11. Jahrgang Nr. 7 / 22. Juli 2011 – 20. Tammus 5771

Gemeinsam präsent und stark

Interview mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, über seine Kritik an der „Linken“ und über die Öffentlichkeitsarbeit des Zentralrats

Zukunft 11. Jahrgang Nr. 7
Zukunft 11. Jahrgang Nr. 7
Im Juni hat Dr. Dieter Graumann in einem Gastbeitrag der „Süddeutschen Zeitung“ Kritik an antiisraelischen und antisemitischen Tendenzen bei der Partei „Die Linke“ geübt. Grund: Teile der Partei bezweifeln Israels Existenzrecht, rufen zum Boykott des jüdischen Staates auf und solidarisieren sich mit so genannten „Friedensaktivisten“, die Israel sogar zerstören wollen. Damit werde aber die Grenze zum Antisemitismus überschritten. Dieser Tendenz trete die Partei nicht entschlossen genug entgegen. Der Beitrag löste zahlreiche Reaktionen aus. Die ZUKUNFT sprach mit dem Präsidenten des Zentralrats über den Streit mit der „Linken“ und über Fragen der Öffentlichkeitsarbeit.

Frage: Herr Dr. Graumann, mehr als vierhundert Zeitungen in Deutschland haben über Ihre Kritik an der „Linken“ berichtet. Haben Sie mit einem solchen Echo gerechnet?
Antwort: Das Echo zeigt, wie nötig und wie richtig und wichtig eine klare Stellungnahme von uns war. Es zeigt zugleich, wie sehr sich all jene geirrt haben, die in den letzten Jahren nicht ohne Schadenfreude eine schwindende Bedeutung des Zentralrats diagnostizierten. Sie haben sich zu früh gefreut: Totgesagte leben länger. Unsere Stimme hat tatsächlich politisch enorm großes Gewicht - das ist gut für uns und gut für dieses Land

Der Vorsitzende der „Linken“, Klaus Ernst, hat Ihnen nahe gelegt, „die Niederungen der Parteipolitik“ zu verlassen.
Er sagte auch, mit meiner Kritik würde ich „meinem Anliegen“ schaden. Hinter dieser Aussage steckt doch die fatale Vorstellung, Juden hätten besser still und ruhig zu sein. Ansonsten seien sie an der Judenfeindlichkeit wohl noch eben selbst schuld. Still sind wir aber gerade nicht. Ganz im Gegenteil, dort wo es notwendig ist, werden wir immer unsere Stimme klar und deutlich erheben, ob es nun um Kritik oder Lob geht. Wir setzen uns nun mal mit ganzem Herzen für alle jüdischen Angelegenheiten ein und das bedeutet, die stillen Wasser zu verlassen und präsent und laut zu sein, freilich: im passenden Moment.
Richtig ist aber, wir wollen nicht mehr ins „jüdischen Mahnwesen“ verfallen, also keine reflexartige, automatische Kritik an noch so nichtigen Anlässen in der nichtjüdischen Umwelt üben. Wir haben es doch gar nicht nötig, uns über jede falsche Wortwahl eines Politikers gleich aufzuregen. Aber das hier ist doch etwas ganz Anderes, ja ein zentrales Anliegen, und das nicht nur für die jüdische Bevölkerung Deutschlands. Die Linke ist gewiss keine antisemitische Partei, doch hat sie punktuell ein Antisemitismus-Problem, über das in den Medien, im Bundestag und auch innerhalb der Partei selbst gesprochen wurde. Und dazu sollen wir nichts sagen dürfen? Wer - wenn nicht wir?! Statt uns höchst überflüssige Ratschläge zu geben, sollte die Linkspartei besser versuchen, ihren peinlichen Eiertanz in Sachen Israel endlich zu beenden. Eventuell geht das aber auch gar nicht: Wer immer wieder seinen Kurs klären muss, der hat vielleicht gar keinen.

Man muss sagen, dass Ihre Kritik in der Öffentlichkeit großenteils auf Verständnis gestoßen ist. Allerdings haben Sie auch oft gefordert, das Positive am Judentum zu präsentieren. Wie klappt es damit?
Wir können die Medienlandschaft auch nicht neu erfinden. Negatives ist für die Medien generell nun einmal attraktiver als Positives. Nicht nur, wenn es um Juden geht. Wenn wir über das Positive am Judentum und an der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland sprechen, haben wir immer einen schwereren Stand. Aber es ist dennoch machbar. Wer über Gutes sprechen will, muss es auch tun. Und das tun wir. Nur ein Beispiel: Die jüngsten jüdischen Kulturtage in Nordrhein-Westfalen fanden große Beachtung. Es war aber eben auch die größte Veranstaltung dieser Art, die jemals in der Bundesrepublik stattgefunden hat.

Haben Sie weitere Beispiele?
Ich habe so einige Beispiele - zum Glück. Um hier nur zwei zu nennen: Die beiden Preise, die der Zentralrat verleiht, der Leo-Baeck-Preis für besondere Verdienste und der Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage. Jedes Jahr ist die Verleihung der einen wie der anderen Ehrung ein Ereignis von großer öffentlicher Bedeutung. Das jüdische Leben in Deutschland bietet ja inzwischen eine reiche Vielfalt an positiven Entwicklungen. Juden sind Schriftsteller, Künstler, Politiker, Wissenschaftler und Ingenieure, haben neue Gemeinden, Schulen, eine Hochschule, Ausbildungsstätten für Rabbiner und vieles andere mehr. Unsere Gemeinschaft bauen wir gerade ganz neu auf - und sie beginnt frisch zu blühen, wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Das müssen wir noch stärker transportieren.
Da gibt es gerade in unserer Öffentlichkeitsarbeit noch reichlich Platz für Verbesserungen, allerdings muss die Gesellschaft diese dann auch aufnehmen wollen. Nehmen wir das Thema der Integration von Neuzuwanderern, die unsere Gemeinden auf das Vorbildlichste bewältigt haben. Dass bei uns 10 Prozent neue 90 Prozent „integrieren“ sollen – in Wahrheit also wir ganz neu zusammenfinden und zusammenwachsen, das ist eine richtige Erfolgsstory. In einem Land wie Deutschland, in dem das Thema Integration so sehr im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte steht, sollten hier unsere besondere Erfahrung, unser spezielles „Know-how“ , aber auch unsere geradezu grandiosen Integrationserfolge besonders wichtig sein, finden aber generell oft nur unzureichende Beachtung.
Insgesamt mag die Öffentlichkeit noch nicht sehr viel über das neu erblühende jüdische Leben in Deutschland wissen und es vielleicht sogar unterschätzen, aber uns selbst ist sehr wohl bewusst, wie viel Potential, Stärke, Energie, Begeisterung und Kreativität unsere jüdische Gemeinschaft hat. Es gilt hierbei auch vor allem, unsere Jugend noch viel stärker zu fördern. Der Aufbau unserer neuen jüdischen Gemeinschaft hier ist eine gewaltige Herausforderung und ein Kraftakt, aber auch eine geradezu wundersame Chance für uns. Alle sind von Herzen eingeladen, hier mit zu machen, mit zu helfen, mit zu gestalten. Wir können und wir wollen auf keinen von uns verzichten.