11. Jahrgang Nr. 1 / 28. Januar 2011 – 23. Schwat 5771

Fräulein Rabbiner

Eine Ausstellung erinnert an Regina Jonas, die erste Rabbinern der Welt

Von Heinz-Peter Katlewski

Sie war die allererste. Vor 75 Jahren, am 27. Dezember 1935, wurde Regina Jonas im Auftrag des Liberalen Rabbiner-Verbandes in Offenbach zur Rabbinerin ordiniert. Diese weltweit erste Smicha für eine Frau nahm die „Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum“ nun zum Anlass für eine kleine aber bemerkenswerte Ausstellung über „Fräulein Rabbiner Jonas“ und ihre Pionierrolle.
Wie sehr Jonas’ Ordination ihrer Zeit voraus war, zeigte sich auch daran, dass die nächste Frauenordination fast vier Jahrzehnte auf sich warten ließ: Erst im Juni 1972 wurde mit Sally Priesand wieder eine Frau zur Rabbinerin berufen, und zwar am Hebrew Union College der amerikanischen Reformbewegung in Cincinnati, Ohio. Heute freilich sind Rabbinerinnen in angelsächsischen Ländern nichts Ungewöhnliches mehr. An den Rabbinerseminaren des Reformjudentums, der konservativeren Masorti-Bewegung, der Rekonstruktionisten und dem Jewish Renewal Movement stellen sie inzwischen rund fünfzig Prozent der Studierenden. Weltweit sind in diesen Strömungen rund 1.000 von insgesamt 5.000 amtierenden Rabbinern weiblich, informiert eine der acht Schaufahnen der Berliner Ausstellung. Dagegen fühlen sich das orthodoxe und das ultraorthodoxe Judentum an die traditionelle Lehre gebunden, der zufolge nur Männer als Lehrer und Richter in die Fußstapfen von Moses treten können.
Seit 1995 gibt es nun auch in Deutschland Rabbinerinnen. Damals trat die Schweizerin Bea Wyler, Absolventin des New Yorker Jewish Theological Seminary, in der Jüdischen Gemeinde Oldenburg ihren Dienst an. Heute arbeiten vier Rabbinerinnen in jüdischen Gemeinden in Deutschland: Irith Shillor in der Liberalen Gemeinde von Hameln, Elisa Klapheck in Frankfurt am Main, Gesa Ederberg in Berlin und Alina Treiger in Oldenburg und Delmenhorst. Alina Treiger ist die jüngste und die einzige, die ihre Smicha in Deutschland erhalten hat.
Dass es nach Rabbinerin Jonas noch viele Debüts gab, illustriert die Berliner Ausstellung an Beispielen: Die erste Rabbinerin in Kanada, die erste in Brasilien, die erste in Israel, die erste Ordination einer schwangeren Kandidatin, die erste Rabbinerin einer Großgemeinde und die erste Präsidentin eines rabbinischen Dachverbandes. Die Kuratorin der Ausstellung, die in Israel ausgebildete Masorti-Rabbinerin Gesa Ederberg war und ist ebenfalls eine der Ersten: Sie war die erste Rabbinerin in Bayern und ist jetzt die erste Rabbinerin in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Dass der Superlativ ‚Erste’ nicht nur eine Ehre ist, sondern auch eine Belastung, wusste und betonte allerdings bereits Regina Jonas: „Mir war nie drum zu tun“, erklärte sie „die Erste zu sein. Ich wünschte, ich wäre die 100.000!“ Gesa Ederberg ist ebenfalls davon überzeugt:“ Den meisten von uns wäre es lieber gewesen, schon Kolleginnen vorzufinden!“
Dennoch: Im Vergleich zu Regina Jonas fanden ihre späten Nachfolgerinnen zumindest in der akademischen Lehre und der Meinungsbildung ihrer Gemeindeverbände bestellte Felder vor. Jonas’ Absicht dagegen, ihr Studium an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums als Rabbinerin zu beenden, traf unter männlichen und weiblichen Kommilitonen vorwiegend auf Unverständnis. Allein der für die Ordinationen damals zuständige Talmud-Professor Eduard Baneth stand ihrem Anliegen offen gegenüber. Seiner Kandidatin stellte er für ihre religionsgesetzliche Abschlussarbeit die Aufgabe, selbst aus den Quellen die Frage zu beantworten. „Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?“
Jonas argumentierte streng halachisch und kam zu einem positiven Urteil. Traditionelle Prinzipien wie die Geschlechtertrennung im Gottesdienst, die in den nicht-orthodoxen Strömungen heute weitgehend aufgehoben sind, stellte sie dabei nicht infrage.
Baneth bewertete die Arbeit im Sommer 1930 mit ‚gut’, starb dann aber bevor er ihr die mündliche Prüfung abnehmen konnte. Sein Nachfolger als Talmud-Professor, Chanoch Ahlbeck, lehnte die Frauenordination grundsätzlich ab. Regina Jonas wurde deshalb zunächst nur das Zeugnis als Religionslehrerin ausgestellt. Erst fünf Jahre später nahm ihr Max Dienemann, der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Offenbach, im Auftrag des Liberalen Rabbinerverbandes in Deutschland die mündliche Prüfung ab und erteilte die Smicha.
Regina Jonas Wirken endete so wie das von Millionen Juden in Europa unter der deutschen Nazi-Herrschaft: 1942 kam sie nach Theresienstadt, 1944 wurde sie in Auschwitz ermordet. Die Erinnerung an sie wurde Ende der neunziger Jahre wiederbelebt, nachdem Elisa Klapheck Jonas’ rabbinische Prüfungsarbeit von 1930 veröffentlicht hatte. Die Berliner Ausstellung – sie ist bis 4. April in der Oranienburger Straße zu sehen - leistet einen weiteren Beitrag dazu. Hoffentlich wird sie anschließend auch anderenorts gezeigt.