11. Jahrgang Nr. 7 / 22. Juli 2011 – 20. Tammus 5771

Analysiert

Neues Computerprogramm prüft Herkunft und Zusammensetzung biblischer Texte

Computer dringen überall vor. Großrechner können neue Flugzeugtypen auf Flugtauglichkeit prüfen, ohne, dass ein Pilot einen Prototyp testen muss. Elektronenhirne machen Menschen den Status der besten Schachspieler strittig. Jetzt können Computer mit Hilfe eines neuen Programms auch biblische Texte analysieren und ihre Entstehung unterschiedlichen Autoren zuordnen. Zwar ist der elektronische „Kollege“ den menschlichen Experten noch nicht ganz ebenbürtig, doch erledigt er seine Arbeit binnen weniger Minuten. So erhält die Bibelwissenschaft mit dem neuen, von einem Wissenschaftlerteam unter der Führung von Professor Moshe Koppel von der israelischen Bar-Ilan-Universität entwickelten Programm ein Arbeitswerkzeug, das ihr auf vielfache Weise helfen kann.
Bekanntlich gehen biblische Texte auf mehrere Quellen zurück. Das vielleicht bekannteste Beispiel ist der im 1. Buch Mose zweifach erscheinende Schöpfungsbericht, dessen Fassungen jeweils unterschiedlichen Verfassern zugeschrieben werden. Allerdings geht die Vermischung unterschiedlicher Quellen in anderen Fällen viel tiefer und muss oft mit weitaus größerem Aufwand entziffert werden. Natürlich lassen sich auch Bücher verschiedener Autoren miteinander vergleichen, deren Stränge nicht zu einem gemeinsamen Narrativ verflochten wurden. Beide Methoden ermöglichen Einblicke in die Entstehung, die Bedeutung und den historischen Kontext biblischer Texte.
An dieser Stelle setzt das neue Programm an. Im ersten Stadium werden sinnverwandte Wörter herangezogen. In einem Experiment untersuchte das israelische Team die Verwendung von Synonymen für die Wörter „er pflanzte“ (nata oder schatal), „Ecke“ (Pea oder Miktzoa) und „Darbringung“ (Truma oder Mincha). Zu diesem Zweck wurden die prophetischen Bücher Jeremia und Ezekiel in den Computer eingespeist. Prompt erkannte das Programm, dass die Wortgruppen Pea, Mincha und nata beziehungsweise Miktzoa, Truma und schatal von jeweils zwei verschiedenen Autoren stammen. Damit konnten die für das Experiment miteinander vermischten Texte großenteils wieder entflochten werden.
Im nächsten Schritt werden weitere Wörter untersucht, die im jeweiligen Text verwendet wurden. Mit diesem Zweistufenverfahren lassen sich äußerst komplexe Analysen mit großer Präzision vornehmen. So revolutionär diese Anwendung ist, so ist aber auch sie nicht der Weisheit letzter Schluss. Im nächsten Stadium will das israelische Forscherteam Algorithmen zur Analyse von Textstellen entwickeln, bei denen der Vergleich unterschiedlicher Wortgruppen nicht möglich ist. Damit steht die Bibelwissenschaft vor einer interessanten Entwicklung, deren Ergebnisse in diesem Stadium schwer vorhersehbar sind.
wst