08.01.2011

Uns ist neue Zukunft gegeben worden

Interview mit Dr. Dieter Graumann im Darmstädter Echo, erschienen 08.01.11

ECHO: Herr Graumann, der Zentralrat der Juden ist als Stimme immer dann zu hören, wenn es wieder einmal Neonazi-Aufmärsche gab, ein Politiker irgendeinen Unsinn verbreitet hat oder etwas in Israel passiert ist. Stellt Sind Sie mit diesem Bild in der Öffentlichkeit zufrieden?

Dieter Graumann: Was Sie beschreiben, hat weniger mit uns zu tun, als mit Ihnen, also den Medien. Sie rufen uns an, sobald solche Dinge geschehen und wollen dann schnell knackige Statements. Die liefern wir dann auch oft. Die Frage ist, ob das immer so eindimensional weitergehen muss. Der Faschismus im Land und der Kampf gegen Rechtsradikale werden uns allerdings immer bewegen. Auch Israel wird uns immer am Herzen liegen.

ECHO: Sie gelten als jemand, der besonders empfindlich auf kritische Äußerungen an die Adresse Israels reagiert. Ist es die Aufgabe des Zentralrats, Israel zu verteidigen? Sie sind ja die Vertretung der deutschen Juden und nicht der israelischen Regierung.

Graumann: Genauso ist es. Wir sind keine Agentur der israelischen Regierung. Aber wir Juden in Deutschland stehen Israel emotional nun einmal sehr nahe. Deshalb erwacht unser Beschützer-Instinkt, wenn wir meinen, dass Israel unberechtigt angegriffen oder vorveruteilt wird. Es ist ja sehr in Mode, auf Israel einzudreschen, seine existentielle Gefahrenlage hingegen aber zu ignorieren. Unsere Lektion aus der Schoah ist aber, dass wir, die jüdische Gemeinschaft, nie wieder Opfer sein wollen, das ist eingebrannt in unsere Seele. Wenn wir sehen, dass Israel in seiner Existenz bedroht wird, dann schrillen bei uns alle Alarmglocken. Darüber hinaus empfinden wir es für wichtig für Israel einzutreten, und zwar nicht nur weil wir Juden sind, sondern weil wir als Demokraten in Deutschland, die einzige Demokratie im Nahen Osten unterstützen müssen.

ECHO: Kritik an Israels Politik muss erlaubt sein. Wo ist für Sie die Grenze überschritten?

Graumann: Natürlich ist Kritik an Israel erlaubt, so wie an jedem anderen Staat auch. Mir wird dabei jedoch oft zu wenig gewürdigt, dass Israel in einer großen Wüste von Despotien eine Oase der Demokratie ist. Gerade in Israel selbst wird besonders temperamentvoll über die richtige Politik gestritten. Die rote Linie überschreitet für mich derjenige, der Israel pauschal die Existenzberechtigung abspricht. Zumal wenn auch noch alle Juden der Welt in Haftung genommen werden – von geschmacklosen Vergleichen, die Israel zu den neuen Nazis und die Palästinenser zu deren Opfern machen, ganz abgesehen. Das ist dann keine Kritik mehr, sondern Antisemitismus.

ECHO: Sie selbst haben wiederholt antisemitische Tendenzen in der Linkspartei ausgemacht.

Graumann: Die Linkspartei ist ganz gewiss keine antisemitische Partei, das habe ich auch nie behauptet. Aber leider haben dort in Sachen Israel die Betonköpfe das Sagen. Hier wirkt das Gift der extrem israelfeindlichen DDR fort und trifft auf ähnliche Tendenzen bei Altlinken aus dem Westen. Ein Beispiel: Als vor einem Jahr der israelische Staatspräsident Schimon Peres im Bundestag war, haben sich einige Abgeordnete der Linken geweigert aufzustehen, um den Gast zu begrüßen. Einige in der Partei versuchen das zu korrigieren, zum Beispiel Herr Gysi und Frau Pau, aber sie dringen leider nicht durch.

ECHO: Müssen sich deutsche Politiker bei Äußerungen zu Israel wegen der Geschichte in besonderer Weise zurückhalten?

Graumann: Zurückhalten muss sich niemand. Ich verstehe auch gar nicht, warum darüber immer gegrübelt wird. Israel wird ja aus Deutschland kritisiert, seit Jahrzehnten. Das ist auch in Ordnung, wenn es sachlich geschieht Allerdings finde ich, dass deutsche Politiker gut beraten sind, eine generelle Verantwortung für Israel und die Existenz des jüdischen Staates zu empfinden – im Bewusstsein dessen, was war. Dieser Verantwortung werden alle demokratischen Parteien in Deutschland auch gerecht.

ECHO: Sie haben sich auch über die negative Israel-Berichterstattung deutscher Medien beklagt.

Graumann: Ich habe das Gefühl, dass Israel oft besonders kritisch angefasst wird und die besondere Situation nicht berücksichtigt wird. Es gibt eine brutale Asymmetrie bei den Konsequenzen von Kämpfen und Kriegen in Nahost. Verlieren die anderen, ist ein Krieg verloren. Verliert Israel, ist Israel verloren. Das gilt auch für die Friedensverhandlungen, die hoffentlich bald weitergehen. Für die Palästinenser geht es um Land, für Israel jedoch um Sicherheit und pures Überleben. Dieser Unterschied wird in Deutschland und im ganzen Westen oft nicht genügend gewürdigt. Wir wünschen uns einfach, dass man Israel mit mehr Fairness behandelt.

