11. Jahrgang Nr. 5 / 27. Mai 2011 – 23. Ijjar 5771

Nicht aufgeben

Der Kampf gegen den Antisemitismus kann eine frustrierende Erfahrung sein. Dennoch muss er mit Konsequenz, Mut und Aufklärungswillen fortgesetzt werden

Von Stephan J. Kramer

Der Kampf gegen den Antisemitismus ist ein schweres, vor allem aber auch frustrierendes Handwerk – um nicht zu sagen: eine Sisyphusarbeit. Kaum glaubt man, einen Felsblock den steilen Hang heraufgerollt zu haben, so rollt er schon wieder ins Feld hinunter. Oder vielleicht erneuert sich der Bestand der Felsblöcke so schnell, dass sie mit menschlicher Kraft nicht zu beseitigen sind. Das gilt auch für Deutschland. Tatsache ist, dass der Bekämpfung der Judenfeindschaft sowohl von jüdischer Seite als auch in der deutschen Politik generell seit Jahrzehnten hohe Priorität zuerkannt wird, jede neue Antisemitismusumfrage aber erschreckende Werte an den Tag bringt. Große Teile der deutschen Bevölkerung glauben, Juden hätten zu viel Einfluss in der Welt, würden ihre Verfolgung übertreiben. Der eine brave Bürger will keinen jüdischen Nachbarn, der andere hätte Angst, von einem jüdischen Geschäftspartner übervorteilt zu werden. Es gibt kaum ein Vorurteil, auf das man bei den Erhebungen nicht stößt. Selbst Kritik an den Antisemiten wird den Juden verübelt. Wann immer jüdische Vertreter vor dem Antisemitismus warnen, ist ihnen aus dem Wald der öffentlichen Meinung der Stoßseufzer sicher: „doch nicht schon wieder".

Unter diesen Umständen ist die Versuchung durchaus da, den Kampf aufzugeben. Wozu anecken, fragt sich mancher jüdische Zeitgenosse, wenn es doch nichts hilft. Andere flüchten sich in eine gewisse Nonchalance. Der Antisemitismus, so ihr Argument, sei heutzutage eher das Problem der Nichtjuden als eine jüdische Sorge. Die Frustration mag verständlich sein, doch ist der anhaltende Kampf gegen den Antisemitismus moralisch geboten und kann durchaus zu einer gewissen Entschärfung der Situation beitragen. Daher macht er auch rein pragmatisch Sinn.

Wohl wahr: Der Antisemitismus geht nicht nur uns Juden, sondern auch die Mehrheitsgesellschaft an. Wie beim Lackmustest lassen sich Feinde der freiheitlich-demokratischen Grundordnung an ihren Ausfällen gegen Juden erkennen. Und natürlich hat Deutschland eine besondere historische Verantwortung, sich dem Judenhass entgegenzustellen Allerdings entbindet es uns nicht von der Pflicht, in diesem Kampf an vorderster Front zu stehen. Das schulden wir nicht nur den früheren Generationen, die nicht einmal die Möglichkeit hatten, sich gegen den ihnen entgegengebrachten Hass zu wehren – einschließlich der Holocaustopfer, deren wir in diesem Monat am Jom Ha-Schoa gedacht haben. Wir schulden es zugleich uns selbst und vor allem auch unseren Kindern. Je freier und selbstverständlicher sie in diesem Land aufwachsen können, umso leichter können sie in der Zukunft als engagierte Juden leben.

Gegenwärtig sind wir von der Normalität leider weit entfernt. Es ist ja nicht nur der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, der qua Amtes als eine anschlagsgefährdete Persönlichkeit gilt und von den Sicherheitsbehörden beschützt wird – schlimm genug. Vielmehr gilt jede jüdische Gemeinde als ein gefährdetes Objekt. Selbst in einen jüdischen Kindergarten, dessen kleine Zöglinge lediglich das Verbrechen begangen haben, als Juden geboren worden zu sein, gelangt man über eine Sicherheitsschleuse. Bei einer Synagoge gehört der Polizeischutz nicht weniger ins Bild als der Rabbiner und der Kantor. Wollen wir wirklich, dass diese Schieflage an die kommenden Generationen vererbt wird?

Gewiss: Dass der Antisemitismus in absehbarer Zeit verschwinden wird, ist nicht zu erwarten, doch sind Erfolge zumindest teilweise möglich, auch wenn sie von der Natur der Sache her weniger sichtbar als die nach wie vor bestehenden Probleme sind. Und Erfolge brauchen wir auch in Zukunft.
Dazu gilt es, die Rahmenbedingungen präzise zu analysieren. So ist der Antisemitismus alles andere als ein das Monopol der extremistischen Rechten. Am linken Rand brodelt oft genug – allen anders lautenden Beteuerungen zum Trotz – ebenfalls braune Brühe. Ein besonderes Problem stellt der islamistische Antisemitismus dar, der im Tarnmantel des Gottesglaubens den Juden Verachtung und ein erhebliches Gewaltpotenzial entgegenbringt.

