19.09.2011

„Judentum hat in Deutschland wieder ein Zuhause“

Interview mit Dr. Dieter Graumann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 17.09.2011

Seit einem knappen Jahr ist der Frankfurter Dieter Graumann Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Konnte er seine Ankündigung wahr machen, ein frisches Judentum zu präsentieren?

Sie wollen ein frisches, fröhliches Judentum zeigen. Sind zumindest Sie persönlich nach einem knappen Jahr als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland fröhlicher geworden?

Aber ja – und wie sogar! Denn wenn ich sehe, wie unglaublich positiv und kraftvoll sich das neue plurale Judentum in Deutschland entwickelt, ja: wieder frisch zu blühen beginnt, ist meine Begeisterung nur ganz schwer zu bremsen.

Mit welchen Problemen haben Sie sich vor allem herumschlagen müssen?

Mir war und ist es wichtig, einen Wechsel zu bewirken in der Art, wie wir Juden uns nach außen hin präsentieren – künftig nämlich positiv, engagiert und offen. Einerseits ist dies wichtig für uns, die jüdische Gemeinde selbst, andererseits aber auch der Versuch, endlich anders wahrgenommen zu werden.

Was sollte sich ändern?

Das Judentum darf nicht verengt werden auf Formeln wie Schoa plus Antisemitismus. Niemand muss mir sagen, dass diese Themen wichtig sind. Aber wir Juden dürfen uns doch von ihnen nicht dominieren lassen. Wir können nicht in der Vergangenheit und nicht in den uns widerfahrenen Katastrophen leben. Schon gar nicht dürfen diese unsere Identität ausmachen. Wir dürfen uns nicht auf den Status einer Opfergemeinschaft, die wir schon lange nicht mehr sind, reduzieren lassen und schon gar nicht immerzu chronisch melancholisch Trauer zelebrieren.

Wo also bleibt das Positive?

Dazu komme ich gleich. Zuerst aber noch ein andrer Punkt, der nicht förderlich war. In den vergangenen Jahren haben wir Juden uns manchmal eventuell doch zu oft reflexhaft „empört". Das hatte sich abgenutzt. Und deshalb sollten wir diesen Zustand ändern.

Drängt die Öffentlichkeit dem Zentralrat und dessen Präsidenten zu sehr die Rolle eines Gewissens der Nation auf?

Die Öffentlichkeit sind in diesem Fall die Journalisten – die bösen, bösen Journalisten! Wann immer in Deutschland etwas passiert, erwarten sie vom Zentralrat eine klare, knackige und möglichst aggressive Stellungnahme, die sich auch gut in der Öffentlichkeit verkauft.

Wie beantworten Sie solche Anfragen?

Nicht reflexhaft. Wenn es aber angebracht ist, engagieren wir uns mit Feuer und Leidenschaft.

Sie meinen beim Thema Linke und Antisemitismus?

Da hat sich der Zentralrat in den vergangenen Wochen tatsächlich eine temperamentvolle Diskussion mit der Linkspartei geliefert, die allerdings auch sehr nötig und längst überfällig war. Die Frage, wie viel Antisemitismus in der Linkspartei zu finden ist, betrifft aber ja ganz Deutschland. Die Linkspartei ist gewiss keine antisemitische Partei, in Ostdeutschland engagiert sie sich sogar vorbildlich gegen braune Umtriebe.

Steckt hinter Ihrer Kritik an der Linken die Annahme, dass eine aggressive Form von Israel-Kritik oft eine verdeckte Form des Antisemitismus darstellt?

Darstellen kann. Kritik an Israel an sich ist schließlich bestimmt nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen. Es kommt jedoch auf das Ausmaß, die Art und Weise an, wie diese Kritik geäußert wird und welche Argumente ihr zugrunde liegen oder welche Handlungen in ihrem Namen getätigt werden. In der Linkspartei gibt es jedenfalls zu viele, deren eingefleischter Israel-Hass inzwischen längst antisemitisch ausgelebt wird.

Kommen wir endlich zum Positiven. Welche besonderen Seiten des Judentums wollen sie stärker in den Vordergrund stellen?

Deutschland hatte in den vergangenen 20 Jahren eine starke jüdische Zuwanderung vor allem aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion erlebt. 90 Prozent der Mitglieder unserer Gemeinden sind Neuankömmlinge. Wir haben sie in unseren Gemeinden herzlich und dankbar aufgenommen, wir leben Integration auf eine vorbildliche Weise. Das ist eine richtige Erfolgsgeschichte. Unser dabei gewonnene Knowhow teilen wir übrigens gerne mit anderen.

Können andere Minderheiten von Ihnen zum Beispiel lernen, wie man seine Kinder zu großen schulischen Erfolgen führt?