ECHO: Wie viel Antisemitismus gibt es heute in Deutschland?

Graumann: Ich persönlich spüre keinen, sieht man von einigen Briefen ab, die ich wegen meines Amtes neuerdings bekomme. In Frankfurt herrscht eine sehr offene und liberale Atmosphäre. Umfragen sagen etwas anderes. Seit langem sollen 15 bis 20 Prozent der Menschen in Deutschland antisemitische Vorurteile hegen; nach einer neuen Studie der Uni Münster sogar 30 Prozent. Ich kann und will das nicht glauben. Es gibt einen Bodensatz von Antisemitismus – in Deutschland und überall. Das ist eine Vergiftung der Herzen, der man mit Argumenten nicht beikommt. Hannah Arendt hat einmal gesagt: Nur auf dem Mond ist man vor Antisemitismus sicher.

ECHO: Nun gibt es in deutschen Großstädten ein neues Phänomen: die Judenfeindlichkeit unter junge Muslimen.

Graumann: Das macht mir Sorge. Wenn ich höre, dass auf Schulhöfen oder Sportplätzen das Wort Jude wieder oft als Schimpfwort benutzt wird, ist das alarmierend. Ich wünsche mir sehr, dass in den muslimischen Gemeinschaften die Verantwortlichen mehr dagegen vorgehen.

ECHO: In gewisser Weise sitzen Sie und die Muslime im selben Boot: als ethnische und religiöse Minderheit in einer Gesellschaft, die nicht immer vorbildlich mit Minderheiten umgeht.

Graumann: Das ist richtig, wir haben ähnliche Probleme, aber auch ähnliche Interessen, von grundsätzlichen Gemeinsamkeiten mal ganz abgesehen. Darüber hinaus hat sich der Zentralrat schon immer für Muslime in Deutschland eingesetzt. Ignatz Bubis ist vor Jahren mit als erster nach Rostock, Hoyerswerda und Mölln gefahren, um gegen die ausländerfeindlichen Übergriffe dort zu protestieren. In der Sarrazin-Debatte haben wir schon sehr früh gesagt: Integrationsprobleme schön und gut. Aber es geht nicht, derart respektlos, herabwürdigend und verallgemeinernd über Muslime zu reden. Schon aus unserer Tradition heraus nehmen wir andere Minderheiten in Schutz. Wir werden die Freiheit der Muslime immer verteidigen. Ihre Freiheit ist auch unsere Freiheit. Wer sie angreift, greift am Ende auch uns an.

ECHO: Ist es für Juden heute leichter, in Deutschland zu leben als vor 20 Jahren? Ignatz Bubis hat kurz vor seinem Tod die bittere Bilanz gezogen, er habe nichts erreicht.

Graumann: Ich bin ein Bewunderer von Ignatz Bubis. Große Männer schätzen sich oft falsch ein – die meisten überschätzen sich, er hat sich unterschätzt. Seine Äußerung war wohl auch davon beeinflusst, dass er schon sehr krank war. In Wirklichkeit hat er sehr viel erreicht. Aber leichter ist das Leben als Jude in Deutschland nicht unbedingt geworden, eher anders und spannender.

ECHO: Warum?

Graumann: Die jüdische Gemeinschaft hat sich durch den Zuzug der vielen Menschen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion extrem verändert. Wir haben eben über Integration gesprochen: Bei uns müssen zehn Prozent alteingesessene Gemeindemitglieder 90 Prozent Neuankömmlinge integrieren. Das ist eine riesige Herausforderung, aber auch eine große Chance. Es gibt wieder mehr jüdisches Leben in Deutschland, viele neue Synagogen und Rabbiner. Ohne diesen Schub hätten wir uns irgendwann überlegen müssen, wer das Licht ausmacht.

ECHO: Sie haben angekündigt, neue Akzente zu setzen und den Zentralrat aus der Meckerecke herauszuführen. Was meinen Sie damit?

Graumann: Für uns bleibt es wichtig, an die Vergangenheit zu erinnern. Aber wir dürfen uns nicht darauf beschränken. Judentum ist viel mehr als Schoah plus Antisemitismus. Es verkörpert viele Werte: eine Tradition von hundert Generationen, Temperament, Wärme und ein moralisches Fundament, wie man es woanders gar nicht mehr so leicht findet. Wir haben überhaupt keinen Grund, das alles zu verstecken. Die Schätze des Judentums wieder mehr sichtbar zu machen, empfinde ich als eine große Aufgabe.

ECHO: Der Zentralrat soll mehr sein als das schlechte Gewissen Deutschlands?

Graumann: Das sowieso, allerdings haben wir uns als solches auch nie betrachtet oder gar angestrebt, diese Stellung jemals einzunehmen. Durch die Zuwanderung ist uns aber nun eine neue Zukunft gegeben worden. Diese müssen wir resolut gestalten – nicht als trübsinnige Trauergemeinschaft, sondern positiv mit einem frischen Geist voller Optimismus.

Darmstädter Echo, Jens Kleindienst, 08.01.11