11. Jahrgang Nr. 6 / 30. Juni 2011 - 28. Siwan 5771

Glaubensbrüder

Die Affäre um Dominique Strauss-Kahn lässt Frankreichs Juden aufhorchen

In den internationalen Medien wird Dominique Strauss-Kahn noch längere Zeit Schlagzeilen machen. Dafür wird allein schon das in New York anstehende, Gerichtsverfahren gegen „DSK" sorgen, wie er nach seinen Initialen oft genannt wird. Dem französischen Politiker, bis vor kurzen Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), wird vorgeworfen, sich in seinem New Yorker Hotel an einem Zimmermädchen vergriffen zu haben. Strauss-Kahn leugnet den Vorwurf der versuchten Vergewaltigung, ist aber erst einmal von seinem Posten als IWF-Chef zurückgetreten.
In der jüdischen Welt wird derweil weniger auf die sensationsgeladene Berichterstattung aus New York als auf die potentiellen Konsequenzen des Falls für die jüdische Gemeinschaft in Frankreich geachtet. Schließlich ist Strauss-Kahn nicht nur Jude, sondern hat sich stets klar und unmissverständlich zu seinem Judentum bekannt. Umso größer waren unter den französischen – und anderen - Juden der Schock und die Sorge, als ihr prominenter Glaubensbruder in den Medien in die Rolle des Lustgreises geriet. „Es ist der Traum eines jeden Antisemiten und der Alptraum eines jeden nervösen Juden", schrieb der New Yorker Journalistik-Professor Eric Alterman. Der französische Rabbiner Michel Sarfaty erklärte, es gebe in Frankreich Menschen, die die Affäre nutzten, um Juden als „pervers" abzustempeln.
Unter dem Strich aber halten sich Reaktionen, die auf Strauss-Kahns Judentum abzielen – jedenfalls bisher – in Grenzen. Schon eher wirden pikante Berichte über „DSK" als notorischen Schürzenjäger gedruckt. Eine Auswertung der französischen Medien durch die jüdische Dachorganisation des Landes, CRIF, hat keine signifikanten antijüdischen Bezüge in der Berichterstattung gefunden. Mehr als das: Bis zu seiner Verhaftung galt der Sozialist Strauss-Kahn als aussichtsreicher Kandidat bei der 2012 in Frankreich stattfindenden Präsidentschaftswahl. Diesen Status hat er nun eingebüßt, allerdings nicht wegen seines Judentums. „Jedermann hat gewusst, dass er Jude ist. Dennoch war er der populärste Kandidat" erklärte CRIF-Präsident Richard Prasquier.
An der aktiven Rolle der Juden in der französischen Politik wird Strauss-Kahns Sturz jedenfalls nichts ändern. Juden sind seit Jahrzehnten ein integraler Teil der politischen Szene in Paris. Nicht zuletzt hatte Frankreich jüdische Ministerpräsidenten. Vom Juni 1936 bis Juni 1937 führte Leon Blum das Kabinett. Auch 1938 und 1947 war er – wenngleich nur für jeweils einen Monat – Regierungschef. Pierre Mendes-France, war Abkömmling einer portugiesisch-jüdischen Familie, die seit dem 16. Jahrhundert in Frankreich lebte. Während des Zweiten Weltkrieges war er Bomberpilot der französischen Exilarmee und bekleidete vom Juni 1956 bis Februar 1957 das Amt des Premiers.
Michel Debre, in den Jahren 1959 bis 1962 unter Präsident Charles de Gaulle Ministerpräsident, war Sohn des prominenten jüdischen Kinderarztes Robert Debre. Weitere herausragende jüdische Politiker sind die Auschwitzüberlebende und Ex-Gesundheitsministerin Simone Weil sowie Robert Badinter – auch er Holocaust-Überlebender -, der 1981 als Justizminister die Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich initiierte. JTA/zu