11. Jahrgang Nr. 6 / 30. Juni 2011 - 28. Siwan 5771

Gebot der Gerechtigkeit

In Deutschland und in anderen Ländern müssen noch immer Hunderte von NS-Mördern vor Gericht gestellt werden. Ein Interview mit dem Nazi-Jäger Efraim Zuroff

Frage: Nach Meinung einiger Kommentatoren war der Münchener Prozess gegen John (Iwan) Demjnajuk, in dem im vergangenen Monat ein Urteil gefällt wurde, das wahrscheinlich letzte größere Gerichtsverfahren gegen einen NS-Verbrecher. Sehen Sie das auch so?
Antwort: Überhaupt nicht. Und zwar nicht nur, weil der Prozess gegen Demjanjuk angesichts der von der Staatsanwaltschaft eingelegten Berufung noch nicht zu Ende ist. In Ungarn wurde im Mai dieses Jahres der ehemalige ungarische Gendarmerieoffizier Sandor Kepiro vor Gericht gestellt. Ihm wird die Teilnahme an einem Massaker im jugoslawischen Novi Sad zur Last gelegt, bei dem im Januar 1942 mehr als 1.200 Zivilisten, vor allem Juden und Serben, ermordet wurden. Davon abgesehen, gibt es aber viele Fälle von Nazitätern, Deutschen wie Angehörigen anderer Nationen, die vor Gericht gestellt werden müssen.
Manchmal leben NS-Verbrecher nicht einmal verdeckt. Nehmen wir etwa den ehemaligen niederländischen Angehörigen der Waffen-SS, Klaas Faber, der Lagerhäftlinge und niederländische Widerstandskämpfer ermordet hat. Auf Grund eines NS-Gesetzes in Deutschland eingebürgert, lebt er 1952 unbehelligt in der Bundesrepublik und wird nicht an die Niederlande ausgeliefert. Auch der dänische SS-Freiwillige Sören Kam, der einen besatzungskritischen dänischen Journalisten ermordet und bei der Verhaftung von Juden geholfen hat, ist heute in Bayern zu Hause.

Wie viele neue Verfahren wären denn denkbar?
Nach dem Demjanjuk-Prozess mehr als davor. Demjanjuk wurde auf Grund der Beweislage als KZ-Wächter der Beihilfe zum Mord für schuldig befunden, obwohl kein individueller Tatbeitrag genannt werden konnte. Unter Anwendung dieses Grundsatzes kann allein in Deutschland gegen Hunderte von Tätern Anklage erhoben werden.

Die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg will nun alle Fälle überprüfen, für die es vor dem Demjanjuk-Urteil keine juristische Handhabe zu geben schien.
Das begrüße ich. Überhaupt muss man sagen, dass die Bundesrepublik neben Italien, den USA und Serbien dasjenige Land ist, das NS-Verbrechen am konsequentesten geahndet hat. Anderswo waren und sind die Ergebnisse weitaus weniger befriedigend, in Ländern der ehemaligen Sowjetunion sogar katastrophal. Dort werden NS-Täter einfach nicht zur Rechenschaft gezogen. Das haben wir bereits oft bemängelt. Schweden und Norwegen greifen NS-Fälle wegen Verjährung nicht auf.

Wie lässt sich das ändern?
Wo ein Wille ist, dort ist auch ein Weg. Schließlich spiegelt die Judikative die Werte und den politischen Willen der Gesellschaft wider. Wir sind jedenfalls nicht gewillt, aufzugeben und wollen auch künftig alles tun, damit NS-Täter vor Gericht kommen.

Haben NS-Prozesse heute nicht auch einen negativen Effekt? Vor laufenden Fernsehkameras erscheinen alte Männer, gebrechlich, krank und Mitleid erregend. Brauchen wir das?
Vor Gericht erscheinen nur solche Angeklagte, die verhandlungsfähig sind. Dass sie sich krank und hilflos geben, ist Taktik. Auch Demjanjuk ging es außerhalb des Gerichtssaals keineswegs so schlecht, wie er im Gerichtssaal glaubhaft machen wollte. Es sind Mörder, und sie müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Gemeinsam mit der philanthropischen Stiftung Targum Shlishi hat das Simon-Wiesenthal-Zentrum eine Initiative, „Operation Last Chance", in die Wege geleitet (www.operqtionlastchance.org). Wir bieten finanzielle Belohnung für Informationen an, die zur Verhaftung und Überführung von NS-Tätern führen. Die Initiative läuft in Deutschland, Österreich, Litauen. Lettland, Estland, Polen, Rumänien, Kroatien und Ungarn.

Da sieht manch ein Antisemit sicherlich „jüdische Rachegelüste"
Ein Antisemit sieht immer das, was er sehen will. Unsere Forderung hat nichts mit Rache und nur zum Teil mit Juden zu tun. Es geht, wie gesagt, darum, die noch lebenden Nazi-Mörder zur Rechenschaft zu ziehen. Das Argument, heute ließen sich nur noch „kleine Fische" belangen, ist abstrus. Wenn jemand, sagen wir, „nur" – „nur" natürlich in Anführungszeichen - Ihre Großmutter ermordet hat, sollte er nicht bestraft werden?
Es geht aber um mehr als das: Indem wir die NS-Morde ahnden, tragen wir dazu bei, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord in Zukunft verhindert werden. Das ist, bei allem Interesse, das wir als Juden an der Ahndung von NS-Verbrechen haben, eine universelle Botschaft. Es ist gut und richtig dass Ratko Mladic jetzt gefasst wurde (bosnisch-serbischer General, dem während des Bosnienkrieges in der ersten Hälfte der neunziger Jahre verübte Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last gelegt werden - die Redaktion). Genauso richtig und wichtig ist es, Nazitäter vor Gericht zu stellen.

Efraim Zuroff ist als Direktor des Israel-Büros des Simon-Wiesenthal-Zentrums tätig und koordiniert weltweit die Bemühungen der Organisation, NS-Täter vor Gericht zu bringen. Sein 2009 auf Englisch erschienenes Buch „Operation Last Chance" wird im Herbst 2011 vom Prospero-Verlag (Münster/Berlin) in deutscher Übersetzung veröffentlicht.
Das Simon-Wiesenthal-Zentrum ist eine international tätige jüdische Organisation, die bestrebt ist, das Holocaust-Gedenken durch die Förderung von Toleranz und Verständigung aufrechtzuerhalten. Sein Hauptsitz befindet sich in Los Angeles. Das Zentrum ist als Nichtregierungsorganisation bei den Vereinten Nationen akkreditiert.