29.11.2010

„Ich möchte etwas für das Gemeinwohl leisten"

Ein Interview des Mediendienstes des Zentralrats der Juden in Deutschland mit dem neuen Zentralratspräsidenten, Dr. Dieter Graumann

Frage: Warum haben Sie für das Amt des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland kandidiert? Können Sie die Kopfschmerzen, die Ihnen das Amt unweigerlich bereiten wird, viel Stress und viel Streit, dafür aber viel weniger Privatsphäre, wirklich gebrauchen? Waren sie mit Ihrem bisherigen Leben unzufrieden?
Antwort: Ganz im Gegenteil. Gerade weil ich mit meinem Leben zufrieden und dafür auch dankbar bin, möchte ich meinerseits etwas für das Gemeinwohl leisten. Es geht mir aber nicht nur um das hier und heute. Jeder Jude hat die Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Kette der Generationen, die vor dreieinhalbtausend Jahren am Berge Sinai begonnen hat, nicht abreißt. Nur so bleibt unsere Zukunft auch in den kommenden Jahren und Jahrtausenden gesichert. Dazu will ich in der mir gegebenen Zeit einen – meinen eigenen – Beitrag leisten. Ohne ein starkes Bewusstsein für diese historische Dimension hätte ich mich gar nicht erst um das Amt beworben.
Ich möchte aber auch nicht, dass hier der Eindruck entsteht, ich nähme jetzt etwa ein Opfer auf mich. Ich habe die Erfahrung gemacht: Wer sich für andere einsetzt, verliert gar nichts und gewinnt selbst so viel. Diesen Einsatz zu leisten, ihn auch leisten zu dürfen – das ist ein Geschenk, das man sich selbst macht.
Denn: Man selbst wird so am allermeisten beschenkt, man wächst daran, man selbst wird unendlich bereichert. Das gilt natürlich besonders für eine so wichtige Position des Präsidenten des Zentralrats.

Frage: Welche Ziele wollen Sie in Ihrem neuen Amt verfolgen?
Antwort: Mein wichtigstes Ziel ist eine frische Stärkung jüdischen Lebens in Deutschland und unterscheidet sich somit auch gar nicht von dem meiner Amtsvorgänger. Allerdings müssen wir uns jetzt auch den sich im Laufe der Zeit verändernden Rahmenbedingungen anpassen, um dieses Ziel noch besser erreichen zu können.

Frage: Was heißt das konkret?
Antwort: Seit 1990 sind rund 200.000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland eingewandert, knapp 100.000 haben sich jüdischen Gemeinden angeschlossen Die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinden hierzulande hat sich fast vervierfacht. Die Integration dieser Menschen bleibt die absolut vordringlichste Aufgabe. Sie bleibt auch künftig wichtig, doch verschieben sich die Schwerpunkte. Die meisten Zuwanderer leben seit mehr als einem Jahrzehnt in Deutschland, oft sind es zwei Jahrzehnte, und sie haben sich oft auch gut eingelebt. In den letzten Jahren hat die Zuwanderung nicht nur wegen neuer Bestimmungen, sondern vor allem auch wegen einer rückläufigen Emigrationsneigung in Ländern der ehemaligen UdSSR stark nachgelassen.
Jetzt müssen wir uns primär der Sicherung der Kontinuität jüdischen Lebens widmen. Wir müssen junge Menschen an die Gemeinden binden, jüdisches Wissen und jüdische Identität stärken, das religiöse Leben fördern. Die Abwendung junger Juden von Gemeindeleben stellt eine strategische Zukunftsbedrohung dar. Deshalb brauchen wir eine auf Dauer angelegte Jugend- und Bildungsarbeit, mehr Rabbiner und Religionslehrer. Sonst ist Substanzverlust nicht zu vermeiden. Wir müssen jetzt die Köpfe und Herzen unserer jungen Menschen gewinnen. Und wir bauen eine neue jüdische Gemeinschaft hier auf: Das neue plurale Judentum in Deutschland. Wir wollen es nun auch gemeinsam zum Blühen bringen.

