11. Jahrgang Nr. 8 / 26. August 2011 – 26. Aw 5771

Sonntags frei

Neuer Gesetzentwurf will den Israelis ein Wochenende wie im Westen schenken

Geht es nach dem Wunsch einiger Knessetabgeordneter, wird Israels Parlament schon bald per Gesetz beschließen, dass das Wochenende in Israel künftig – wie international üblich - auf Samstag und Sonntag fällt. Gegenwärtig ist der Freitag, wie der Samstag im Westen, in der Industrie und den Büros arbeitsfrei, während im Einzelhandel und einigen Dienstleistungsbranchen gearbeitet wird – allerdings nur bis zum frühen Nachmittag, damit alle Mitarbeiter vor Schabbateingang zu Hause sind. Dagegen ist Sonntag ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag.
Nach der nun vorgeschlagenen Regelung sollen freitags alle Wirtschaftssektoren arbeiten – allerdings auch dann nur bis zwei Uhr nachmittags. Zum Ausgleich würden die Israelis montags bis donnerstags eine Stunde länger als bisher arbeiten. Der Sonntag wäre arbeitsfrei, wobei bestimmte Branchen wie Handel, Gaststätten oder Freizeitgestaltung ihre Pforten für die Kunden öffnen könnten. Die „Sonntagsarbeiter“ würden mit Prämien oder Freizeitausgleich entschädigt.
Von solcher „Zeitverschiebung“ versprechen sich die Initiatoren, unter ihnen Vizepremier Silvan Schalom, erhebliche Vorteile. Ein arbeitsfreier Sonntag würde es auch religiösen Juden erlauben, die weltlichen Freuden eines modernen Wochenendes zu genießen: einen Kinobesuch, die Fahrt zum Strand oder einen Einkaufsbummel: ein klarer Vorteil gegenüber dem arbeitsfreien Freitag, der vormittags bei Besorgungen und beim Putzen verbracht wird. Schließlich, so wird argumentiert, habe sich das vorgeschlagene Modell in der Diaspora längst bewährt. Dort ruhten religiöse Juden am Schabbat im Einklang mit den Geboten der Tora und genössen den Sonntag nach Lust und Laune.
Weiterer Pluspunkt wäre die Anpassung an die große, weite Welt. Heute können etwa ausländische Geschäftsleute ihre israelischen Kollegen freitags nicht erreichen, während die Israelis sonntags keinen Ansprechpartner in Übersee haben. Das, so die Befürworter der Neuregelung, würde sich durch das Gesetz ändern.
Der Vorschlag löst aber nicht nur Begeisterung aus. Viele Unternehmen fürchten, die Arbeitsdisziplin würde freitags leiden. Schließlich wollten die meisten Israelis, dass die Wohnung vor dem Schabbat sauber und der Großeinkauf erledigt sei. Das sei eine Verführung zum Absentismus. Selbst der Gewerkschaftsbund Histadrut erklärte vorsichtig, die Einführung eines arbeitsfreien Sonntags müsse auf all ihre Aspekte geprüft werden. Säkulare Israelis fürchten wiederum, dass die religiösen Parteien bei einem arbeitsfreien Sonntags eine drastische Einschränkung weltlicher Vergnügungen am Schabbat durchsetzen würden – und zwar mit dem Hinweis, profane Späße wie der Kinofilm am Samstagmorgen könnten nunmehr sonntags nachgeholt werden
Ministerpräsident Benjamin Netanjahu weist die Idee zumindest nicht von der Hand und hat den Vorsitzenden des Nationalen Wirtschaftsbeirats, Professor Eugene Kandel, mit einer gründlichen Analyse des Vorschlags beauftragt. Vielleicht wird die Idee doch noch Wirklichkeit.
wst