Ich will keine Vergleiche zu anderen Minderheiten ziehen. Aber es gibt ein paar Dinge, die wir in den Jüdischen Gemeinden wirklich gut machen. Wir nehmen zum Beispiel die Neuen mit Herzlichkeit auf. Wir wissen, dass sie für uns ein Glück, ein Segen und eine Bereicherung sind. Ohne unsere Zuwanderer wäre unsere Gemeinschaft so sehr geschrumpft, dass wir uns bald hätten fragen müssen: Wer macht denn eigentlich das Licht aus?

Hat das Judentum in Deutschland jetzt wieder eine Zukunft?

Dank der Zuwanderer sind neue Gemeinden entstanden, kamen neue Rabbiner ins Amt, wurden neue Schulen gegründet. Judentum in Deutschland hat also definitiv eine Zukunft, und zwar eine sehr vielversprechende. Und das Schöne ist: Die jüdischen Gemeinden können so auch wieder einen viel größeren Beitrag für die Gesamtgesellschaft leisten. Die Juden aus der früheren Sowjetunion zählten dort nämlich zur Bildungselite, sie haben in der Regel eine akademische Ausbildung absolviert. Das Ergebnis sieht man an ihren Kindern und Enkeln, die einen Bildungshunger und eine Lernbeflissenheit zeigen, wie wir sie oft nicht einmal von unseren eigenen Kindern kennen.

Wäre es angesichts des Bevölkerungsschwundes und des Fachkräftemangels an der Zeit, dass Deutschland die vor einigen Jahren eingeführten Restriktionen bei der Einwanderung von Juden wiederaufhebt?

Ich wäre sofort dabei, wenn man die 2005 vor allem auf Druck der Bundesländer hin verschärften Einwanderungsregeln wieder lockern würde.

Was schlagen Sie vor?

Man könnte zum Beispiel die mühselige „Integrationsprognose" abschaffen, die jeder jüdische Einwanderer vorweisen muss. Allerdings muss man sehen, dass die Juden aus der Ukraine oder aus Russland heute gar nicht mehr ein so großes Interesse an einer Auswanderung haben wie in früheren Jahren. In den beiden genannten Ländern gibt es heute ein blühendes jüdisches Leben, und den Menschen dort geht es auch wirtschaftlich besser als vor 15 oder 20 Jahren.

Deutschland benötigt Fachkräfte. Doch die Berufsabschlüsse etwa von Ärzten oder Ingenieuren aus der ehemaligen Sowjetunion werden in vielen Fällen nicht anerkannt. Ein Paradox?

Unsere Zuwanderer sind in der Tat auf hohe bürokratische Hürden gestoßen. Ärzte müssen als Krankenpfleger arbeiten, Ingenieure halten sich als Taxifahrer über Wasser. Das zeigt, dass die Zuwanderer in unseren Gemeinden nicht von Hartz IV leben, sondern arbeiten wollen. Leider werden ihre Berufsabschlüsse in vielen Fällen aber nicht anerkannt.

Die Klage ist alt. Warum ändert sich nichts?

Wir hören immer, dass es Kompetenzschwierigkeiten zwischen Bund und Ländern gibt. Jetzt soll endlich dazu ein Gesetz erlassen werden. Aber für eine ganze Generation unsrer Zuwanderer kommt es zu spät.

Sollen doch die Gemeinden helfen, die sind doch reich, denken viele. Wirkt hier das alte antisemitische Vorurteil vom reichen Juden nach?

Alte Vorurteile haben einen langen Atem. Die Mär vom reichen Juden hat aber nie gestimmt und stimmt heute noch viel weniger. Die meisten jüdischen Institutionen in Deutschland sind heute arm oder bettelarm. Früher waren die jüdischen Gemeinden nicht abhängig von staatlichen Subventionen. Sie haben sogar mit ihrem Mäzenatentum in die nichtjüdische Gesellschaft hineingewirkt, beispielsweise Universitäten und Museen gegründet wie hier in Frankfurt. In der Nazizeit haben sie ihr Vermögen verloren. Das war ein richtiger Massenraubmord. Nach vorsichtigen Schätzungen sind mehr als 80 Prozent der jüdischen Vermögen geraubt oder vernichtet worden – wobei alle Kompensations- und Entschädigungsprogramme schon eingerechnet sind. Die Armut der Gemeinden ist eine Folge der Beraubung von damals.

Gibt es von daher eine historische Verpflichtung, die jüdischen Gemeinden zu unterstützen?

Unbedingt. Deshalb fühle ich mich auch nicht als „Bettler", wenn ich heute um öffentliche Mittel für unsere Gemeinden werbe. Die öffentlichen Hände sind rechtlich zwar nicht zu Hilfe verpflichtet. Aber wir tragen unsere Wünsche mit guten moralischen Gründen vor. Und viele Länder oder Gemeinden unterstützen uns ja auch großzügig. In manchen anderen könnte es aber noch besser werden.

Was hat ein Land davon, wenn es seine jüdischen Gemeinden unterstützt?

Letztlich kommt die Hilfe auch allen Menschen hier zugute, da wir so auch mehr Projekte beispielsweise im interkulturellen oder interreligiösen Bereich initiieren können und so für ein verständnisvolleres, toleranteres und friedliches Miteinander werben. Eine Investition in die Zukunft der jüdischen Gemeinden ist also zugleich eine Investition in eine positive Zukunft Deutschlands.

