11. Jahrgang Nr. 6 / 30. Juni 2011 - 28. Siwan 5771

Dank und Stolz

Juden haben einen wesentlichen Beitrag zur Befreiung Europas geleistet / Gedanken zum 70. Jahrestag des nationalsozialistischen Überfalls auf die UdSSR

Zukunft 11. Jahrgang Nr. 6
Zukunft 11. Jahrgang Nr. 6
Von Stephan J. Kramer

Der 22. Juni 1941 ist eine Zäsur der Geschichte. An diesem Tag begann der Überfall des vom Rassenwahn angetriebenen „Dritten Reiches" auf die Sowjetunion. Es war der Beginn eines präzedenzlosen Kräftemessens, an dessen Ende die Eroberung Berlins durch die Rote Armee stehen sollte. Allerdings führte der Weg der sowjetischen Soldaten nach Berlin über Moskau und über Stalingrad, über die Leningrad-Blockade und über kaum fassbare Verluste. Auch die Zivilbevölkerung hat unermessliche Verluste erlitten. Man kann ohne Übertreibung sagen: Ohne die Opfer, die die Völker der Sowjetunion gebracht haben – insgesamt 27 Millionen Menschenleben und unermessliches Leid - , wäre der Nationalsozialismus in Europa damals nicht besiegt worden.
Es war, wohlgemerkt, ein Sieg, den die sowjetischen Soldaten und Bürger trotz denkbar ungünstiger Ausgangsbedingungen erkämpften, war doch die Rote Armee nur wenige Jahre zuvor durch Säuberungen geschwächt und im Vorfeld des Krieges nicht auf den Kampf vorbereitet worden. Man macht sich deshalb keineswegs zu einem Bewunderer Stalins, wenn man den entscheidenden Beitrag sowjetischer Bürger zum Sieg über Nazideutschland anerkennt.
Erst recht ist der 22. Juni 1941 ein Schlüsseldatum der jüdischen Geschichte. Mit ihm begann die systematische Vernichtung der Juden auf dem besetzten Gebiet der Sowjetunion. Die grauenhafte Effizienz der von den Besatzern in Betrieb gesetzten Mordmaschinerie ließ den unter deutsche Besatzung geratenen Juden faktisch keine Überlebenschance. Im Siegesrausch beschleunigten die Nazis auch die „Endlösung der Judenfragen" in anderen Ländern Europas.
Allerdings war der Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges auch der Anfang vom Ende des „Dritten Reiches". Ohne dessen Bezwingung wäre der Genozid an Juden ungestört weitergegangen, gäbe es heute in Europa wahrscheinlich keine Juden mehr. So haben wir, die wir heute leben, unsere Existenz in durchaus entscheidendem Maße den Kämpfern der Roten Armee zu verdanken. Das ist eine historische Tatsache, an die wir am 22. Juni denken.
Gleichzeitig aber müssen und werden wir beharrlich daran erinnern, die Juden von der Roten Armee nicht nur befreit wurden, sondern auch selbst einen erheblichen, von unseren Feinden gern verschwiegenen Beitrag zum sowjetischen Sieg über die Nazis geleistet haben. Juden dienten an allen Fronten, in allen Truppenteilen und in allen Kriegsphasen. Einer der herausragenden Verteidiger der sowjetischen Grenzfestung Brest-Litowsk, die gleich in den ersten Stunden des Krieges von der Wehrmacht angegriffen wurde und ein Symbol des sowjetischen Kampfgeistes war, war der Kommissar und stellvertretende Regimentskommandeur Jefim Fomin. Bei der Schlacht um Stalingrad zeichnete sich die junge Pilotin Lydia Litwak besonders aus und konnte, bevor sie selbst abgeschossen wurde, zur erfolgreichsten Kampfpilotin des Zweiten Weltkrieges werden. Zu den Rotarmisten, die Berlin kämpften, gehörte Oberst Jewsej Weinrub, Kommandeur einer Panzerbrigade.
