11. Jahrgang Nr. 8 / 26. August 2011 – 26. Aw 5771

Schachmatt

Wie Bobby Fischer - Schachweltmeister, Jude und Antisemit - sich selbst ins Aus manövrierte

Im Alter von 29 Jahren war Bobby Fischer der bekannteste Schachspieler der Welt. Damals, 1972, hatte er seinem sowjetischen Gegner, Boris Spaski, bei einem medienwirksamen Duell im isländischen Reykjavik den Weltmeistertitel abgerungen. Das Kräftemessen war nicht nur für Kenner des Königsspiels faszinierend. Auch Fischers skurrile Persönlichkeit weckte weltweite Neugierde.
Der Sieg des amerikanischen Juden Fischer beendete oder unterbrach doch die jahrzehntelang unangefochtene Vorherrschaft der UdSSR in Welt des Schachspiels und war inmitten des Kalten Krieges auch politisch eine Sensation. Nicht umsonst hatte der damalige amerikanische Berater für Nationale Sicherheit, Henry Kissinger, Fischer vor der Meisterschaft zweimal persönlich angerufen und ihn bedrängt, seine Teilnahme am Duell mit Spaski nicht abzusagen. Und selbstverständlich bekam Bobby nach seinem Sieg ein persönliches Gratulationsschreiben von US-Präsident Richard Nixon.
Jüngst hat der amerikanische Autor, Kommunikationswissenschaftler und Schachspieler Frank Brady, der Fischer jahrzehntelang persönlich kannte, eine neue Biographie des schwierigen Genies verfasst, die weniger seine Spiele als seine Psyche analysiert. Brady konnte nicht nur auf seine persönlichen Erinnerungen zurückblicken, sondern hatte auch Zugang zu bisher unerschlossenen Quellen, einschließlich des Privatarchivs von Fischers Mutter ebenso wie zu Dokumenten des KGB. Das verleiht dem Buch einen hohen Grad an Authentizität.
Fischer wurde im Jahre 1943 in Chicago geboren. Seine Mutter, Regina Wender-Fischer, war eine in der Schweiz geborene Jüdin, die im Alter von zwei Jahren in die USA gekommen war. In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte sie in Berlin und in Moskau gelebt. In der sowjetischen Hauptstadt heiratete sie den deutsch-jüdischen Biophysiker Hans Gerhardt Fischer, von dem sie sich später jedoch trennte. Die Identität von Bobby Fischers Vater ist nicht gesichert. Wahrscheinlich war er der aus Ungarn in die Vereinigten Staaten immigrierte Physiker Paul Nemenyi, auch er Jude, oder aber Hans Gerhardt Fischer. Bobbys Schachbegabung wurde entdeckt, als er sechs Jahre alt war. Damals lebte er mit seiner Mutter und Schwester in New York. Mit vierzehn gewann er die US-Meisterschaft und wurde mit fünfzehn der jüngste internationale Großmeister.
Parallel dazu entwickelte sich aber auch die dunkle Seite seines Charakters. Seine Fähigkeit, soziale und emotionale Bindungen einzugehen, war begrenzt, in aller Regel brütete er einsam über Schachbüchern. Das familiäre Umfeld trug nicht zu seiner seelischen Gesundheit bei. Fischer wurde ohne einen Vater groß. Seine Mutter ließ ihn als „Schlüsselkind“ aufwachsen. Auch Armut machte der Familie zu schaffen. Vielleicht als Reaktion darauf entwickelte der junge Bobby eine Mischung aus Größenwahn, Unduldsamkeit und Menschenscheu, die ihn sein Leben lang begleiten würde. Freundschaften konnte er aus nichtigem Anlass für immer beenden. Beziehungen zu Frauen blieben selten und problematisch. Gegen die soziale Unfähigkeit half auch sein phänomenaler Intelligenzquotient von 180 nicht.
Bereits in jungem Alter entwickelte er eine Abneigung gegen die Sowjetunion: Als Vierzehnjähriger durfte er auf Einladung des sowjetischen Schachverbandes einen Sommer in Moskau verbringen, fühlte sich aber nicht gebührend geachtet und reiste mit tiefem Groll ab. Der Hass auf die „Bolschewiken“ sollte ihn ebenfalls an sein Lebensende begleiten, auch wenn er fließend Russisch lernte. Fischer hatte so viel Angst, vom KGB ermordet zu werden, dass er in seinem späteren Leben in jedes Restaurant Mittel gegen Vergiftung mitnahm – dies für den Fall, dass der sowjetische Geheimdienst ihn auf diese Weise liquidieren möchte. Dazu kam es nicht, doch war das sowjetische Regime an Fischer durchaus interessiert: Während seiner aktiven Zeit wertete ein geheimes Sonderteam jedes seiner Spiele aus und ließ die Ergebnisse sowjetischen Spitzenspielern zukommen.