In Frankfurt gibt es mit der Lichtigfeldschule eine sehr gute jüdische Schule. Anderswo würden die Gemeinden gerne eine solche einrichten. Ist es denn gut und richtig, wenn jüdische Kinder in jüdische Schulen gehen statt in die üblichen Gemeinschaftsschulen?

Eine Minderheit muss immer den Spagat schaffen zwischen dem Wahren ihrer Identität – einige definieren sie religiös, andere kulturell – und dem Einfügen in die Gesamtgesellschaft. Die jüdische Minderheit schafft diesen Spagat ganz gut. Judentum lebt davon, dass es von einer Generation in die nächste weitergetragen wird. Das klappt schon hundert Generationen lang. Dabei waren die Umstände oft viel schwieriger als heute.

Welche Bedeutung haben eigene Schulen für die Wahrung der Identität?

Bildung ist das A und O in diesem Prozess. Deshalb brauchen wir auch jüdische Schulen. Gleichzeitig wird aber so auch eine deutsch-jüdische Identität gestärkt, die einhergeht mit der Tatsache, dass Judentum in Deutschland wieder ein neues Zuhause hat beziehungsweise hierher zurückgekehrt ist. Unsere Eltern wollen ihre Kinder daher sehr bewusst „jüdisch in Deutschland" erziehen. In Frankfurt, wo wir mit der Lichtigfeldschule wohl die beste und spektakulärste jüdische Schule in Deutschland besitzen, nehmen wir auch viele nichtjüdische Kinder auf. Hier wird Zusammenleben vorbildlich eingeübt. „Multikulti" also auf schönste, beste Art und Weise bereits im Kindesalter. Das stärkt, verbindet und ist die beste Voraussetzung für eine positive, gemeinsame Zukunft.

Lange haben sich die nach dem Krieg entstandenen neuen jüdischen Gemeinschaften eingeigelt. Ist die Öffnung, wie man sie in Frankfurt sei drei Jahrzehnten erlebt, ein Erfolgsweg?

Frankfurt war in vielem ein Vorbild. Unsere Kulturveranstaltungen etwa werden zu 95 Prozent von Leuten besucht, die nicht der Gemeinde angehören. Die Bevölkerung nimmt unsere ausgestreckte Hand an, nicht nur in Frankfurt. Das ist ein sehr schönes Zeichen.

Die Gemeinden bestehen zum größten Teil aus Zuwanderern. Nach dem Krieg kamen sie aus Polen oder Rumänien, in den vergangenen Jahren aus der früheren Sowjetunion. Sollen diese Leute die jahrhundertealte jüdische Tradition von Städten wie Frankfurt als Teil ihres Erbe betrachten?

Das haben doch schon viele getan. Nehmen Sie meine Generation. Meine Freunde und ich kommen ja weit überwiegend auch nicht aus dem deutschen Judentum, sondern in der Regel aus Osteuropa. Wir haben aber das deutsche Judentum für uns adoptiert und adaptiert. Wir sehen uns ein Stück in dessen Tradition, wenn auch durchaus etwas kritisch.

Weshalb kritisch?

Viele deutsche Juden haben sich einst doch deutscher gebärdet als die Mehrheitsbevölkerung. Das wird so gewiss nicht mehr geschehen. Aber wir versuchen heute, die vielen positiven Traditionen des deutschen Judentums aufzugreifen. So hat der Zentralrat sein Haus und seinen großen Preis nach Leo Baeck benannt, der für die besten Traditionen des deutschen Judentums steht.

Was wollen Sie in den nächsten Jahren als Zentralrats-Präsident bewirken?

Ich will die jüdische Gemeinschaft aus der Trauer- und Meckerecke herausbringen. Ich wünsche mir ein frisches, positives und lebendiges Judentum hier. Wir Juden in Deutschland müssen uns stärker darüber bewusst sein, welche Schätze das Judentum birgt: eine Schatztruhe von positiven Dimensionen. Sie zu heben, bietet uns eine große Chance. Das Positive, das wir zu bieten haben, zum Beispiel die jüdische Kultur, müssen wir aber auch nach außen tragen. Ich wünsche mir deshalb etwa ein jedes Jahr vom Zentralrat organisiertes großes jüdisches Festival, das unsere Kultur in ihrer ganzen Breite vorstellt.

Eine jüdische Leistungsschau?

Kultur und Bildung waren schon immer jüdische Kernanliegen. Es würde mich freuen, wenn der Zentralrat im Bildungswesen noch mehr Akzente setzen könnte. Ich stelle mir eine Jüdische Akademie vor als einen Ort des Lehrens und des Lernens, an dem jüdisches Wissen weitergegeben wird. Gelänge die Gründung einer solchen Akademie, wäre das für mich sogar ganz besonders schön.

Die Fragen stellte Hans Riebsamen.

Text: F.A.Z.