11. Jahrgang Nr. 5 / 27. Mai 2011 – 23. Ijjar 5771

Sozial koscher

Das konservative Judentum in den USA führt ein Kaschrutzertifikat für die Einhaltung ethischer Normen ein

Die Kaschrut-Vorschriften sind komplex. So komplex, dass nur anerkannte rabbinische Autoritäten einen Hechscher (Kaschrut-Zertifikat) ausstellen können. Viele streng orthodoxe Juden verlassen sich vorsichtshalber nur auf einen von ihnen besonders geachteten Rabbiner und lassen lediglich dessen Hechscher gelten. So gibt es bei der Kaschrut eine nahezu unübersichtliche Vielfalt an Autoritäten.

Jetzt die wird die Vielfalt noch größer, allerdings auf ungewöhnliche Weise. In den kommenden Monaten kommt in den USA ein besonderes Kaschrut-Zertifikat auf den Markt. Von der zur konservativen Strömung gehörenden Organisation Magen Tzedek („Schild der Gerechtigkeit“) ersonnen, soll die geplante Bescheinigung bestätigen, dass der Hersteller des betreffenden Nahrungsmittelprodukts den ethischen Anforderungen des Judentums genügt. Damit handelt es sich um einen Ethik-Hechscher. Die ersten „ethisch koscheren“ Produkte kommen wahrscheinlich zum Neujahr 5772 in den Handel.

Mit der Kaschrut der Produkte selbst will sich Magen Tzedek nicht befassen. Vielmehr ist der Ethik-Hechscher als ein Zusatz für Zertifikate gedacht, die von anerkannten rabbinischen Kaschrut-Organisationen ausgestellt werden. Daher können Nahrungsmittelprodukte, die keinen Hechscher haben, auch kein Ethik-Zertifikat erhalten. In den ersten Jahren werden nur Nahrungsmittelbetriebe aus den USA den Hechscher von Magen Tzedek erhalten, in Zukunft aber soll dieser auch international angeboten werden.

Ziel des Programms ist es, so die Organisation, eine umfassende Antwort auf die Frage „Was ist koscher?“ zu geben. Magen Tzedek will ein Mindestmaß an ethischen Normen und an sozialer Gerechtigkeit sicherstellen und dem Käufer koscherer Produkte den Genuss von Nahrungsmitteln ermöglichen, deren Herstellung unter Beachtung „amerikanischer und jüdischer Werte des 21. Jahrhunderts stattfindet“. Um das sicherzustellen, bewertet die Organisation fünf Kriterien: Die Arbeitsverhältnisse im Betrieb, Tierschutzanliegen, Umweltfreundlichkeit, Verbraucherschutz und unternehmerische Integrität. So etwa müssen die von „koscheren“ Arbeitgebern gezahlten Löhne um mindestens um 15 Prozent über dem gesetzlichen Mindestlohn liegen. Auch Zusatzvergünstigungen, die Urlaubsbestimmungen und Arbeitspausen fließen in die Gesamtbewertung ein.

Der Hersteller von Tierprodukten muss darauf achten, dass die Tiere artgerecht gehalten werden. Schlachttiere dürfen vor der Schlachtung keiner unnötigen Qual und Belastung ausgesetzt werden. Schließlich sei bereits der Redaktor der Mischna, Rabbi Jehuda Ha-Nassi (2. Jahrhundert nach der Zeitenwende) von Gott bestraft worden, weil er ein zur Schlachtung geführtes Kalb grob behandelt hatte. Zu den ökologischen Zertifizierungskriterien gehören unter anderem Recycling, Luftreinhaltung und Energieeffizienz. Qualitätskontrollen und ausreichende Produktinformationen wiederum fallen in den Bereich „Verbraucherschutz“. Insgesamt liest sich die Anforderungsliste ein wenig wie ein amerikanisches Gesetzbuch mit talmudischen Einschüben.

Magen Tzedek hofft, dass sich die orthodoxen amerikanischen Kaschrutorganisationen an dem Ethik-Hechscher nicht stören werden. Zumindest eine dieser Organisationen, die Orthodox Union (OU), hat eine Duldung denn schon in Aussicht gestellt, allerdings mit einer Spitze. Die OU, so ihr Vertreter Rabbiner Menachem Genack gegenüber der Jüdischen Telegraphenagentur, glaube, dass soziale und ökologische Fragen von den Behörden überwacht werden sollten. Allerdings werde die Organisation nicht protestieren, wenn der Magen-Zedek-Stempel neben ihrem eigenen Hechscher steht. „Es würde uns auch nicht stören“, fügte Rabbiner Genack hinzu, „wenn der Hersteller ein Halal-Zeichen (Bescheinigung der Verzehrsfähigkeit nach dem Islam) draufsetzt. Das ist eine Marketing-Entscheidung.“

Trotz solcher Geringschätzung könnte sich der ethische Hechscher zu einem wichtigen Faktor auf dem amerikanischen Nahrungsmittelmarkt entwickeln, falls er auf genügend Interesse bei Herstellern und Verbrauchern stößt. Zwar ernährt sich nur jeder sechste bis jeder fünfte der etwas mehr als fünf Millionen amerikanischen Juden ausschließlich koscher, doch greifen auch viele andere Juden und Millionen von Nichtjuden zumindest gelegentlich zu koscheren Produkten. Nach Angaben von Magen Tzedek tragen 40 Prozent aller in den USA hergestellten Nahrungsmittelprodukte einen Koscher-Stempel. Nun bleibt abzuwarten, wie der Markt auf die Neuerung reagiert.
zu/JTA