Beim Weltmeisterschaftskampf gegen Spaski wurde Fischers schwieriger Charakter weltweit offenkundig. Vor und während der Meisterschaft ärgerte der Amerikaner die isländischen Ausrichter, den Schachweltverband FIDE und Spaski selbst mit formellen und finanziellen Forderungen und fiel durch einen Mangel an grundlegenden Manieren auf. Weil er gesiegt hatte, wurde ihm das in den USA verziehen, allerdings wurde ihm sein Charakter anschließend doch noch zum Verhängnis. Über die Welt erbost, zog er sich vom professionellen Schachspiel zurück. Menschenfeindlich und misstrauisch, lehnte er hoch dotierte Angebote, Schach zu spielen und über Schach zu schreiben, wiederholt ab. 1975 weigerte er sich, gegen seinen Herausforderer Anatolij Karpow anzutreten, weil die FIDE seinen Wünschen nach einer Änderung der Turnierregeln nicht nachkommen wollte. Daraufhin wurde ihm der Weltmeistertitel entzogen.
Fast zwei Jahrzehnte lebte Fischer bei Freunden oder in gemieteten Appartements, vor allem in Los Angeles. Bald versank er in Armut und in eine existenzielle Einsamkeit. In dieser Zeit wuchs auch sein Hass auf alles Jüdische. Von seiner Mutter war Bobby nicht religiös erzogen worden, doch wusste er um seine jüdische Herkunft und besuchte kurze Zeit sogar einen jüdischen Kindergarten. Als Teenager verfiel er den Lehren der christlichen Sekte „Worldwide Church of God“ und blieb ihr lange Zeit verbunden, ohne allerdings die formelle Taufe anzunehmen. In seiner kalifornischen Abgeschiedenheit stieß Fischer in einem Gebrauchtbücherladen auf die „Protokolle der Weisen von Zion“ und verschlang das Buch, das in seinen Augen ein echter Beweis für die „jüdische Weltverschwörung“ war, mit Leidenschaft.
Seine antisemitischen Ausfälle, mit denen er sich nirgendwo und niemandem gegenüber zurückhielt, führten schließlich dazu, dass seine Schwester und ihr ebenfalls jüdischer Ehemann ihm das Hausverbot erteilten. Fischer wurde auch mit einem Stapel antisemitischer Flugblätter gesichtet. Der Jude Fischer verkündete gern die These von der Überlegenheit der „arischen Rasse“. Als er 1990 nach Europa kam, lebte er ein Jahr lang mit einer deutschen Frau zusammen, die er bei deren USA-Besuch zwei Jahre zuvor kennen gelernt hatte. Allerdings hatte er sich damals bereits vergewissert, dass sie „Arierin“ sei.
1992 begann Fischers Leben im Exil. Für ein Preisgeld von 3,5 Millionen Dollar ließ er sich dazu bewegen, in Montenegro – damals zu Serbien zugehörig – wieder gegen Spaski anzutreten. Damit verstieß er aber trotz einer ausdrücklichen Warnung des amerikanischen Außenministeriums gegen die von Washington gegen Serbien verhängten Wirtschaftssanktionen. Da eine Rückkehr in die USA eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren nach sich hätte ziehen können, lebte er mehrere Jahre in Budapest und erkor 2000 Tokio zu seinem Hauptwohnsitz. Dort heiratete er auch eine Japanerin. Gegen „die Juden“ und gegen seine Heimat USA führte er in Ungarn wie in Japan einen heftigen Propagandakrieg. In einem Radiointerview in Tokio lobte er den Terroranschlag der Al-Qaida auf das Welthandelszentrum am 11. September 2001.
Schließlich wurde sein Treiben der US-Regierung zu bunt. 2004 erklärte sie Fischers amerikanischen Pass für ungültig. Bei versuchter Ausreise wurde er in Tokio in Abschiebehaft genommen. Vor der Auslieferung an die USA rettete ihn Island: Die Regierung in Reykjavik war ihm noch immer für die sensationelle Weltmeisterschaft von 1972 dankbar, verlieh ihm die isländische Staatsangehörigkeit und ermöglichte dadurch seine auf die nordatlantische Insel. Dort verbrachte Fischer seine letzten Lebensjahre. Er starb im Januar 2008 und wurde in Reykjavik beigesetzt.
Eine Erklärung für seinen grenzenlosen Judenhass hatte Fischer nie geliefert. Eine Spekulation besagt, die Ursache sei seine Verbitterung gegen den Weltschachverband und das Schach-Establishment in den USA wie in der Sowjetunion gewesen, in denen Juden eine prominente Rolle spielten. Bei seinem Duell gegen Spaski im Jahre 1992 erklärte Fischer beispielsweise, er sei zwanzig Jahre lang vom „Weltjudentum“ boykottiert worden. Man darf aber annehmen, dass diese Erklärung etwas zu einfach ist. Das Rätsel seines kruden Antisemitismus, der letztendlich ihm selbst weitaus mehr als den von ihm so verabscheuten Juden geschadet hat, nahm Fischer mit ins Grab.
wst