08.04.2003

Die moralische Verantwortung der Presse

Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, anlässlich der Öffentlichen Jahreshauptversammlung des Verbandes Deutscher Bahnhofsbuchhändler e. V., Ulm

In den vergangenen Wochen haben wir uns einen neuen Begriff einprägen müssen: „embedded journalists“, was man auf Deutsch wohl ungefähr mit „eingebetteten Journalisten“ übersetzen kann. Sie wissen schon, die Rede ist von jenen Journalisten, die zusammen mit der amerikanischen Armee an vorderster Front im Irak mitfahren, um live und unmittelbar von den Kämpfen zu berichten, die sich die alliierten Streitkräfte mit den Soldaten Saddam Husseins liefern. Ein ungewöhnlicher Vorgang, den wir so noch aus keinem Krieg kennen: Wir, die Fernsehzuschauer, sind unmittelbar Zeugen der Kämpfe, die sich die Kriegsgegner liefern, wir sind direkt und live dabei, und sehen die Ereignisse aus der Perspektive der westlichen Streitkräfte. Dies alles ist ein Tribut an die heutige Mediengesellschaft und die darin enthaltene Gier nach immer schnelleren aktuellen Informationen.

Abgesehen davon, dass mancher Fernsehzuschauer durch diese „embedded journalists“ den ultimativen Adrenalin-Kick am Feierabend erwartet, abgesehen davon, dass es geradezu unheimlich ist, daheim, vom gemütlichen Sofa aus dem Sterben von Menschen unmittelbar zuzusehen, ist der Informationswert dieser neuen Form der Kriegsberichterstattung sehr gering, wenn nicht gleich Null – was in den vergangenen Wochen von den Medien selbst immer wieder betont wurde.

Erinnern wir uns an den Golfkrieg 1991 – damals war der Krieg sauber, klinisch, geradezu distanziert. Die Journalisten konnten nicht aus dem Irak berichten, sie mussten mit den Informationen leben, die ihnen die täglichen „Briefings“ der US-Truppen sparsam und sehr ausgewählt anboten. Und wir alle wussten, dass wir nur einen Blickwinkel der Ereignisse kennen.

Heute scheint auf den ersten Blick alles anders: Wir werden mit einer Flut von Bildern überschüttet und sind vermeintlich dabei. Doch inzwischen ist jedem von uns klar, dass wir keinen Deut besser informiert sind als 1991. Und wenn wir einen Blick in die drei wichtigsten arabischen TV-Sender werfen, wenn wir also Al-Jasira oder Al-Arabia oder Abu-Dabi-TV sehen, dann werden uns in diesen Sendern eben ganz andere Bilder geliefert als in CNN oder BBC. Und wenn wir ehrlich sind, dann denken die meisten von uns: Ja, wenn wir ein wenig arabisches und ein wenig amerikanisches Fernsehen gucken, dann haben wir ein nahezu objektives Bild des Krieges.

Das haben wir sicherlich nur zum Teil. Denn die Propaganda steht auf beiden Seiten im Vordergrund. Und beide Seiten, natürlich auch die arabische, zeigen uns nur das, was sie wollen, dass wir sehen. Es gilt also wieder einmal: Wir wissen, dass wir nichts wissen. Und wahrscheinlich wird es auch nach diesem Krieg so bleiben – dass wir letztendlich auch später nie wirklich erfahren werden, was sich auf dem Schlachtfeld, „on the ground“, wie das auf Englisch heißt, wirklich abgespielt hat. Beide Seiten werden ein massives Interesse haben, die Niederlagen und Grausamkeiten des Krieges zu verschweigen und vermeintliche oder echte Erfolge hervorzuheben.

