11. Jahrgang Nr. 2 / 25. Februar 2011 – 21. Adar I 5771

Kinder der Schoa

In Frankfurt fand eine Konferenz zur Situation der Kinderüberlebenden statt

Von Heinz-Peter Katlewski

„Ich war nicht einmal sieben Jahre alt als die Deutschen kamen“, berichtete Bronja Vernikova bei der Konferenz in Frankfurt am Main. Sie kommt ursprünglich aus einem Schtetl in Bessarabien, einem Gebiet, das heute zu Moldawien gehört. Bei der im Januar von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland veranstalteten Konferenz zur Situation der Kinderüberlebenden der Schoa schilderte Vernikova ihre Geschichte in einem Interview.
„1941 mussten sich alle jüdischen Bewohner auf einem Platz im Ort versammeln“, erinnerte sie sich. Dann hätten sie in das von Rumänien besetzte Transnistrien marschieren müssen – denjenigen Teil der Ukraine, den das „Dritte Reich“ der rumänischen Besatzungsmacht überlassen hatte. Dort wurden sie in einem Waldstück interniert.
Viele, berichtete Vernikova, seien schon im ersten harten Winter 1941/42 gestorben. Typhus, Hunger und Kälte hätten sie umgebracht: „Meine Großmutter hat sich abends hingelegt und ist nicht wieder aufgestanden. Wir lebten am Rande eines Massengrabes.“ Schon gewöhnliche menschliche Regungen konnten eine Bedrohung sein: „Wenn ein Kind nachts weinte, wurde der ganzen Familie von den Wächtern mit Erschießung gedroht. Die Angst, getötet zu werden, die Angst, dass auch Kinder und Enkelkinder dieses Schicksal erfahren könnten, war und ist immer präsent.“ Tatsächlich seien mehr als Zweidrittel derer, die nach Transnistrien gebracht wurden, auch dort ermordet worden oder wegen der unmenschlichen Haftbedingungen gestorben, ergänzte der Historiker Jens Hoppe von der Claims Conference in Deutschland.
Die Kinder der Schoa hatten keine Kindheit. Schon als Vier- und Fünfjährige mussten sie herausfinden, wie sie nachts das Ghetto verlassen und Lebensmittel für ihre Familien organisieren können. Der Frankfurter Rabbiner Menachem Halevi Klein berichtete von Elfjährigen, die wie Erwachsene wirkten und sich Arbeiten zutrauten, die sie nie gelernt hatten aber trotzdem beherrschten, zum Beispiel Kochen.
1944 hat die Rote Armee zwar die Lager befreit und den Häftlingen die Rückkehr in ihre Heimat ermöglicht. Dort aber hatte sich das Umfeld fundamental geändert. Von den alten und neuen Nachbarn wurden die Rückkehrer misstrauisch beäugt. Ihre Möbel standen mittlerweile in deren Wohnzimmern. Bronja Vernikova: „Wir haben nichts zurückgefordert. Wir mussten ja mit denen ja weiter leben“. Aber sprechen über die Erlebnisse im Lager konnten sie mit niemandem. Die sowjetischen Behörden halfen ihnen nicht, die Schrecken der Verfolgung zu bewältigen. Psychologische oder therapeutische Betreuung war völlig abwegig. Das hätte zudem das Stigma „psychisch krank“ zur Folge gehabt und das Leben der Betroffenen noch mehr erschwert.
Die heute tätige jüdische Hilfsorganisation Chesed Rachamim in der weißrussischen Hauptstadt Minsk weiß von Fällen, in denen die Ehe mit einem Nichtjuden als ein gangbarer Weg empfunden wurde, der Vergangenheit zu entrinnen. Die Projektleiterin und Psychologin, Svetlana Marshak, zitierte eine Klientin: „Mein Mann wollte, dass ich das Schreckliche vergesse, und ich war froh, einen nichtjüdischen Namen tragen zu können.“ Nach dem Tod des Ehemannes aber versagte diese Form der Verdrängung, die Frau fühlte sich mit den Verletzungen aus der Kindheit allein.
Im fortgeschrittenen Alter drängen die schrecklichen Bilder aus der Jugend mit Macht an die Oberfläche. Der Heidelberger Gerontologie-Professor Andreas Kruse illustrierte das in Frankfurt am Beispiel: „Es kann durchaus sein, dass du in deinem Sessel im Wohnzimmer sitzt. Auf einmal hörst du einen Gleichschritt draußen von vielen Menschen, die von irgendeiner Party oder aus dem Kino kommen, und du hast den Eindruck, das ist die SS.“ Kranken- und Altenbetreuerinnen in den Gemeinden sind immer wieder über die Heftigkeit erschrocken, mit der bei fortschreitender Demenz Traumata aus der Vergangenheit aktualisiert werden.
In Minsk bieten Gesprächscafés für Ghetto-Überlebende einen Rahmen dafür, sich mit anderen Menschen auszutauschen, die ein ähnliches Schicksal teilen. Das sei nicht immer leicht, sagt Svetlana Marshak, weil kleine Kinder die brutalen Umstände naturgemäß anders erlebt hätten als Erwachsene oder auch als Jugendliche. Vergleichbare Erfahrungen wurden auch bei ähnlichen Gesprächskreisen in Deutschland gemacht.
Die Interviews der Forschergruppe um Andreas Kruse ergaben, dass Schoa-Überlebende mit ihrem Schicksal am besten zurechtkamen, wenn sie es sinnstiftend zu deuten vermochten. Etwa dadurch, dass sie sich als Zeitzeugen zur Verfügung stellten, die junge Menschen für die Gefahren menschenverachtender rassistischer Ideologien zu sensibilisieren suchen. Dennoch bleibt die schreckliche Vergangenheit stets präsent.