11. Jahrgang Nr. 2 / 25. Februar 2011 – 21. Adar I 5771

Der Rabbiner als Problemlöser

Jonah Sievers, Landesrabbiner von Niedersachsen, will Tradition und Moderne in Einklang bringen

Von Frederic Spohr

Darf man die Sukka auch auf dem Balkon aufstellen? Muss man sie allein bauen oder genügt es, sich an einem gemeinschaftlichen Bau zu beteiligen? Ist es erlaubt, neben seinem nicht-jüdischen Partner auf einem jüdischen Friedhof bestattet zu werden? Und wenn ja, wie groß muss dann der Abstand zwischen den Gräbern sein? Als Rabbiner beschäftigt sich Jonah Sievers mit solchen und vielen anderen Fragen, die das Judentum betreffen. Manchmal sind die Fragen nur scheinbar knifflig, manchmal aber auch eine echte Herausforderung. Und genau diese Herausforderung gefällt Sievers; das Abwägen und die Suche nach der Lösung machen ihm Spaß. Es wundert deshalb nicht, warum sein Spezialgebiet die Halacha ist. Vor allem reizt ihn dabei, die jüdische Traditionen mit der heutigen Zeit in Einklang zu bringen. Es geht darum, Lösungen zu finden, wie man die Tradition in der heutigen Zeit am besten bewahren und feiern kann. Schließlich verlangt die Moderne nach permanenter Anpassung. Die aber ist häufig ziemlich kompliziert und mit vielen Kompromissen verbunden. „Wir Rabbiner sind eigentlich Problemlöser“, sagt der Neununddreißigjährige deswegen über seinen Beruf. „Ich muss immer eine Position finden, die für alle akzeptabel ist.“
Problemlöser wäre er aber fast in einem ganz anderen Bereich geworden: Ursprünglich studierte Sievers nämlich Wirtschaftswissenschaften: „Ich bin eigentlich ein ziemlich nüchterner Mensch“, sagt er über sich selbst. Auch ein Jurastudium hätte ihn sehr interessiert. Dennoch ist er sich sicher, dass er kein guter Betriebswirt geworden wäre. Zu trocken ist die Materie, es fehlte ihm an Spiritualität. Zum Glück engagierte er sich schon während seines Studiums in der jüdischen Gemeinde – und sah dort, was ihn wirklich erfüllte: die jüdische Tradition in all ihren Facetten.
Also brach er sein Wirtschafts-Studium ab und begann seine Rabbiner Ausbildung in Heidelberg und dem Leo-Baeck-College in London. Seit 2002 ist Sievers Rabbiner in Braunschweig. 2008 wurde er zudem zum Landesrabbiner von Niedersachsen ernannt. Seinen Gemeindemitgliedern will er dabei vor allem das vermitteln, was ihn selbst am Judentum so sehr fasziniert: „Ich will den Gemeindemitgliedern vor allem die Schönheit der jüdischen Tradition zeigen“, sagt er über seine Ziele. Sievers engagiert sich außerdem als Geschäftsführer der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschland und übernimmt häufig repräsentative Aufgaben: „Sehr wichtig ist mir dabei vor allem der Dialog mit dem Islam.“
Das Rabbineramt ist nicht nur Beruf, sondern auch eine Berufung, die Sievers mit Herz und Seele erfüllt. Dennoch kommt ihm auch seine nüchterne Ader bei seiner Arbeit zugute, vor allem wenn es darum geht, nach Kompromissen zu suchen. Allerdings hat seine Konsensbereitschaft auch Grenzen: „Wenn es etwas wirklich nicht möglich ist, dann muss man dazu stehen und darf nicht von seiner Position abweichen.“. So gilt es immer wieder herauszufinden, ob es eine gewisse Bandbreite gebe, in der man sich bewegen könne.
Auch bei seinem letzten großen Projekt spielten die Verknüpfung von Tradition und Moderne sowie die Suche nach einem Kompromiss eine große Rolle. Gemeinsam mit dem Berliner Rabbiner Andreas Nachama ist Sievers Herausgeber des neuen jüdischen Einheitsgebetsbuches für liberale Juden, das im April erschienen ist. Über die Schwierigkeiten bei den Übersetzungen für ein neues Gebetsbuch schrieb schon der berühmte Reformrabbiner Abraham Geiger: „Hier ist aber besonders die Anforderung berechtigt, dass ein jeder etwas von seinen Gewohnheiten und Lieblingswünschen der Förderung des Ganzen zum Opfer bringe.“