Dürfen wir über diese Art der Kriegsberichterstattung überrascht sein? Die Antwort ist ein klares Nein! Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg wissen wir, was Propaganda ist, welch wichtige Funktion die Medien in Zeiten des Krieges haben, dass der Krieg eben auch ein Medienkrieg ist. Die Älteren unter uns werden sich gewiss noch an die Propagandamaschinerie des Joseph Goebbels erinnern, der seinen Auftrag im Dienste des „Führers“ in einzigartiger Weise erfüllte. Und die Älteren werden sich vielleicht auch noch erinnern, welch wichtige Funktion der Hörfunksender der BBC für jene im „Reich“ hatte, die es wagten, ihm heimlich zu lauschen: BBC – das war nicht nur die „Wahrheit“ über den Krieg, sondern es war auch die Stimme der Hoffnung in einer dunklen Zeit. Und die wenigsten damals machten sich Gedanken, dass vielleicht auch dieser Sender seine eigenen Interessen beziehungsweise die seines Landes vertreten könnte. Dass er zwar der Sender eines demokratischen, freiheitlichen Systems war, aber eben doch auch ein bestimmtes Ziel verfolgte – die Demoralisierung des Feindes, von dem man wusste, dass er zuhört.

Krieg, Propaganda und Medien sind längst ein Thema für zahlreiche Dissertationen geworden, und ich denke, ich muss die Verstrickung von Journalismus und Politik diesbezüglich nicht weiter ausführen.

In diesen Wochen müssen wir leider auch erleben, wie sehr sich Teile der US-Medien zum unreflektierten Sprachrohr ihrer Regierung machen. Dazu gehört leider auch die berühmte und renommierte „New York Times“. Eine Ausnahme macht da, wenn überhaupt, ihr großer Konkurrent, die „Washington Post“. Wenn man die Op-Ed-Seiten dieser Zeitung, liest, die einst die Watergate-Affäre aufgedeckt hat, wenn man also die Meinungsseite der „Post“ aufschlägt, so wird man zumindest da entdecken, dass dieses Blatt wiederum einem unverzichtbarem Postulat demokratischer, offener, ehrlicher und kritischer Berichterstattung huldigt: Man findet nach wie vor einen Kommentar für den Krieg neben einem Kommentar gegen den Krieg, einen für Präsident Bush neben einem gegen Bush usw. Und der Leser hat so die Möglichkeit, sich aus der Meinungsvielfalt, aus unterschiedlichen Überlegungen und Argumenten sein eigenes Bild zu machen, das – zugegeben – natürlich auch immerzu bruchstückhaft bleiben wird. Doch wer glaubt, aus irgendeinem journalistischen Medium die GANZE WAHRHEIT zu erfahren, der irrt sowieso – oder er sollte dazu übergehen, noch einmal die russische PRAWDA aus der kommunistischen Ära zu lesen, denn „PRAWDA“ heißt auf Russisch: Wahrheit. Womit man sehen kann, wie Manipulation in totalitären Regimes schon beim Namen einer Zeitung beginnt. Denn selbst wenn ein Regimekritiker früher etwas aus dem offiziellen Organ des Sowjetregimes zitieren wollte, musste er auf Russisch sagen: „Die Wahrheit schreibt ...“ oder: „In der Wahrheit steht ...“.

Was wir in diesen Wochen also erneut erleben müssen, ist, dass man vorsichtig sein muss mit dem, was die Korrespondenten, egal ob in den USA, Europa oder der arabischen Welt zu berichten haben. Dass die Informationen, die wir erhalten, mit einer gewissen Skepsis und gesundem Misstrauen zur Kenntnis zu nehmen sind.

Wie gut haben wir es doch dagegen in Deutschland: Die großen, seriösen Blätter, von FAZ bis „Süddeutsche Zeitung“, schalten immer wieder zwischen ihren täglichen „Irak-Seiten“ kleine Informationskästchen in eigener Sache, in denen sie darauf hinweisen, dass die Redaktion den Wahrheitsgehalt der Meldungen nicht immer überprüfen kann, die Herkunft dieser Nachrichten deswegen genau kennzeichnet und somit hofft, dass der Leser weiß, dass nicht alles, was da Schwarz auf Weiß geschrieben steht, die Wahrheit sein muss.

ARD und ZDF, N-TV und N-24 werden nicht müde, in schöner Regelmäßigkeit auf dieselbe Problematik hinzuweisen und darüber hinaus immer wieder Beiträge zu zeigen, die sich mit der Manipulation der Medien in den USA und anderswo beschäftigen. Wir scheinen also in einer glücklichen Demokratie mit einer geradezu vorbildlichen Medienlandschaft zu leben.

