: gerade weil sie für mich so emotional und tief bewegend war.

Sie sind in Tel Aviv geboren, kamen als Kind nach Deutschland. Wie eng ist Ihre Beziehung heute zu Israel?

Sehr eng. Ich habe Familie und Freunde in Israel, bin ein paar Mal im Jahr dort. Die Beziehung zu Israel ist emotional sehr stark – eine Verbindung der Herzen.

Wie beurteilen Sie den aktuellen Stand der deutsch-israelischen Beziehungen? Im Januar fanden gerade wieder Regierungskonsultationen statt.

Man sieht an diesen Regierungskonsultationen, die Deutschland nur mit sechs Ländern unterhält, dass die Beziehungen sehr gut sind. In der deutschen Politik hat Israel noch nie einen so verlässlichen Freund gehabt wie die Bundeskanzlerin. Wenn es um jüdische Fragen geht, zeigt sie eine kolossale Courage, einen Löwinnenmut. Als es 2009 um die Holocaust-Leugnung des Pius-Bruders ging, wagte sie es – als CDU-Vorsitzende – den Papst zu kritisieren. Das fordert meinen größten Respekt. Deutschland ist der engste Freund Israels in ganz Europa.

Ihr Vorname ist eigentlich David. Sie haben den Namen als Schüler in Dieter umgewandelt, damit niemand gleich merkt, dass Sie Jude sind. Ist das heute noch denkbar?

Ich glaube nicht. Biblische Namen – Sarah, Aaron, Miriam und andere wunderschöne Namen – sind zum einen generell in Mode, vor allem bei Nichtjuden. Aber es wäre heute auch nicht mehr nötig, sich zu verstecken. Damals war ich das einzige jüdische Kind an der ganzen Grundschule. Das muss man aus der Zeit heraus sehen.

Irgendwann haben Sie dann aber entschieden, zu Ihrem Judentum zu stehen – was war ausschlaggebend?

Was das politische Engagement angeht, bin ich stark beeinflusst von Ignatz Bubis. Er hat uns Juden als allererster gezeigt, dass wir für das, was uns wichtig ist, eintreten müssen – auch offensiv und streitbar in kontroversen Debatten – und dass wir, wenn wir dies tun, nicht alleine bleiben. Die Legitimität eines kämpferischen jüdischen Engagements hat Ignatz Bubis in Deutschland erarbeitet und erstritten. Ich war ja immer eng dabei, und das hat mir immer sehr imponiert. Wer immer nur freundlich lächelt, der bekommt keinen Respekt. Man muss auch mal zubeißen können.

Das können Sie auch?

Wenn es sein muss. Lächeln ist aber so viel schöner.

Was möchten Sie in Ihrer Zeit als Zentralratspräsident erreichen? Woran möchten Sie ihren Erfolg messen lassen?

Ich möchte keinen starren Indikator benennen, dem ich dann hinterherhecheln muss. Ich will dem Judentum in Deutschland eine frische Perspektive geben und eine starke Zukunft. Ich wünsche mir ein Judentum, das sich seiner selbst und seiner Stärken bewusst ist, das putzmunter ist und nicht im jüdischen Argumentationstrott verharrt, sondern sich offen und offensiv einmischt in viele gesellschaftlichen Debatten, die alle Menschen in Deutschland bewegen. Und auch umgekehrt wünsche ich mir eine Gesellschaft, in der wir als jüdisch akzeptiert werden und die uns gleichzeitig nicht ausgrenzt. Wir wollen eine Quelle von Inspiration sein und von ganz neuer Zuversicht - allen Katastrophen zum Trotz.

Redaktion "Magazin-Deutschland.de" , Janet Schayan 24.01.201, Printausgabe Nr.1/2011