11. Jahrgang Nr. 1 / 28. Januar 2011 – 23. Schwat 5771

Willkommen im Emirat

Erdgasfunde verändern Israels strategische Lage

Dass Israel eines Tages zum Energieselbstversorger, geschweige denn zum Energieexporteur aufsteigen würde, hätten die Israelis bis vor kurzem für einen Wirtz gehalten. Und doch befindet sich der jüdische Staat heute inmitten einer Energie-Revolution, die seine strategische Position verändern wird. Da kommt schon mal Hochstimmung auf, und zwar nicht nur bei der Regierung. Leicht euphorisch stellt beispielsweise die Wirtschaftszeitung The Marker ihre Berichte über die einheimische Erdgaswirtschaft in eine neue Rubrik: „Das israelische Gasemirat“.
Dabei waren die Bürger des Judenstaates jahrzehntelang überzeugt, in einem Land ohne eigene Energieressourcen zu leben. Das schuf nicht nur die Notwendigkeit, Erdöl und Kohle für teures Geld zu importieren. Vielmehr wurde die totale Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten auch als eine strategische Bedrohung empfunden. Mit der vor einem Jahrzehnt beschlossenen Umstellung eines großen Teils der Elektrizitätserzeugung auf erdgasbetriebene Kraftwerke wurde die Furcht vor Versorgungslücken nicht kleiner, sondern größer. Das einzige, 1999 in israelischen Wirtschaftsgewässern entdeckte Erdgasfeld, Yam Thetis, ging nach und nach zur Neige. Deshalb nahm Israel vor drei Jahren Erdgasimporte aus Ägypten auf, doch wollte Jerusalem nicht allein auf Kairo angewiesen sein und suchte geradezu hektisch nach weiteren Lieferanten. Unter anderem wurde mit dem russischen Energiegiganten Gazprom über Importe verhandelt. Selbst der Kauf von palästinensischem Erdgas aus einem vor der Küste Gasas entdeckten Feld war im Gespräch, obwohl Israel sich damit zumindest indirekt von der ab 2007 in Gasa regierenden Hamas abhängig gemacht hätte.
Anfang 2009 aber ging ein großes Aufatmen durch das Land: 90 Kilometer vor Haifa wurde ein kaum noch erhoffter, großer Offshore-Fund gemacht. Nach der Enkelin eines seiner Entdecker „Tamar“ benannt, wird das Feld ab 2013 Gas liefern. Eine weitere, wenngleich viel kleinere Erdgasstätte, „Dalit“, wurde nahezu zeitgleich entdeckt. Damit ist Israels Versorgung für mindestens zwei Jahrzehnte gedeckt.
Der endgültige Befreiungsschlag kam aber vor einem Monat. Vor der Mittelmeerküste, rund 140 Kilometer von Haifa entfernt, konnten Geologen die Existenz eines anderen Feldes bestätigen. Mit einer geschätzten Menge von 450 Milliarden Kubikmeter – fast doppelt als soviel als alle bisher entdeckten Gasfelder zusammen - war das der größte weltweit gemachte Fund des letzten Jahrzehnts. Da scheint es nur angemessen, dass die Investoren das Feld in vorauseilendem Optimismus „Leviathan“ genannt haben: im modernen Hebräisch „Walfisch“, in alter biblischer Überlieferung aber ein Seeungeheuer. Weitere Offshore-Funde gelten in den kommenden Jahren als durchaus möglich.
Allerdings muss das Gas von Leviathan ebenso wie aus etwaigen zusätzlichen Funden mangels einheimischen Bedarfs auf dem Weltmarkt verkauft werden. Das wird in den ersten Jahren Investitionen in Milliardenhöhe bedeuten. Dann aber kommt viel Geld in die Kasse – die der glücklichen Investoren wie die der Regierung, die über Steuern rund die Hälfte der Exporterlöse einstreichen wird. Schätzungen zufolge könnte der Staat ab Mitte des Jahrzehnts mit zwei bis drei Milliarden Dollar pro Jahr an dem daheim und im Exportgeschäft getätigten Gasverkauf partizipieren. Damit könnte ein wesentlicher Beitrag zur Lösung grundlegender Probleme geleistet werden, denen Israel sich gegenüber sieht – beispielsweise durch eine gründliche Aufwertung des zum Teil auf Dritte-Welt-Niveau verkommenen Schulwesens oder den Ausbau der an akutem Geldmangel leidenden akademischen Forschung.
Günstiger Erdgasstrom kann aber auch die Entsalzung von Meerwasser verbilligen und damit zur Lösung der chronischen Wasserkrise beitragen, mit der Israel seit mehr als einem Jahrzehnt kämpft – vielleicht auch über Israels Grenzen hinaus. Selbstverständlich erlangt ein energiepolitisch unabhängiges Israel in der Außenpolitik mehr Eigenständigkeit und wird zudem als Standort für ausländische Investoren attraktiver. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass die Politik der sich aus dem Energiesegen ergebenden Verantwortung gewachsen ist und das Geld für eine gut geplante Zukunftssicherung nutzen wird. Schließlich gibt es in der Welt genug abschreckende Beispiele von Staaten, denen das nicht gelungen ist.
wst