Doch Vorsicht: Auch diese scheinbare Ehrlichkeit, diese scheinbare Offenheit über die Gefahr der Manipulation, beinhaltet schon wieder ein manipulatives Element, das uns dazu verführen soll, eben diesem Medium in allen anderen Bereichen Glauben zu schenken. Uns wird suggeriert, wir könnten den Kommentaren und Analysen vertrauen, diese seien objektiv und ehrlich. Doch wer sich z. B. die deutschen Tageszeitungen genauer anschaut, wird beobachten, dass auch viele von diesen, natürlich, ihre eigene politische Linie verfolgen. Und so glauben wir zu wissen, dass die FAZ eher konservativ, die „Süddeutsche“ eher linksliberal und die ZEIT liberal ist. Aber was heißt das eigentlich innerhalb des redaktionellen Gefüges?

Was ich anfangs über die Meinungsseite der „Washington Post“ gesagt habe, kenne ich in dieser Konsequenz, wenn überhaupt in Deutschland, nur noch aus der ZEIT: Da kommt es in schöner Regelmäßigkeit vor, dass Redakteur A einen Artikel schreibt und Redakteur B das genaue Gegenteil in seinem Beitrag erklärt. Beide Artikel befinden sich dann friedlich nebeneinander auf einer Seite.

Gibt es das in der FAZ? Oder in der links-l i b e r a l e n SZ? Leider nur höchst selten. Und wer den Erzählungen freier Journalisten lauscht, die für diese und andere Blätter regelmäßig arbeiten, der wird erfahren, wie „Zensur“ - und ich sage das mit aller Vorsicht und in den berühmten Anführungszeichen - wie „Zensur“ bereits im Vorfeld der Veröffentlichung vorgenommen wird: Wie ein der Redaktion unbequemes Thema entweder sofort abgelehnt wird oder die Veröffentlichung eines Kommentars, der nicht auf Redaktionslinie liegt, so lange verschoben wird, bis das Thema „durch“ ist, wie man im Journalistenjargon sagt.

Wir erkennen also: Echte Meinungsfreiheit gibt es auch innerhalb freiheitlich­demokratischer Redaktionen immer nur bis zu einem gewissen Punkt, und der kritische Leser sollte sich dessen stets bewusst sein. Ebenso wie er Bescheid wissen sollte, dass in den öffentlich-rechtlichen Sendern die eine oder andere Staatskanzlei einer Landesregierung schon mal gerne im Programm mitzumischen versucht, respektive bei der Besetzung bestimmter Schlüsselpositionen im redaktionellen Gefüge. Die Geschichte von ARD und ZDF bietet dafür reichhaltige Hinweise – nicht zuletzt in jüngster Zeit.

Doch wollen wir nicht ganz so schwarz malen: Die meisten Journalisten in Deutschland versuchen ja nach wie vor ihrer moralischen Verantwortung gerecht zu werden, die sie als sogenannte „Vierte Kraft“ in dieser Demokratie innehaben. Und sie sind als Einzelpersonen –wie sie meinen als kleine Journalisten - natürlich nicht in der Lage, die große Linie ihres Blattes oder ihres Senders zu bestimmen. Sie können sich nur schwer gegen die Versuche großer Konzerne wehren, die Meinungsvielfalt durch eine Monopolisierung des Pressemarktes zu ersticken, und sie haben natürlich ebenfalls nur wenig Einflussmöglichkeiten auf die Ernennung von Chefredakteuren und Fernsehdirektoren, von Herausgebern und Intendanten.

Doch sie können, sollen und müssen ihre eigene Integrität genauestens überprüfen. Und das jeden Tag neu. Doch wie viele tun das wirklich? Im Zuge des journalistischen Alltags, der zumeist von einer Hektik geprägt ist, die wir uns kaum vorstellen können – es ist ja kein Zufall, dass die durchschnittliche Lebenserwartung dieses Berufsstandes gerade mal bei 55 Jahren liegt – im Zuge ihres Alltags vergessen die Journalisten schon mal, was ihr gesellschaftspolitischer Auftrag ist. Und sie bemerken manchmal nicht mehr, wo sie sich im Laufe der Jahre haben korrumpieren lassen: Sie nehmen wahrscheinlich gar nicht mehr wahr, dass sie bestimmte Themen ihren Redaktionen gar nicht mehr anbieten, weil sie wissen, dass diese sowieso nicht akzeptiert werden, sie nehmen nicht wahr, dass sie bei manchen Themen die Meinung der Redaktion – oder gar der öffentlichen Meinung – ungeprüft übernehmen, weil sie sozusagen „common sense“ ist.