Auch wenn der Judenhass oft in demselben Atemzug wie Fremdenfeindlichkeit genannt wird, so ist er doch mit einer allgemeinen Fremdenfeindlichkeit oder der Ablehnung des Neuen durch die Mehrheitsgesellschaft nicht adäquat zu erklären. Vergessen wir nicht: Das Judentum in Deutschland ist genauso alt wie das Christentum. Jüdische Gemeinden auf deutschem Boden sind bereits für das vierte Jahrhundert nachgewiesen. Das bedeutet, nebenbei gesagt, dass das jüdische Volk in Deutschland vertreten war, als das deutsche Volk erst in einer Vorphase seiner Entstehung steckte. Die hebräische Tora wurde in Deutschland studiert, als es noch keine deutsche Sprache gab. Insofern kann bei Juden in Deutschland von „später Zugezogenen" keine Rede sein.

Viel geholfen hat das nicht, hatte doch der Judenhass stets religiöse beziehungsweise ideologische Wurzeln und war damit mehr als eine vermeintliche Phobie vor dem Unbekannten. Da hilft es uns auch nicht, wenn wir sprachlich und kulturell voll integriert sind. Bezeichnenderweise wurde den Juden in der Moderne nicht nur verübelt, „anders" seien, sondern auch, dass sie sich „zu gut" in die deutsche Gesellschaft integriert hatten. Diesen Besonderheiten muss der Einsatz wider den judenfeindlichen Ungeist Rechnung tragen.

Bei der Wahl der Mittel ist zwischen Ahndung und Prävention zu unterscheiden, wobei die Prävention, wo immer möglich, vorzuziehen ist. In der Wolle gefärbte Judenfeinde werden wir gewiss nicht bekehren. Wenn sie antisemitische Hetze verbreiten oder zur Gewalt greifen, müssen sie bestraft werden. Ansonsten aber gilt der Grundsatz: „So viel Ahndung wie nötig, so viel Aufklärung wie möglich." Je mehr Menschen in Deutschland die Juden als eine gleichberechtigte Gruppe mit spezifischen Merkmalen begreifen und das Judentum kennen lernen, umso isolierter wird der harte Kern der Antisemiten dastehen. Wir dürfen auch nicht in Hysterie geraten. Nicht jeder junge Mensch, der von seinen Eltern oder Großeltern Vorurteile übernommen hat, ist ein hoffnungsloser Fall. Manche Voreingenommenheit lässt sich ändern. Allerdings müssen wir uns dabei vor einer Anbiederung im Geiste der mit besten Absichten geschriebenen aber dennoch falschen Ringparabel hüten. Im Gegensatz zu Lessings These ist das Judentum eben kein Ring, der sich von den beiden anderen, dem Christentum und dem Islam, nicht unterscheiden lässt Wie jene, hat auch unsere Religion, trotz Gemeinsamkeiten, ihre eigenen Merkmale, und nur ihre unverfälschte Vermittlung kann beim Abbau von Vorurteilen helfen.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nach der Wiedervereinigung so stark gewachsen ist. Jüdische Gemeinden, jüdische Einrichtungen und jüdische Kultur haben heute eine weitaus stärkere Präsenz in der deutschen Gesellschaft als jemals seit der Wiederbegründung des jüdischen Lebens in der Bundsrepublik. Als Teil der deutschen Gegenwart sind sie die besten Botschafter des Judentums. Wenn jüdische Veranstaltungen wie zuletzt die jüdischen Kulturtage in Nordrhein-Westfalen massenhaft Publikum anziehen, wenn sich Bürger deutscher Städte drängen, um „ihre" neue Synagoge zu besichtigen, ist sehr viel gewonnen.

Natürlich gehören zur Aufklärung auch Allianzen mit nichtjüdischen Verbündeten, die das Eintreten gegen den Antisemitismus als Teil ihres Einsatzes für ein demokratisches und liberales Deutschland auffassen. Wir sind bemüht, über das Judentum und jüdisches Leben in Deutschland zu informieren und durch Zusammenarbeit mit Einrichtungen der politischen Bildung, des Erziehungswesens, der Kirchen und anderen politischen und sozialen Kräften für eine möglichst breit angelegte Informationsarbeit zu sorgen. Der erhobene Zeigefinger, der so oft als „typisch jüdisch" kritisiert wird, ist eben nicht das prägende Element unseres Auftretens. Selbstverständlich aber kann alles verbessert werden, darunter auch die im besten Sinne des Wortes aufklärerische Arbeit des Zentralrats und anderer jüdischer Einrichtungen. Dazu wäre nicht zuletzt eine stärkere Einbindung in die politische Informationsarbeit, das Schulwesen und die Erwachsenenbildung und andere Bereiche des öffentlichen Lebens möglich – wobei das selbstverständlich nur nach Maßgabe der Größe der jüdischen Bevölkerung und im Rahmen der uns zur Verfügung sehenden Ressourcen geleistet werden kann.

Kurzum: Die Herausforderung ist sicherlich groß, das Idealziel wohl unerreichbar. Allerdings haben wir bei der Bekämpfung und der Prävention des Antisemitismus zumindest Spielräume, die wir optimal nutzen müssen. Daher dürfen wir im Kampf nicht verzagen. Anders ausgedrückt: Zum Aufhören ist die Situation weder gut genug noch schlecht genug.

Der Autor ist Generalsekretär des
Zentralrats der Juden in Deutschland