Das sind, pars pro toto, nur wenige Beispiele. Insgesamt hat eine halbe Million sowjetischer Juden während des Krieges in der Roten Armee gedient; 200.000 haben ihr Leben gelassen. Von diesen fielen 35 bis 40 Prozent nicht im Kampf, sondern wurde nach der Gefangennahme von der Wehrmacht kaltblütig ermordet. Unter ihnen befand sich übrigens auch der Held von Brest-Litowsk Jefim Fomin. So unmenschlich die Behandlung aller sowjetischen Kriegsgefangenen war, so waren die Überlebenschancen jüdischer Gefangenen noch ungleich niedriger als bei anderen Volksgruppen. Kaum ein Jude hat die deutsche Gefangenschaft überlebt.
Leider wusste die Sowjetunion ihre jüdischen Kämpfer nicht zu schätzen, ganz im Gegenteil. Über Heldentaten jüdischer Soldaten durften die sowjetischen Medien kaum berichten. Nach einer Anweisung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei durften Juden als einzige Ethnie der UdSSR nur „begrenzt" Kriegsauszeichnungen erhalten. Dass sie unter dem Strich dennoch einen überproportional hohen Anteil der Militärorden erhielten, spricht für ihren über alle Maße hinausreichenden Mut. Rund 160 Juden erhielten den höchsten sowjetischen Orden, „Held der Sowjetunion"
Juden kämpfen Seite an Seite mit der sowjetischen Armee auch in polnischen Exileinheiten, die 1943 in der UdSSR aufgestellt wurden. Die mit der Sowjetunion verbündete polnische Volksarmee zählte 22.000 Juden. In der kleineren tschechoslowakischen Exilarmee, die ebenfalls der Roten Armee beigestellt war, war in der Anfangsphase jeder zweite Soldat Jude. Auch diese Soldaten trugen zur Befreiung der besetzten Teile der UdSSR und ganz Europas bei.
Dennoch blieb die verleumderische These, Juden hätte sich vor dem Kampfeinsatz gedrückt, in der Sowjetunion auch nach dem Krieg verbreitet. In seinem bekannten Gedicht, das lange Zeit nur anonym kolportiert wurde, klagte der Dichter Michail Raschkowan, Hunderttausende von Juden hätten "sagenwürdige Kämpfe durchgestanden", nur um hinterher zu hören: ‚Wer ist das? Juden! Sie kämpften um Taschkent" - die Hauptstadt Usbekistans, also in der Etappe. Offen konnten sich die Juden gegen die Verleumdung bis zum Zerfall der Sowjetunion aber nicht wehren. Das hat sich seit dem Zerfall der UdSSR erfreulicher geändert, so dass es inzwischen durchaus Material zu diesem Thema gibt – wenngleich die Verleumder noch immer ins Horn der Hasspropaganda stoßen.
Im Rahmen des Kampfes um Aufklärung und historische Wahrheit ist zu begrüßen, dass pünktlich zum 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion in Moskau die russische Übersetzung des in den letzten Jahren auf Hebräisch und auf Englisch veröffentlichten Buches „Im Schatten des roten Banners: sowjetische Juden im Krieg gegen Nazideutschland" erschienen ist (Verlag Mosty Kultury, Moskau, bei Bestellungen in Israel Verlag Gesharim). Die in Fachkreisen zu Recht als das ultimative Werk zu diesem Thema bezeichnete Publikation stammt aus der Feder des israelischen Historikers und ehemaligen Direktors der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, Dr. Jitzchak Arad.
Wie Arad, in den Kriegsjahren selbst sowjetischer Partisan im westlichen Weißrussland, in seinem Buch belegt, waren Juden nicht nur an der Front, sondern auch in der sowjetischen Partisanenbewegung prominent vertreten. Damit leisteten sie hinter der Front ihren Beitrag zur Behinderung der feindlichen Kriegführung. Juden kämpften in der offiziellen sowjetischen Partisanentruppe ebenso wie in eigenen, mit der sowjetischen Partisanenbewegung verbündeten Einheiten.