Nur ein Beispiel: Gerhard Schröders NEIN zum Irak-Krieg. Es wurde kaum hinterfragt oder kritisiert. Allenfalls kritisierte man die Art und Weise, wie Schröder Nein sagte: also die mangelnde Sensibilität gegenüber den USA, die Bereitschaft, das deutsch­amerikanische Verhältnis zu gefährden, die offensichtliche Taktik, mit dem Nein die Wahlen zu gewinnen, und so weiter.

Doch erst in den letzten Tagen habe ich einige wenige Artikel gelesen, die das Nein prinzipiell in Frage stellten, die sich also der Frage ernsthaft annahmen, ob es nicht ein Fehler ist, wenn k e i n Krieg gegen Saddam geführt wird, oder noch genauer: wenn Deutschland sich an dem Krieg gegen Saddam nicht beteiligt. Artikel, die das Pferd quasi von hinten aufzäumen und das, was in Deutschland längst als politically correct gilt, in Frage stellen. Natürlich konnte man Kritik in den eher konservativen Medien lesen, doch diese waren leider allzu oft orientiert an parteipolitischen Interessen. Ebenso selten war eine seriöse Auseinandersetzung in sogenannten „linken“ Blättern zu lesen, die das Unaussprechliche auszusprechen wagten: Vielleicht muss Deutschland doch mit in den Krieg ziehen?

Meine Damen und Herren, Sie sind sicher darüber verblüfft, dass gerade mir, dem Präsidenten des Zentralrates der Juden, solch ein Satz so locker über die Lippen geht: Dass Deutschland vielleicht in den Krieg ziehen muss. Doch ich möchte sie darauf hinweisen, dass es mir hier nicht um die Frage geht, was denn nun richtig oder falsch ist – ob Schröder lieber hätte Ja sagen sollen und ob ich deutsche Soldaten gerne vor Basra und Bagdad gesehen hätte.

Das ist hier nicht mein Thema. Mir geht es darum, dass die Presse als „Vierte Kraft“ nicht nur die moralische Verantwortung sondern geradezu die Verpflichtung hat, alles, aber auch wirklich alles zu hinterfragen sowie Sinn, Wahrheit und Richtigkeit jeglicher Information anzuzweifeln. Verstehen Sie mich bitte richtig: Ich erwarte, dass die Medien „Heilige Kühe“ schlachten. Und nur, wenn sie das tun, wenn sie den Mut dazu haben, Selbstverständliches für gar nicht selbstverständlich zu halten – erst dann sollten, müssten sie zu einem Ergebnis kommen, was sie uns, den Rezipienten, anbieten sollten, um uns das zu geben, worauf wir ein demokratisches Grundrecht haben: freie, offene sowie ehrliche Information und Meinungsbildung.

Dieser Auftrag jedoch – um zu unserem kleinen Journalisten zurückzukehren – dieser Auftrag geht ihm in seinem Alltag allzu oft verloren. Und so ist er sich gar nicht mehr bewusst, wie sehr bei ihm schon die „Schere im Kopf“ eingepflanzt ist, wie sehr er sich also schon beim Abfassen seines journalistischen Beitrages verbiegt, um nicht anzuecken. Und weil dieses Verhalten ihm schon zur zweiten Haut, zur Gewohnheit geworden ist, merkt er gar nicht mehr, was er da tut.