Frage: Dafür braucht man nicht nur Enthusiasmus, sondern auch Etats. Und an diesen mangelt es.
Antwort: Unser Enthusiasmus ist tatsächlich grenzenlos, die Etats müssen erst noch mit unserer Begeisterung wachsen und Schritt halten. Der Aufbau neuen jüdischen Lebens in Deutschland ist das erklärte Ziel der deutschen Politik. Bei der Aufnahme und Integration der jüdischen Zuwanderer haben wir von Bund, Ländern und Kommunen umfangreiche Hilfe erfahren. Dafür sind wir dankbar und vertrauen darauf, dass Deutschland auch weiterhin bei der langfristigen Absicherung des jüdischen Lebens die erforderlichen Mittel zur Verfügung stellen wird.

Frage: Wird das gehen? In Deutschland wird gespart.
Antwort: Es handelt sich um Beträge, die für uns unerlässlich, im Gesamtmaßstab aber wirklich gar nicht so groß sind. Es ist auch ein logischer Schritt, die Förderung nicht mitten auf der Strecke einzustellen. Es ist aber auch historisch logisch, wurde doch das Vermögen der jüdischen Gemeinden ebenso wie einzelner Juden in der NS-Zeit geraubt und nur zu einem recht kleinen Teil restituiert. Nach wie vor gilt: Wir haben nicht etwa zu viele Juden neu hier bei uns – sondern zu wenige Mittel, um all das zu realisieren, was wir an neuem jüdischem Leben aufbauen wollen.
Ich glaube, dass ein blühendes jüdisches Leben auch Deutschland insgesamt bereichert. Das gilt nicht nur für die Leistung einzelner Juden, die in der Wissenschaft, im Kulturleben und in der Wirtschaft tätig sind, sondern für die Existenz einer starken jüdischen Gemeinschaft an sich, die ihre Stimme und ihre traditionellen Werte in die öffentliche Debatte einbringt. Ganz davon zu schweigen, dass die jüdischen Gemeinden und Einrichtungen umfangreiche Erfahrung im Bereich Integration haben. Dass hier zehn Prozent eine neue Mehrheit von neunzig Prozent „integrieren" und ihnen ein neues Zuhause geboten haben, ist eine einmalige Leistung und eine Kuriosität, aber auch ein Erfolg, die man nicht mehr so ohne weiteres finden kann. Natürlich kann man das alles nicht eins zu eins auf die gesamte in Deutschland bestehende Integrationsproblematik übertragen, aber ich denke, dass vieles, was wir im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte in diesem Bereich gelernt haben, doch von Nutzen sein kann. Wir würden uns freuen, unsere ganz speziellen Integrationserfahrungen mit anderen teilen zu können.
Zu diesen Erfahrungen gehört nicht zuletzt, dass wir den unterschiedlichen geographischen, sprachlichen und kulturellen Hintergrund nicht zum Hinderungsgrund für ein solidarisches Miteinander werden lassen. In der Vergangenheit hatte es das unter den Juden in Deutschland leider nicht immer so gegeben. Im Kaiserreich und in der Weimarer Republik blickten viele deutsche Juden auf die aus Osteuropa zugewanderten Ostjuden mit Geringschätzung herab. Das Gefühl der Schicksalsgemeinschaft wollte sich bei vielen nicht einstellen. So mussten die Ostjuden oft sogar einen eigenen Sportverein gründen, weil sie in den etablierten jüdischen Vereinen nicht willkommen waren. Selbst in der kleinen jüdischen Gemeinschaft in der ersten Nachkriegszeit waren die Gegensätze noch immer nicht ganz überwunden. Als zum Beispiel in den sechziger Jahren die Bnai-Brith-Loge (jüdische Freimaurer – die Redaktion) in Frankfurt wieder gegründet wurde, musste die Aufnahme ostjüdischer Mitglieder erst in einer Kampfanstimmung durchgesetzt werden.
Seitdem haben wir alle zum Glück dazu gelernt. Vor der Wiedervereinigung war es selbstverständlich, dass Juden hier keine Gruppenkonflikte mehr miteinander austrugen, ob sie selbst oder ihre Eltern nun aus Deutschland oder Polen – wie in meinem Fall –, aus der Sowjetunion, Ungarn, der Tschechoslowakei oder auch dem Iran stammen. Die massive Zuwanderung aus der ehemaligen UdSSR hat sicherlich auch einmal Spannungen mit sich gebracht, hat hier doch tatsächlich eine Minderheit eine neue Mehrheit integriert. Allerdings blieb die Einheit der jüdischen Gemeinschaft immerzu gewahrt – ein Beweis, dass Menschen alte Fehler nicht wiederholen müssen.

