11. Jahrgang Nr. 7 / 22. Juli 2011 – 20. Tammus 5771

Alte Geschichte

Das niederländische Parlament will das Schächten verbieten. Damit begeben sich die Volksvertreter in Den Haag in schlechte Gesellschaft.

„Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu“, schrieb vor bald zwei Jahrhunderten Heinrich Heine. In Heines berühmtem Gedicht, „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“, geht es um unglückliche Liebe, doch trifft der Spruch, wie es scheint, auch auf das im Abendland verbreitete Vorurteil gegen das Schächten. Die Schechita, ereifern sich Gutmenschen wie Judenfeinde gern immer wieder, sei unmenschlich und müsse verboten werden.
Ende Juni war es dem Parlament der Niederlande vorbehalten, in den Chor der Empörung einzustimmen. Die Zweite Kammer der „Generalstaaten“ – so der offizielle Name der Volksvertretung – hat mit großer Mehrheit ein Gesetz verabschiedet, das die Schlachtung ohne vorherige Betäubung der Tiere umfassend verbietet und damit die rituelle Schlachtung nach den Regeln des Judentums – und des Islam – unmöglich macht. Das einzige Hintertürchen, das die Parlamentarier offen ließen, ist die nebulöse Möglichkeit einer Ausnahmeregelung falls „wissenschaftlich nachgewiesen“ werden könne, dass die Schlachtung ohne Betäubung den Tieren kein Leid zufügt.
Noch ist der gesetzgeberische Prozess in Den Haag nicht abgeschlossen. Wahrscheinlich im Herbst wird auch die Erste Kammer (der Senat) über den Entwurf abstimmen. Jüdische Organisationen in den Niederlanden hoffen, darin von ihren Glaubensbrüdern in der ganzen Welt unterstützt, die Neuregelung noch verhindern zu können. Dennoch ist der Vorgang jetzt schon eine Show der Intoleranz, die viele von den nach eigenem Verständnis toleranten Niederlanden nicht erwartet hätten. Eine überwältigende Mehrheit der Volksvertreter - 116 Stimmen gegen 30 – hat für das Schächtverbot votiert.
Das ist schwerwiegender Eingriff in die Religionsfreiheit. Der Zusatzparagraph, der betäubungsfreies Schlachten doch noch zuzulassen verspricht, wenn dieses denn nachweislich human wäre, ist in Bezug auf jüdisches Schächten scheinheilig. Wie durch tierärztliche Forschung längst nachgewiesen wurde, ist das Schächten mit Sicherheit keine grausame Schlachtmeththode, sondern für das Tier schmerzfrei. Der tiefe, blitzschnelle und mit einem äußerst scharfen, garantiert schartenfreien und vor jedem Einsatz sorgfältig geprüften Messer durchgeführte Schnitt durchtrennt alle Weichteile im Hals des Tieres und führt zum Bewusstseinsverlust, bevor ein Schmerzempfinden einsetzt. Die führende amerikanische Tierhaltungsexpertin, Temple Grandin, bescheinigte, bei korrekter Schächtung zeige das Tier keine Schmerzsymptome oder Regungen und werde innerhalb von acht bis zehn Sekunden bewusstlos.
Natürlich führen Fehler beim Schächten zu unnötigen Qualen des Tieres. Das aber gilt für alle Schlachtungsmethoden, etwa bei ungenügender Betäubung in „christlichen“ Schlachthöfen. Allerdings hat das Judentum solchen Fehlern gleich mehrere Riegel vorgeschoben. So darf nur der besonders ausgebildete Schochet die Schächtung durchführen. Er muss selbst religiös sein, damit ihm eine penible Einhaltung der Vorschriften nicht nur Beruf, sondern auch Berufung ist. Einen etwaigen ökonomischen Anreiz, das Verfahren unter Schmerzzufügung zu beschleunigen, hat das Judentum ausgeschaltet: Wird das Verfahren nicht nach allen Regeln durchgeführt, ist das Fleisch nicht koscher und kann nicht an den Verbraucher verkauft werden. Zudem befürworten die Rabbiner auch die möglichst stressfreie Vorbereitung des Schlachtvorgangs. Zu diesem Zweck wurden im Industriezeitalter besondere Vorrichtungen entwickelt.
In historischer Hinsicht begaben sich die Niederländer in unschöne Gesellschaft, waren doch Schächtverbote stets von antijüdischen Ressentiments begleitet. Das war bereits bei dem Ende des 19. Jahrhunderts in der Schweiz verabschiedeten Verbot jüdischer Schlachtung der Fall. Zu den ersten Gesetzen, die das nationalsozialistische Regime in Deutschland nach seiner Machtergreifung im Jahre 1933 beschloss, gehörte ein Schächtverbot Die vermeintliche Grausamkeit der Schechita spielte auch in der NS-Propaganda eine herausragende Rolle. So stellte der berüchtigte antisemitische Film „Der ewige Jude“ dass Schächten, als blutig, barbarisch und abscheulich dar. In den dreißiger Jahren führte auch Schweden unter dem Einfluss nationalsozialistischer Ideen ein Schächtverbot ein. In Norwegen darf nicht geschächtet werden, doch ist der Walfang – an Grausamkeit kaum zu überbieten – erlaubt.
In Deutschland wurde das Schächten nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zugelassen. Das heute geltende Tierschutzrecht lässt das betäubungslose Schlachten zu, sofern es für die Angehörigen einer Religionsgemeinschaft zwingend erforderlich ist. Allerdings gibt es auch in der Bundesrepublik Bestrebungen, das Schächten zu verbieten, wobei sich auch hier Unwissenheit und Fremdenhass miteinander vermischen. Und natürlich sind unter den Schächt-Gegnern Aktivisten der neonazistischen NPD zu finden.
2002 wies das Bundesverfassungsgericht das Ansinnen eines umfassenden Schächtverbots ab. 2006 urteilte das Bundesverwaltungsgericht, dass Vertreter betroffener religiöser Gemeinschaften trotz der grundgesetzlichen Verankerung des Tierschutzes als Staatsziel Anspruch auf Ausnahmegenehmigungen zum Schächten haben. Es bleibt abzuwarten, ob das niederländische Beispiel den Gegnern des Schächtens auch in deutschen Landen neuen Auftrieb gibt. Man muss kein orthodoxer Jude sein, um seine Stimme gegen die mit solchen Forderungen einhergehende Verunglimpfung unserer Religion zu erheben.
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