Das geht vielleicht soweit, dass er im Zuge einer eiligen Recherche zu irgendeinem Thema sich aus dem Zeitungsarchiv ein paar ältere Artikel heraussuchen lässt, diese überfliegt und dann seinen eigenen Beitrag schreibt, dreht, schneidet. Mit dem Ergebnis – alle Journalisten kennen das – dass er zuweilen – und wahrscheinlich auch unbewusst -falsche Informationen übernimmt. Wenn man also über eine Person des öffentlichen Lebens erfährt, dass sie am liebsten, na sagen wir mal unverfänglich, am liebsten täglich zartbittere Schokolade isst, und das steht dann unbefragt in -zig Artikeln, dann wird auch unser Journalist dies ebenso übernehmen. Und irgendwann hören wir ein Live-Interview mit jener Person im Fernsehen und müssen erfahren, dass diese Info völlig falsch ist und auf einem Missverständnis beim Interview mit jenem Journalisten beruht, der diese Behauptung einst zum ersten Mal in seinem Artikel niedergeschrieben hat.

Das alles stört unseren Journalisten nicht. Er hat genug Argumente, warum er nichts dafür kann, eine falsche Information so zu übernehmen: Zeitdruck – das ist immer die beste Ausrede, die Glaubwürdigkeit der journalistischen Recherche. Und es ficht ihn auch nicht an, eine politische Meinung zu Vorgängen zu haben, die er nicht aus eigener Erfahrung kennt, weil er noch nie vor Ort gewesen ist.

In einer öffentlichen Podiumsdiskussion wurde der Leiter der Auslandsredaktion einer großen deutschen Tageszeitung scharf für seine Kommentare angegriffen, die er über die politische Entwicklung in einer bestimmten Krisenregion dieser Erde geschrieben hat. Er beharrte auf seiner Meinung. Als er von dem Moderator dann gefragt wurde, wie oft er denn schon vor Ort gewesen sei, erklärte er: Zwei Mal. Ich wiederhole: Zwei Mal! Als das Publikum entrüstet reagierte, entschuldigte sich der gute Mann damit, dass er ja erst seit kurzem Auslandschef und sein Spezialgebiet eine ganz andere Krisenregion sei.

Muss ich dieses Beispiel noch näher erläutern? Oder darf ich es mit einigen anderen Beispielen noch ergänzen: Da ist der Journalist, der mit einer vorgefassten Meinung zu einem Thema loszieht, um sich genau die „O-Töne“ abzuholen, die er für seine Meinung oder These braucht. Das gelingt ihm, indem er sich die entsprechenden Personen sucht und der gegenteiligen Stimme gar nicht erst Gehör verschafft, oder indem er einen Interviewpartner, der ihm sozusagen die „gewünschte Aussage“ verweigert, mit Fragen dermaßen manipuliert, dass schließlich eine Äußerung fällt, die der Journalist endlich für seine Zwecke verwenden kann.

Meine Damen und Herren, was ich ihnen hier schildere, gilt zwar nicht für alle Journalisten in diesem Land, aber es sind auch keine Einzelfälle – es ist leider allzu häufig die Praxis journalistischen Schaltens und Waltens.

Ganz zu schweigen von gewissen Gefälligkeiten, die man Politikern erweist, von denen man sich für die eigene Karriere noch etwas erhofft: Sei es ein besonders unkritisches, freundliches Interview, sei es einfach ein Bericht über irgendeine Wohltätigkeitsveranstaltung, die unter der Schirmherrschaft jenes Politikers steht, von dem man einen Schub für die eigene Zukunft erwartet. Da wird zwar nicht gelogen, nicht betrogen, nein, da wird einfach etwas ganz nett berichtet und damit aber Sendezeit verschenkt, die man vielleicht sonst für ein sehr viel brisanteres Thema verwenden könnte - vielleicht gar für einen Bericht über den Spendenskandal in der Partei jenes Politikers.

Die Fallen, die sich dem verantwortungsbewussten Journalisten tagtäglich stellen, sind vielfältig. Gewisse Dinge sind praxisübliche Kleinigkeiten. Und da sie jeder macht, können sie ja nicht unmoralisch sein, nicht wahr?