Herausragend war auch die Rolle jüdischer Ingenieure und Wissenschaftler bei der Entwicklung und Produktion neuer sowjetischer Waffen, die im Laufe des Krieges zum Einsatz kamen. Semion Lawotschkin war der Leiter eines Konstrukteurbüros, das die auch im Einsatz gegen modernste deutsche Flieger überaus erfolgreichen Flugzeuge des La-Typs entwickelte. MiG-Maschinen wurden vom Armenier Artem Mikojan und dem Juden Michail Gurewitsch entworfen. Auch bei der Entwicklung wie der Produktion der Iljuschin-Flieger war eine Reihe von Juden tätig. Generalmajor Isak Salzman wurde von Stalin für die Produktion der T-34-Panzer und damit einer der kriegsentscheidenden sowjetischen Waffen zuständig gemacht. Später trieb Salzman auch die Produktion anderer Panzertypen voran und wurde für seine Leistung ausgezeichnet. Auch hier ließen sich die Beispiele mehren: Die sowjetischen Juden, die dank ihrem Bildungsdrang in den technologischen und wissenschaftlichen Berufen im Verhältnis zu ihrem Anteil an der allgemeinen Bevölkerung um ein Mehrfaches überrepräsentiert waren, setzten ihre Fähigkeiten ohne Einschränkung für den Sieg ein.
Es ist wichtig, dass das Wissen um den jüdischen Beitrag zum Sieg nicht nur in der nichtjüdischen Umwelt verbreitet wird, sondern auch in der jüdischen Erziehung, in Deutschland und anderswo, als ein wichtiges Element jüdischer Identität hervorgehoben wird. Sonst entsteht auch in den Köpfen und Herzen unserer jungen Generation ein unvollständiges von der Geschichte des jüdischen Volkes im 20. Jahrhundert. Die Ehrung jüdischer Kämpfer widerspricht nicht dem Andenken an den Holocaust – Helden gab es unter Soldaten ebenso wie unter Verfolgten. Sie ergänzt es. Daher sieht der Zentralrat der Juden in Deutschland die Erforschung und Dokumentierung des jüdischen Kampfbeitrags als eine seiner wichtigen Aufgaben an.
In diesem Jahr wurde des Überfalls auf die UdSSR in der deutschen Öffentlichkeit mit besonders großer Aufmerksamkeit und zahlreichen Veranstaltungen gedacht. Zum Teil hängt das sicher mit der Tatsache zusammen, dass siebzig eine „runde Zahl" ist. Allerdings scheint hierzulande die Erkenntnis immer stärker verinnerlicht zu werden, dass die Niederringung des „Dritten Reiches" eine Notwendigkeit war.
In Deutschland leben heute jüdische Kriegsveteranen der Roten Armee. Sie kamen in die Bundesrepublik nach 1989 aus Angst vor antijüdischen Ressentiments in der damaligen Sowjetunion oder deren Nachfolgestaaten. Jüdische Rotarmisten, die in Deutschland einen sicheren Hafen suchen: Das kann man durchaus als eine Ironie des Schicksals auffassen. Oder aber als eben das Zeichen einer neuen Zeit, in der die Veteranen dem neuen Deutschland ihr Vertrauen ausgesprochen haben.
Für die jüdische Gemeinschaft sind die Veteranen – unsere Veteranen – eine enorme Bereicherung. Sie spielen eine wichtige Rolle im Leben der Gemeinden und sind in Veteranenklubs aktiv. Vor allem aber sind sie Zeitzeugen. Sie erinnern uns an jene Jahre, in denen unser Volk an einem der schlimmsten Tiefpunkte seiner Geschichte angekommen war, in denen es aber zugleich einen Mut bewies, der seinesgleichen sucht. Auch dafür schulden wir ihnen Dank.
Der Autor ist Generalsekretär des
Zentralrats der Juden in Deutschland