11. Jahrgang Nr. 5 / 27. Mai 2011 – 23. Ijjar 5771

Bilder des Lebens

Teofilia Reich-Ranicki verstorben

71 Jahre lang war die Künstlerin Teofila Reich-Ranicki die Gefährtin des deutschen Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki. Am 29. April 2011 starb sie in Frankfurt am Main im Alter von 91 Jahren.

Geboren am 12. März 1920 in Lodz als Teofila Langnas, genannt Tosia, wollte sie 1939 nach dem Abitur nach Paris. Der Krieg machte den Plan, dort Grafik und Kunstgeschichte zu studieren, zunichte. Nachdem Lodz im September 1939 vom Deutschen Reich annektiert und die Juden der Stadt enteignet wurden, floh die Familie Langnas ins so genannte Generalgouvernement. In Warschau begegnete Tosia dem gleichaltrigen Nachbarn Marcel Reich, später Reich-Ranicki. Ihre Liebe war von einer Tragödie überschattet. Von einem deutschen Besatzungssoldaten aus bloßem Vergnügen verprügelt, konnte Tosias Vater Pawel Langnas die Demütigungen durch die Deutschen nicht verwinden und wählte den Freitod.

Marcel und Tosia blieben zusammen – auch, als im November 1940 die Juden Warschaus ins Ghetto eingewiesen wurden. Als sie am 22. Juli 1942 von der einsetzenden Deportation der Juden in die Gaskammern von Treblinka erfuhren, heirateten sie. Ein knappes Jahr später gelang es ihnen, dem Ghetto zu entkommen und bis Kriegsende in Warschau unterzutauchen.

Das Zeichnen blieb Tosia auch in der schwersten Zeit dort ein Bedürfnis. Ein Bändchen mit eigenhändigen Abschriften und Illustrationen ausgewählter Erich-Kästner-Gedichte schenkte sie Marcel zum 21. Geburtstag – im Ghetto. Das Leben im Ghetto hielt sie in Aquarellen fest. Jahrzehnte später wurden die Bilder in den Jüdischen Museen in Frankfurt (1999) und in Wien (2009) der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Tosias Lebensweg an der Seite von Marcel führte sie nach dem Krieg als polnische Zeitungskorrespondentin nach London. Dort wurde ihr Sohn, der spätere britische Mathematikprofessor Andrew Ranicki, geboren. 1949 kehrte die Familie für ein knappes Jahrzehnt nach Warschau zurück, übersiedelte1958 dann aber nach Frankfurt am Main. Dort arbeitete Tosia unter anderem als Journalistin und Grafikerin.

Teofila Reich-Ranicki überließ ihrem Mann die öffentliche Bühne, diente ihm aber als eine scharfe Beobachterin mit einem verlässlichen, präzisen Gedächtnis. Der Hamburger Literaturkritiker Helmuth Karasek formulierte es so: „Sie war ein leiser fester Anker für seine überschwappende, stürmische Unruhe und Lautstärke. War sie dabei, wusste man, dass man sich mit ihm wohlfühlen würde.“
hpk