11. Jahrgang Nr. 1 / 28. Januar 2011 – 23. Schwat 5771

Gemeinsam gedenken

Die Trauer um Holocaust-Opfer eint alle Juden – auch in Deutschland

Zukunft 11. Jahrgang Nr. 1
Zukunft 11. Jahrgang Nr. 1
Von Stephan J. Kramer

Am 27. Januar wurde der internationale Holocaust-Gedenktag begangen. In der relativ kurzen Zeit seit seiner Einführung durch die Organisation der Vereinten Nationen vor fünf Jahren hat sich das Datum in vielen Ländern der Welt zu einem Brennpunkt der Erinnerung an die sechs Millionen Opfer der vom „Dritten Reich“ vorangetriebenen „Endlösung der Judenfrage“ etabliert. In Deutschland spielt der Gedenktag ebenfalls eine wichtige, Rolle.
Es sei gestattet, aus Anlass des 27. Januar einen Blick auf die Gedenkkultur der heute in Deutschland leben Juden zu werfen. Es ist kein Geheimnis, dass manch einer, auch innerhalb unserer Gemeinschaft von zwei Gedenkkulturen spricht. Während die „alteingesessenen“ Juden - selbst Überlebende oder deren Kinder und Enkel - den Holocaust aus der Perspektive der Opfer sähen, so diese Theorie, betrachte die Mehrheit der aus der ehemaligen UdSSR stammenden jüdischen Zuwanderer diese Zeitspanne aus der Perspektive der Sieger, deren Land das Nazi-Reich niedergerungen hat und deren Verständnis des Holocausts aus diesem Grunde ein anderes sei.
Dieser These muss widersprochen werden. Selbstverständlich trifft es zu, dass die Einzelschicksale derjenigen Juden, die in den Reihen der Roten Armee kämpften und derjenigen, die unter deutsche Besatzung gerieten, ganz anderer Natur waren. Das hat ihr weiteres Leben denn auch unterschiedlich geprägt und oft auch die Nachgeborenen beeinflusst. Und doch: der jüdischen Gemeinschaft die Fähigkeit zu einem gemeinsamen Holocaust-Gedenken abzusprechen, ist absurd.
Als Juden gehören wir einem Volk an, das sich durch eine dreieinhalb Tausend Jahre alte Geschichte und eine auch in der Diaspora gemeinsame Zivilisation verbunden fühlt. Unsere kollektive Geschichte nicht nur abstrakt zu betrachten, sondern auch persönlich zu nehmen, gehört zum Kern unserer Identität. Nicht umsonst ist jeder Jude gehalten, am Sederabend sich so zu sehen, als sei er selbst aus Ägypten ausgezogen, und bis heute geht uns die Zerstörung des Tempels zu Jerusalem vor bald zweitausend Jahren nahe. Genauso gedenken Juden weltweit des Holocausts als Teil ihres kollektiven Schicksals, ob ihre Eltern und Großeltern nun aus Sosnowiec, Saloniki oder San’a, aus Budapest Brüssel oder Bagdad stammen. Oder eben auch aus Lodz oder Leningrad, Chelm oder Chabarowsk.
Ganz davon abgesehen war der Holocaust für sowjetische Juden alles andere als abstrakt. Nahezu alle Juden, die auf sowjetischem Gebiet unter die deutsche Besatzung gerieten, wurden ermordet worden. Wer bei Kriegsausbruch aus dem Grenzgebiet ins Innere der Sowjetunion flüchten konnte, war oft der einzige Überlebende seiner Familie, doch verloren auch Juden, die bei Kriegsausbruch im Hinterland lebten, zahlreiche, oft nahe Verwandte. Jüdische Soldaten, die in 1944 und 1945 mit der Front nach Westen marschierten, sahen die totale Vernichtung der jüdischen Welt Osteuropas und waren auch dabei, als die Rote Armee am 27. Januar 1945 das Vernichtungslager Auschwitz befreite. Das hat sie und ihre Familien geprägt. In Sachen Schoa brauchen Juden aus der ehemaligen Sowjetunion deshalb sicherlich keinen Nachhilfeunterricht. Das Holocaust-Gedenken ist für uns alle ein verbindender, kein trennender Faktor.
Die Einteilung in „Kämpfer“ und „Opfer“ ist aber auch aus umgekehrtem Blickwinkel ein Irrweg. Heldentum war kein Monopol der Uniformierten. Es gehörte sicherlich nicht weniger Heldenmut dazu, im Zwangsarbeitslager zu überleben, dem Schicksal mit „arischer“ Identität jeden einzelnen Tag abzutrotzen oder an einem Ghettoaufstand teilzunehmen, als dazu, feindliche Positionen an der Front zu erstürmen. Die Katastrophe und das Heldentum waren zwei Seiten ein- und derselben Medaille.
Das darf uns natürlich nicht daran hindern, den Beitrag der jüdischen Soldaten zur Befreiung Europas vom Nationalsozialismus zu würdigen. Auf den Schlachtfeldern des Zeiten Weltkrieges waren Juden, an der Zahl der jüdischen Bevölkerung gemessen, überrepräsentiert. Das galt auch für die Rote Armee, in deren Reihen eine halbe Million Juden kämpfe. Vierzig Prozent von ihnen fielen im Kampf. Auch hier gilt: Wir alle sollten auf die insgesamt 1,5 Millionen jüdischen Soldaten des Zweiten Weltkrieges stolz sein und der 250.000 Gefallenen gedenken. Den Stolz auf die jüdischen Kämpfer brauchen wir auch in Deutschland nicht zu verbergen. Schulter an Schulter mit Soldaten aus Dutzenden von Nationen und Volksgruppen haben sie für die Freiheit aller Menschen gekämpft. Dafür gebührt ihnen Dank. Uns zu ihnen gemeinsam zu bekennen, ist ebenso wie es das gemeinsame Gedenken der Schoa Teil unserer jüdischen Identität.

Der Autor ist Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland