11. Jahrgang Nr. 6 / 30. Juni 2011 - 28. Siwan 5771

Dort, wo man ihn braucht

Rabbiner Josef Chaim Bloch führte in Israel ein erfülltes Leben. Dennoch folgte er dem Ruf nach Deutschland.

Von Frederic Spohr

Eigentlich ist ihm so ein Artikel über ihn unangenehm: „Können Sie nicht über einen anderen Rabbiner schreiben?", fragt Rabbiner Josef Chaim Bloch. Im Licht der Öffentlichkeit zu stehen, war nie sein Ziel – ganz im Gegenteil. „So etwas macht mich einfach nicht glücklich." So ist etwas Überzeugungsarbeit nötig, bis der Regensburger Rabbiner schließlich doch zustimmt.
Denn das Interview hält ihm von dem ab, was ihm, neben seiner rabbinischen Berufung, am meisten am Herzen liegt: der Familie und dem Tora-Studium. „Das Tora-Studium ist mein wichtigstes Hobby." Sobald er auch nur ein bisschen Zeit habe, schlage er die Tora auf und vertiefe sich in sie. Schon als Kind habe ihn die Schrift fasziniert und ihn im Laufe der Zeit immer mehr in ihren Bann gezogen. So wurde schnell klar, dass sein zukünftiger Beruf etwas mit Religion zu tun haben sollte. Speziell Rabbiner zu werden, war allerdings nie sein Ziel. „Ich bin da eher so reingerutscht", sagt der heute 63jährige.
Bloch stammt aus einer sehr orthodoxen Familie aus der Schweiz. Schon sein Urgroßvater war einst Rabbiner in Luzern. „Ich bin sehr religiös erzogen worden", erzählt er über seine Jugend. Also zog es ihn nach der Schule natürlich nach Israel, allerdings auch, weil ihn die Liebe dorthin führte. Dort besuchte er die Talmud-Hochschule und arbeitete anschließend viele Jahre im Jugendbereich, unter anderem in einem Jugenddorf bei Rischon LeZion. „Ich gehe immer dorthin, wo man mich braucht."
Auch wenn er zwischenzeitlich noch einmal in die Schweiz zurückkehrte, hatte er sich in Israel gut eingelebt. Seine Eltern waren mittlerweile ebenfalls dorthin gezogen. Trotzdem nahm er die Herausforderung an und zog nach Deutschland, als er hörte, dass in der Bundesrepublik deutschsprachige Rabbiner dringend gesucht werden. Seit 2009 ist er Rabbiner in Regensburg. „Es ist schwer, wenn man seine ganze Familie in Israel hat. Aber wir sind nicht gekommen, weil wir es uns ausgesucht haben, sondern weil man uns gerufen hat." Die Aufgabe, aus der ehemaligen Sowjetunion stammende Juden wieder der jüdischen Tradition näher zu bringen, war für ihn einfach zu wichtig: „Das ist eine heilige Aufgabe!"
Seine Entscheidung bereut er bis heute nicht - auch wenn die Arbeit sich sehr von seiner Arbeit in Israel unterscheidet. Dass seine Gemeinde-Mitglieder teilweise über viel weniger Hintergrundwissen verfügen, stört ihn nicht. Schließlich ist er ja genau deswegen hierher gekommen. Trotzdem freut er sich vor allem auf die Stunden mit den Gemeinde-Mitgliedern, die schon etwas weiter sind. Manchmal kann selbst er dabei noch etwas lernen. „Wir sind unser Leben lang Schüler", sagt er.
Solange man ihn in Deutschland noch braucht, wird er hier weiterarbeiten: „Ein Rabbiner geht nie in Rente", sagt er und lacht. Außerdem werde man mit dem Alter sowieso ein immer besserer Rabbiner, schließlich sei Erfahrung in diesem Beruf sehr wichtig. „Heute mache ich viele Sachen ganz anders als in der Zeit, in der ich noch ein junger Rabbiner war."
Seine Berufserfahrung kann er mittlerweile innerhalb seiner Familie weitergeben. Bloch hat zwei Söhne und zwei Töchter. Beide Söhne sind in die Fußstapfen des Vaters gefolgt und arbeiten als Rabbiner in Israel. „Das freut mich natürlich schon", sagt er. Schließlich zeige sich daran, dass seine Art und Weise, wie er die Menschen für das Judentum begeistern möchte, gut funktioniert.