Es spielt also auch keine Rolle, wenn ein Auslandskorrespondent die Sprache des Landes, in dem er arbeitet, nicht beherrscht. Wozu hat er denn auch jene orts- und sachkundigen einheimischen Mitarbeiter, die ihm alles übersetzen und ihn mit den entsprechenden Informationen beliefern? Dass diese – oft ganz unbewusst – ihrer eigenen politischen Meinung gehorchen und bei der Auswahl von Interviewpartnern, bei der Auswahl der Zeitungsmeldungen entsprechend vorsortieren – was soll’s. Der Zuschauer, der Leser daheim in Deutschland hat sowieso keine Ahnung von der Materie, dem kann man alles vorsetzen.

Gott sei Dank ist es dann doch so, vor allem beim Fernsehen, dass der Zuschauer sehr wohl spürt, wie authentisch der Korrespondent ist, wie selbstverständlich er sich in seinem Berichtsland bewegt. Es ist kein Zufall, dass gerade jene Korrespondenten, die dann entsprechend fließend Russisch, Chinesisch, Arabisch, Englisch, Französisch oder Spanisch können, die entsprechend aufregenden Filme machen, weil sie den persönlichen Kontakt, den persönlichen Umgang mit den Einheimischen suchen können und somit Lesern, Zuschauern oder Zuhörern ganz andere Informationen, Erfahrungen und Erlebnisse präsentieren können als jene, die sich immer alles übersetzen lassen müssen und in einem Lokal am Abend nicht einfach mal „Volkes Stimme“ lauschen können.

Schließlich möchte ich auf einen besonders wichtigen Aspekt der journalistischen Arbeit zu sprechen kommen: Die moralische Verantwortung für die Sprache.

Wir erleben es ja in diesen Tagen ganz deutlich, wie Sprache in Zeiten des Krieges manipuliert wird. Doch das ist nicht nur in solch einer Extremsituation so, sondern auch im ganz normalen Alltag. Und Journalisten sind dieser Manipulation ganz besonders ausgesetzt. Denn sie werden immer und jederzeit von allen Seiten als Multiplikatoren verstanden und entsprechend sprachlich bombardiert. Ob das nun eine Presseveranstaltung eines großen Autokonzerns oder das „Briefing“ des Pentagon ist, ob das das Communiqué einer EU-Sitzung ist oder die offizielle Verlautbarung eines Terrorregimes: Jeder will seine „Message“ an den Mann, d. h. an den Journalisten bringen, und somit dann unters Volk verbreiten. Der „Code“, der dabei verwendet wird, ist stets in Frage zu stellen, und niemals, ich betone: niemals, dürfte ein Journalist diesen Code unbefragt übernehmen. Tut er aber doch – aus Unachtsamkeit oder aus der Tatsache, dass sich bestimmte Formulierungen längst als Allgemeingut durchgesetzt und ihr Eigenleben entwickelt haben und kaum noch problematisiert werden.

Nehmen wir nur den Begriff des „Kollateralschadens“, auf Englisch: „collateral damage“. Eine ziemlich euphemistische Bezeichnung für das versehentliche Bombardieren und Töten unschuldiger, nichtbeteiligter Menschen, zumeist Zivilisten, in einem Krieg. Diese Formulierung wurde von der NATO vor allem während des Kosovo-Krieges 1999 benutzt. Da auch Deutschland an diesem Krieg beteiligt war, hatten Bundesregierung und Bundeswehr natürlich ein gewisses Interesse, solch einen verklausulierten Begriff zu benutzen und zu verbreiten. Damals waren sich viele Journalismus des Zynismus dieser Formulierung wohl noch bewusst. Und sie benutzten ihn daher fast immer in Anführungszeichen oder mit dem entsprechenden Kommentar. Nur vier Jahre später, also jetzt während des Irak-Krieges, entdecke ich, dass Kollateralschaden in so manchem Artikel bereits ohne Anführungszeichen geschrieben wird.

