11. Jahrgang Nr. 5 / 27. Mai 2011 – 23. Ijjar 5771

Zeichen auf Sturm

Das iranische Regime kommt Atombombe immer näher und nutzt den Umbruch in Arabien für seine Zwecke

Ob sich jemand in Teheran den Spaß gemacht hat, die Warnungen des Auslands vor dem Griff nach Atomwaffen und vor der Aggression gegen mittelbare und unmittelbare Nachbarn zu zählen, ist nicht überliefert. Fest steht dagegen, dass solche Warnungen – sie gehen sicherlich in die Tausende – bisher keine Wirkung hatten. Vielmehr zeigt sich, dass das Ajatollah-Regime dem Status einer atomar bewaffneten, überregionalen Macht überaus nahe gerückt ist.

Entmutigende Nachrichten kamen Anfang Mai aus Israel. Dort erklärte der ehemalige Chef des israelischen Auslandsnachrichtendienstes Mossad, Meir Dagan, unverblümt, die Idee eines israelischen Angriffs auf iranische Atomanlagen sei „das Dümmste“, das er je gehört habe. Trotz der unbestrittenen Fähigkeiten der israelischen Luftwaffe wäre es Israel, so Dagan, nicht möglich, das iranische Programm zu liquidieren. Da Dagan erst vor wenigen Monaten aus dem Amt geschieden ist und einen Großteil seiner Energie auf die Verhinderung iranischer Atomwaffen verwendet hat, gilt seine Einschätzung als glaubwürdig. Seinerseits versuchte Verteidigungsminister, Ehud Barak, seinen Landsleuten die Angst vor einem künftigen iranischen Atomwaffenangriff zu nehmen – ohne größeren Erfolg. Zwar erklärte Barak in einem Interview, ein atomarer Iran werde weder Israel noch andere Länder mit Kernwaffen angreifen, schränkte aber ein, im Falle eines möglichen Machtverlustes wäre das iranische Regime unberechenbar.

Zugleich arbeitet der Iran am Ausbau seiner Positionen in Ländern des Nahen Ostens. Im Januar dieses Jahres konnte die iranhörige Hisbollah mit Nadschib Mikati einen ihr gefälligen Ministerpräsidenten im Libanon durchsetzen. Damit erlangte Teheran weitgehend das Sagen im Land der Zedern. Dies und das unter iranischem Oberbefehl stehende, Zehntausende Raketen zählende Waffenarsenal der Hisbollah machen den Iran de facto zu einem direkten Frontgegner Israels. Gleichzeitig legt sich Teheran mit Saudi-Arabien und den benachbarten arabischen Golfstaaten an. Vordergründig geht es dabei um die politische Krise in Bahrain, doch hat Teheran dem Streit den religiösen Anstrich einer Auseinandersetzung zwischen den im Iran regierenden Schiiten und den auf der Arabischen Halbinsel herrschenden Sunniten verliehen. Zwar kann das iranische Militär den von den USA beschützten Inselstaat Bahrain nicht ohne Weiteres erobern, doch werden iranische Versuche festgestellt, Staaten der arabischen Halbinsel zu destabilisieren.

Gewiss hat das theokratische Regime auch Sorgen. Die problematische Wirtschaftslage schürt Unzufriedenheit unter der Bevölkerung. Innerhalb der politischen Führungsspitze gibt es Spannungen. Allerdings haben die iranischen Machthaber bei den Unruhen vor zwei Jahren bewiesen, dass sie ihre Herrschaft durch zügellose Brutalität schützen können. Nur wenige Schritte von dem Aufstieg zu einem atomaren Imperium entfernt, lässt sich das Regime jedenfalls nicht so leicht absetzen. Die wahrscheinlich einzige Kraft, die die iranischen Bewaffnungs- und Machtansprüche noch eindämmen kann, sind die USA. Auch wenn es nicht in die von US-Präsident Barack Obama beim Amtsantritt verkündete Strategie passt, bahnt sich am Persischen Gold ein Duell zwischen Washington und Teheran an, dessen Ausgang das Weltgeschehen des 21 Jahrhunderts entscheidend mitprägen kann.
wst