11. Jahrgang Nr. 2 / 25. Februar 2011 – 21. Adar I 5771

Verbesserungsbedürftig

Antisemitische Reaktionen zeigen, dass Holocaust-Unterricht an den Schulen anders konzipiert werden muss

In den demokratischen Ländern hat der Umfang des Holocausts-Unterrichts an den Schulen in den letzten Jahren zugenommen. Das brachte eine im Auftrag der UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) durchgeführte Studie an den Tag. Allerdings, so ein weiterer Befund der von Dr. Zehavit Gross, einer Erziehungswissenschaftlerin an der israelischen Bar-Ilan-Universität erstellten Untersuchung, löst der Versuch der Erzieher, ihre Zöglinge mit dem Grauen der Schoa zu konfrontieren, auch eine Welle antisemitischer Reaktionen aus. Bei der Studie wurde der Holocaust-Unterricht an Sekundarschulen in Deutschland, Österreich, die Schweiz, Polen, Estland, den USA, Kanada, Australien und Schottland sowie in Israel ausgewertet.
In Deutschland, so die Studie, spielt der Holocaust im offiziellen Unterrichtsplan an den Schulen eine wichtige Rolle. Wie man weiß, war das in der Bundesrepublik in früheren Jahrzehnten keineswegs der Fall, während der vom SED-Regime regierte Osten jegliche Mitverantwortung für die Schoa weit von sich wies. Insofern stellt die heutige Situation eine Verbesserung dar. Allerdings berichteten die befragten Lehrer, während des Unterrichts auf antisemitische und rassistische Äußerungen von Schülern zu stoßen.. In Österreich, in dem der Holocaust lange Zeit als eine Art Unfall der Geschichte dargestellt worden war, wird den Schülern heute ein Bewusstsein für die Mitverantwortung des Landes für die „Endlösung" vermittelt. Und auch hier sind antisemitische Reaktionen keine Seltenheit.
Mit der Vermutung allein, eine Konfrontation mit der Geschichte ihres Landes würde die Schüler in Deutschland und in Österreich zu einer trotzigen Abwehrreaktion bewegen, ist das zugegebenermaßen schockierende Phänomen nicht erklärt. Entscheidend ist nämlich auch oder vor allem der persönliche Hintergrund er Schüler. So berichteten deutsche Lehrer, antisemitische Reaktionen auf den Holocaust-Unterricht hingen zumeist mit antijüdischen Vorurteilen zusammen, die den Jugendlichen von ihren Eltern vermittelt worden seien.
Zudem wurden zum Teil heftige antisemitische Reaktionen auf den Holocaust-Unterricht nicht nur in den Nachfolgestaaten des „Dritten Reiches", sondern sogar im fernen Australien festgestellt, in dem die Lehren der Schoa als ein Mittel im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus verarbeitet werden. Ein Teil der judenfeindlichen Äußerungen kommt von moslemischen Schülern, die sich oft durch besonderen Hass „hervortun". Moslemische Schüler so der Australien-Befund, bringen offen ihre Bewunderung für Adolf Hitler und den Nationalsozialismus zum Ausdruck.
Es gibt glücklicherweise auch ein umgekehrtes Beispiel. In Kanada, so die Studie, führt der Holocaust-Unterricht bei den Schülern zu mehr Toleranz und senkt ihre Neigung zum Rassismus. In Polen wiederum, in dem die deutschen Besatzer drei Millionen Polen (außer drei Millionen Juden) ermordet hatten, fällt den jungen Menschen die Identifizierung mit der jüdischen Tragödie leichter. Indessen vermögen solche positiven Erfahrungen über die negative Schlagseite des Holocaust-Unterrichts im internationalen Maßstab nicht hinwegzutrösten
Das ernüchternde Ergebnis der Studie stellt die Holocaust-Erziehung vor wichtige konzeptionelle Fragen. Selbstverständlich sind antisemitische Reaktionen kein Grund, die Wissensvermittlung und die Auseinandersetzung mit der Schoa einzustellen. Allerdings ist eine ernsthafte Debatte über die dabei eingesetzten pädagogischen Methoden angebracht. Beispielsweise ist zu prüfen, in welchem Maße Schülerreisen zu Stätten des Völkermords mehr Empathie für die Opfer bewirken und den Schülern die Notwendigkeit vorführen können, gegen Rassismus, Antisemitismus und Hass auf den Andersartigen zu kämpfen. Auf solche Reisen wird beispielsweise in den USA großer Wert gelegt. Wie die amerikanische Erfahrung zeigt, spricht der Aufenthalt an den Stätten des Grauens die jungen Menschen auf der emotionalen Ebene an und verstärkt den positiven erzieherischen Effekt. Auch Erzieher aus anderen Ländern befürworten diesen Weg. Es ist nahe liegend, dass Gedenkreisen dieser Art in Europa viel leichter als die Überquerung des Atlantiks zu bewerkstelligen sind, die amerikanische Schüler absolvieren müssen. Daher sollte insbesondere in europäischen Ländern über eine intensivere Nutzung der Erlebnis-Komponente nachgedacht werden.
In jedem Fall ist zu hoffen und zu fordern, dass die Studie von Erziehungsexperten ebenso wie von Regierungen – nicht nur in den untersuchten Ländern – zum Anlass genommen wird, eine bessere Konzeption für den Schoa-Unterricht zu erstellen. Alles andere wäre eine Kapitulation.
wst