11. Jahrgang Nr. 1 / 28. Januar 2011 – 23. Schwat 5771

In der Schwebe

Jüdisches Leben in Ungarn geht weiter, doch bleibt der Antisemitismus eine reelle Gefahr

Im April 2010 blickte die Welt besorgt auf Ungarn. Mit einem Stimmenanteil von 17 Prozent ging die rechtsextreme, sinti- und romafeindliche sowie offen antisemitische Jobbik-Partei als die drittstärkste politische Kraft aus der Parlamentswahl hervor. Angesichts dieses Ergebnisses stellte sich in der jüdischen Welt nicht zuletzt die Frage, wie sich der Wahlerfolg der Rechtsextremisten auf die jüdische Gemeinschaft in der Donaurepublik auswirken würde.
Eine genaue Antwort auf diese Frage steht auch heute noch aus. Auf der positiven Seite ist festzuhalten, dass aktives jüdisches Leben in der Donaurepublik ungebrochen anhält. Soziale und kulturelle Aktivitäten boomen. Wichtig ist auch, dass sich die konservative ungarische Regierung dezidiert zu der jüdischen Bevölkerungsgruppe bekennt. So etwa nahm Außenminister Janos Martonyi zusammen mit anderen Prominenten im Dezember am Anzünden eines riesigen Chanukka-Leuchters in Budapests Stadtmitte teil.
Indessen ist auch die Angst vor der Judenfeindschaft nicht ausgeräumt. Wie der Budapester Soziologe und Antisemitismusforscher Andras Kovacs gegenüber der Jüdischen Telegraphischen Agentur (JTA) erklärte, sind 10 bis 15 Prozent der Ungarn in der Wolle gefärbte Antisemiten, während weitere 25 Prozent in bestimmtem Maße antisemitischen Vorurteilen anhängen. Seit Anfang der neunziger Jahre habe der Antisemitismus, so Kovacs, zwar nicht dramatisch, aber doch erkennbar zugenommen. Hinzu komme, dass antisemitische Äußerungen in zunehmendem Maße in der Politik gemacht würden und den Antisemitismus auch in der allgemeinen Bevölkerung salonfähiger machten. Unter diesen Umständen werden Juden in Ungarn wie im Ausland die weitere Entwicklung aufmerksam verfolgen.
JTA/zu