11. Jahrgang Nr. 5 / 27. Mai 2011 – 23. Ijjar 5771

Voller Leben

Die jüdische Gemeinde in Gelsenkirchen entwickelt eine breite Palette von Aktivitäten

Von Heinz-Peter Katlewski

Ein geheimnisvoller alter Koffer liegt auf der Bühne des Gelsenkirchener Mariott-Hotels. Zwei Jungen macht er neugierig. Es sind Freunde, der eine jüdisch, der andere nicht. Jeder einzelne Gegenstand in dem Koffer, den die Beiden in die Hand nehmen, bringt Bewegung in den Raum. In dem Stück „Pause muss sein“ stellen ein Kinderchor, Tänzer und Erzähler mit Liedern, Tänzen und Dialogen die jüdischen Feiertage vor: ihre Bräuche und ihre Botschaft. Die Entdeckungsreise durch den jüdischen Festkalender endet mit dem Schabbat. Die fünfzehn Mitwirkenden sind Kinder aus der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren.

Geschrieben, arrangiert und komponiert wurde das Kindermusical von der Musiklehrerin der Gemeinde, Viktoria Sarajinskaja; Anlass dafür waren die Jüdischen Kulturtage. „Wir wollten nicht nur die Künstlertermine abspulen“, begründet die Gemeindevorsitzende Judith Neuwald-Tasbach, das Projekt, „sondern einen eigenen kreativen Beitrag leisten“. „Wir“, das sind auch in Gelsenkirchen überwiegend Juden, die aus der ehemaligen Sowjetunion stammen.

Kinder und Eltern ließen sich von der Idee begeistern. Und auch das gastgebende Marriott-Hotel der Stadt ließ sich inspirieren: Eine Woche lang bot es Gerichte an, die der jüdischen Küche nachempfunden wurden. Bis Mitte April fanden die Gäste auf der Menükarte unter anderem Mazzeknödelsuppe, Rinderhackbällchen in Aprikosen-Tomatensauce mit Farfel-Bohnen und „König David Blintz“ mit Quarkfüllung und Sauerrahm.

Judith Neuwald-Tasbach wurde wie ihr Vater Kurt Neuwald in Gelsenkirchen geboren. Er kehrte nach der Befreiung durch die Amerikaner in seine Heimatstadt zurück. 1950 gehörte Neuwald zu den Mitgründern des Zentralrats der Juden in Deutschland und engagierte sich beim Wiederaufbau jüdischer Gemeinden in der Bundesrepublik – auch in Gelsenkirchen. Seine Tochter trat in seine Fußstapfen: Seit vier Jahren ist sie Vorsitzende der Gemeinde. Ihr liegt viel daran, dass sie orthodox geführt wird, zugleich aber am kulturellen Leben der Stadt teilnimmt und die Türen ihres Gemeindezentrums so offen wie möglich hält.

Die Gemeinde ist im interreligiösen Dialog mit den Kirchen und mit Moscheegemeinden engagiert. Dass die rund 400 Gemeindemitglieder vor vier Jahren aus ihrer kleinen Nachkriegssynagoge in einer umgebauten Privatwohnung in die wiedererrichtete Synagoge in der Mitte Gelsenkirchens zurückkehren konnten, sei vor allem der Initiative engagierter Bürger und der Kirchen zu verdanken, betont Judith Neuwald-Tasbach.

Am 1. Februar 2007 wurde die Synagoge im Stadtzentrum an der Georgstraße feierlich eröffnet, genau an der Stelle, an der bis 1938 die alte Synagoge stand. Den modernen Bau schmückt in deutschen und hebräischen Lettern das Jesaja-Zitat (56:7): „Mein Haus ist ein Haus der Gebete für alle Völker.“ Ein geräumiges Gebäude – vielleicht ein bisschen zu groß für eine kleine Gemeinde mit rund 400 Migliedern, könnte man meinen. Aber Judith Neuwald-Tasbach winkt ab: „Unsere Frauen- und einen Männervereine haben ihre eigenen Kulturprogramme, wir haben ein Sprachförderprogramm für unsere Vorschulkinder. Makkabi ist mit mehreren Sektionen im Haus, wir unterhalten einen Gemeindechor, bieten Unterricht in Tanz und Gesang für Schulkinder, geben Religionsunterricht, veranstalten Hebräisch-Kurse und Religionsseminare für Erwachsene, haben eine eigene Theater-AG und laden zu künstlerischen Workshops ein. Unser Haus ist ständig belegt. Wir sind eine sehr lebendige Gemeinde!“