11. Jahrgang Nr. 6 / 30. Juni 2011 - 28. Siwan 5771

Der Fundus

Die Kölner Germania Judaica bietet die bundesweit größte Materialsammlung zur Geschichte des deutschen Judentums

Von Heinz-Peter Katlewski

Ein pensionierter Schriftsetzer recherchiert zum jüdischen Leben am Niederrhein während des 18. Jahrhunderts und liest sich im dritten Stock des Hauptgebäudes der Kölner Stadtbibliothek durch Magazinakten. Hier am Neumarkt, mitten im Stadtzentrum, befindet sich eine einzigartige Spezialbibliothek die „Germania Judaica, Kölner Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums". Sie gliedert sich unaufdringlich an die von der städtischen Bücherei gebotene Sammlung von Belletristik und Allgemeinwissen an.
Der Schriftsetzer im Ruhestand lebt in Krefeld und betreibt Geneaologe als Hobby. Allerdings können die lokalen Archive allein seinen Wissensdurst nicht stillen. Daher braucht er einen überregionalen Fundus von Dokumenten, wie ihn die Germania Judaica bietet. Zwei Tische weiter hat sich eine Dame mittleren Alters aus Mannheim einen Stapel von Büchern aus den Regalen geholt. Sie sucht nach Bildern und weiteren Informationen zu einer Bettfedernfabrik, in der ihre Mutter einst gearbeitet hat. Der Eigentümer sei ein jüdischer Fabrikant gewesen, berichtet sie, den ihre Mutter damals offenbar sehr verehrt hatte und der - „Gott sei Dank" - 1936 mit seiner Familie nach Dänemark emigrieren konnte.
Die Motive der Nutzer sind vielfältig. Die meisten kommen mit wissenschaftlichen Interessen, berichtet Annette Haller, Geschäftsführerin der Bibliothek und promovierte Judaistin. Unter ihnen vor allem Studenten, Lehrer und Professoren von rheinischen Universitäten. Aber auch viele Schüler, Journalisten und Neugierige, die einfach mehr über das Judentum wissen wollen. Zuweilen nehmen die Bücher auch ihren Weg in entfernte Regionen der Republik. Die Bibliothek Germania Judaica ist an die Fernleihe angeschlossen.
Die Gründer leitete vor fünfzig Jahren der Wunsch, einem damals wiedererwachenden Rechtsextremismus etwas Substantielles entgegen zu setzen. Es waren bekannte Bürger der rheinischen Metropole, die 1959 den Trägerverein für die Germania Judaica gründeten - ein Kreis um die Schriftsteller Heinrich Böll und Paul Schallöck. Vorurteilen und Unwissen wollten sie im Geist der Aufklärung mit Fakten auf Deutsch begegnen: Dokumenten, Zeitungen, Zeitschriften, regional- und lokalgeschichtlichen Darstellungen, Biografien, soziologischen und religionswissenschaftlichen Werken, Arbeiten über die verschiedenen jüdischen Strömungen, Editionen zur jüdischen Theologie und zur Halacha, aber auch Bücher, die Juden und jüdisches Leben in Literatur, Theater und Film spiegeln.
In den Anfängen reichten ein paar Regale in einer großen Privatwohnung. Doch der Bestand wuchs schnell. 1979, zwanzig Jahre nach der Gründung, wurde es höchste Zeit für den Umzug. Unterstützt vom Land Nordrhein-Westfalen und der Stadt Köln zog die Germania Judaica 1979 in die Kölner Zentralbibliothek. Heute verfügt nur das Leo-Baeck-Institut in New York über einen größeren Bestand an Publikationen zum deutschsprachigen Judentum seit dem 18. Jahrhundert. Die Sammlung der Germania Judaica umfasst auch Material aus der Zeit nach 1945 bis in die jüngste Gegenwart hinein. Rund 90.000 Bände stehen in den Präsenzregalen und im Magazin, darunter 500 kleinere und größere Zeitungen und Zeitschriften aus dem 19., 20. und 21. Jahrhundert.
Der Aachener Literaturwissenschaftler Hans-Otto Horch durchforstete in Köln insbesondere die Kulturseiten der Periodika aus der Vergangenheit. In seiner Habilitationsschrift untersuchte er die jüdische Wahrnehmung jener negativen Stereotype von Juden und vom Judentum, wie sie in der liberalen Erzählliteratur der deutschen Klassik und Romantik verbreitet waren. Mit dieser Arbeit begründete er an der Universität Aachen schließlich eine Professur für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte.
Mittlerweile können über Hundert dieser historischen Blätter in einem Internetarchiv jüdischer Periodika online gelesen werden. Und es kommen noch immer neue dazu. Der Aachener Lehrstuhl, die Bibliothek Germania Judaica und die Universitätsbibliothek Frankfurt digitalisierten und digitalisieren sie, und machen sie auf einer Webseite kostenfrei zugänglich: http://www.compactmemory.de
Den Normalfall bilden aber weiterhin gedruckte Zeitungen, Zeitschriften und vor allem Bücher. Die Bibliothek sammelt jede Art von Veröffentlichungen zur Vergangenheit und Gegenwart jüdischen Lebens – auch die per E-Mail verbreiteten Newsletter sowie Journale und Jahrbücher jüdischer Gemeinden heute.
Was bislang fehlt, sind Bücher und Zeitungen in russischer Sprache aus dem neuen jüdischen Leben in Deutschland. „Ja, das wäre wichtig", meint Annette Haller, aber weder hätten die drei Mitarbeiter die Sprachkompetenz dafür noch das Budget: „Geben sie uns das entsprechende Personal und das Geld, dann sammeln wir." Zweisprachige deutsch-russische Medien werden aber durchaus archiviert – vorausgesetzt, sie kosten nichts.
Seit sich das Land Nordrhein-Westfalen vor drei Jahren aus der Finanzierung der Bibliothek zurückgezogen hat, trägt allein die Stadt Köln die Kosten. Und die klagt wie alle Kommunen über Ebbe in der Kasse. Der Kölner Stadtkämmerer hat daher für das laufende Jahr den Etat für den Ankauf von Büchern auf Null gesetzt. Erworben werden kann jetzt nur noch, was über die Beiträge der rund achtzig Mitglieder des Trägervereins und durch Spenden finanziert werden kann. Zum Glück hat die Bibliothek einen guten Ruf. Ein Viertel der Neuerwerbungen kommt durch Schenkungen in den Bestand.

Adresse: Germania Judaica, Kölner Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums e.V.,
Josef-Haubrich-Hof 1,
50676 Köln
Tel. 0221 / 232349 oder
0221 / 221 23792-4,
E-Mail: gj@ub.uni-koeln.de,
www.stbib-koeln.de/judaica/