In diesem Zusammenhang lassen sie mich darauf hinweisen, dass gerade die deutsche Sprache in ganz besonderen Nöten ist. Viktor Klemperer hat ja schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg dargelegt, wie Nazis mit der Sprache umgegangen sind, wie sie sie vergewaltigt und zerstört haben. Und jeder ältere Schriftsteller, jeder ältere Journalist wird erzählen können, wie schwer es ihm fiel und noch fällt, so manches deutsche Wort unbefangen zu verwenden, weil es für ihn für immer kontaminiert ist mit Begriffen aus der NS-Zeit. Jahrzehntelang haben sich die großen Redaktionen die Mühe gemacht, darauf zu achten, dass „Nazi-Sprache“ nicht benutzt wurde. Und ich meine damit Begriffe, von denen vor allem Jüngere nicht einmal mehr wissen, dass sie kein „normales Deutsch“ sind: Das Verb „ausmerzen“ zum Beispiel.

In den letzten Jahren ist leider zu beobachten, dass sich solche Worte wieder ihren Weg in die Umgangssprache und damit auch in den seriösen Journalismus bahnen. Nun könnte man sagen, dies sei doch auch ein gutes Zeichen – eine jüngere Generation geht unbefangen mit Begriffen um, die für sie keinerlei negative Assoziationen beinhalten. Doch irgendwie kann ich mich mit diesem Gedanken nicht anfreunden. Ich bin ein Kind des 20. Jahrhunderts, in denen die beiden schlimmsten politischen Systeme der Menschheit, ohne freilich beide auf eine Stufe stellen zu wollen, der Nationalsozialismus und der Sowjetkommunismus, mit dem Missbrauch von Sprache Menschen zum Tode verurteilt haben. Ich kann, ich will nicht akzeptieren, dass man als Mensch, dessen Handwerkszeug die Sprache ist, sich über die Geschichte der Sprache der Terrors hinwegsetzt und sich im Zweifelsfall auf das pure Nichtwissen beruft.

Nein, wer sich der aktuellen Missbräuche der deutschen Sprache nicht bewusst ist, der wird auch kein Sensorium entwickeln, um die aktuellen Manipulationen als solche wahrzunehmen. Und er wird stattdessen den Code, der für eine bestimmte Message steht, übernehmen und somit die Message weitertragen, die die seines Informanten und nicht notwendigerweise seine eigene ist. Das kann, das darf sich im deutschen Journalismus nicht durchsetzen.

Das Thema meines Vortrages lautet: „Die moralische Verantwortung der Presse“ Und eigentlich hätte ich gleich zu Beginn dieses Vortrages eine Frage stellen sollen, die ich aber nicht gestellt habe, weil man eben meinen sollte, dass sie doch so selbstverständlich zu beantworten ist. Die Frage nämlich, von welcher Moral wir eigentlich sprechen? Was genau meinen wir, wenn wir von Moral reden? Ist es die Moral des christlichen Abendlandes? Ist es die Moral Europas? Ist es vielleicht die Moral Amerikas, also der westlichen Vormacht? Ist es die Moral der Aufklärung? Ich möchte hier nicht einen weiteren, zweiten, moralphilosophischen Vortrag beginnen, der sich diesem höchst komplexen Thema widmet, obgleich das sehr interessant werden könnte. Aber ich möchte hier, an dieser Stelle, darauf aufmerksam machen, dass der Moralbegriff, so wie ich ihn verstehe, einige Konstanten hat, wie etwa, in unserem Zusammenhang, die Konstante der meinungsfreiheitlichen, demokratischen Information, die die Meinung des anderen stets respektiert, dass aber der Moralbegriff auch einem Wandel unterliegt, der immer wieder neu definiert werden muss, ganz so wie eben auch die Frage, ob Deutschland Kriege führen soll und darf, heute, im 21. Jahrhundert, möglicherweise ganz anders beantwortet wird als noch vor 60 und auch noch vor 50 Jahren.

Eines muss den Journalisten jedoch immer bewusst sein: Dass sie einen wichtigen, wenn nicht sogar erheblichen Teil zur Bewahrung der Demokratie beitragen. Denn die Presse wird immer mehr zum wachsamen Auge der Öffentlichkeit über die drei anderen Säulen der Demokratie, nämlich die Legislative, die Judikative und die Exekutive.

Insofern ist Journalismus in seiner vornehmsten Form vielleicht die demokratischste aller Berufsgattungen. Und ich kann nur hoffen, dass sich die Presse dieser Verantwortung, aber auch dieses Privilegs immer wieder aufs neue bewusst wird.