Frage: Nicht wenige Kommentatoren haben im Vorfeld der Wahl hervorgehoben, Sie seien der erste Präsident des Zentralrats, der nach dem Holocaust geboren wurde. Wie wichtig ist diese Tatsache?
Antwort: In der nichtjüdischen Öffentlichkeit scheinen viele geradezu sehnsüchtig darauf zu warten, dass endlich jemand die Spitzenposition des Zentralrats übernimmt, der kein Holocaust-Überlebender mehr ist. Ganz als warteten sie darauf, sozusagen einen Schlussstrich unter das Kapital „Schoa" ziehen zu können. Einen Schlussstrich kann es aber gar nicht geben und wird es mit mir auch nicht geben. Man kann die Folgen der Vernichtung von sechs Millionen Juden doch nicht einfach abstellen. Dass mit mir erstmals ein Nachgeborener Zentralratspräsident wird, ändert nichts daran. Mal ganz davon abgesehen, dass ich zwar das Glück hatte, die Grauen des Holocausts nicht erleben zu müssen, der Holocaust aber immer Teil von mir ist – und zwar nicht nur, weil ich ein Sohn von Holocaust-Überlebenden bin. Wir werden alles tun, damit der Holocaust weder in Deutschland noch weltweit geleugnet und verharmlost wird oder in Vergessenheit gerät. Auf der anderen Seite dürfen wir den Holocaust aber auch nicht zur neuen jüdischen Ersatzidentität machen und uns keinesfalls auf die Rolle einer trübsinnigen Trauergemeinschaft reduzieren.

Frage: Man hört immer wieder den Einwand, das Andenken an die Holocaust-Opfer sei in der Bundesrepublik zu einem ritualisierten Gedenken mutiert.
Antwort: Es ist auch eine erzieherische Herausforderung, den Holocaust den nachgeborenen Generationen so näher zu bringen, dass den Menschen die Ungeheuerlichkeit dieses Verbrechens und der Mut der Verfolgten bewusst werden. Da besteht in der Tat die Gefahr einer Ritualisierung. Allerdings ist mir ritualisiertes Gedenken immer lieber als organisiertes Vergessen. Ein Großteil der jungen Politikergeneration in Deutschland hat leider auch oft gar keine richtige Vorstellung von der Tragweite der nationalsozialistischen „Endlösung". Deshalb ist es auch besonders wichtig, diesen Mangel bei jungen Politikern, die bald in Spitzenämter der Bundesrepublik aufrücken werden, zu beheben. Auch hier muss der Zentralrat eine wichtige Rolle spielen.

Frage: ….und sich beschuldigen lassen muss, der notorische Nörgler zu sein.
Antwort: In der Tat denke ich: Den jüdischen „Mahnsinn", das jüdische „Mahnwesen" in Deutschland muss es nicht unbedingt für alle Zeit so geben. Wir Juden wollen nicht nur immer laut hinausschreien „wogegen" wir sind, sondern auch einmal „wofür" denn eigentlich. Wir müssen die spirituellen Schätze des Judentums transportieren und auch ein frisches, zeitgemäßes Bild vom Judentum vermitteln, indem wir das Judentum viel mehr auch mit seinen vielen Stärken präsentieren und positionieren.
Dabei darf natürlich eben nicht der Eindruck entstehen, als sei der Holocaust der eigentliche Kern jüdischer Identität. Wir sind eine der ältesten, heute noch bestehenden Gemeinschaften der Welt. Juden haben Werte geschaffen, die bis heute die menschliche Zivilisation entscheidend mitprägen. Wir haben bewiesen, dass eine kleine Gemeinschaft allen Widrigkeiten zum Trotz mit der schieren Kraft von Glauben, Moral und Tradition Jahrtausende überleben kann. All das müssen wir unserer Umwelt und unserer eigenen Jugend vermitteln. In der Bundesrepublik ist auch auf den großen Beitrag von Juden zur Entwicklung der deutschen Kultur, Wissenschaft, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft hinzuweisen. Wir haben allen Grund, sowohl auf unsere Tradition wie auf unsere neue Gegenwart gemeinsam stolz zu sein.
Nun wollen wir aber unsere neue Zukunft entschlossen gestalten, mit den vielen positiven Dimensionen, die das Judentum zu bieten hat, mit dem frischen „Spirit" von neuer Kraft und erneuerter Zuversicht.