10. Jahrgang Nr. 12 / 17. Dezember 2010 – 10. Tewet 5771

Das einende Band

Unsere Gemeinsamkeiten geben uns Kraft – sie müssen auch unser Handeln lenken

Von Stephan J. Kramer

Ohne innere Verbundenheit kann keine Gemeinschaft überleben. Und wenn die Juden in der Bundesrepublik in den letzten Jahrzehnten viele schwierige Etappen erfolgreich gemeistert haben, so lag das zweifelsohne an einem tief empfundenen Gefühl eines gemeinsamen Schicksals und gemeinsamer Werte. Ohne die dadurch entstehende innere Stärke wäre weder der Zusammenhalt der kleinen jüdischen Bevölkerung in den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit noch – erst recht – die Integration der Massenzuwanderung nach der deutschen Wende möglich gewesen.
Darauf können wir mit Recht stolz sein. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass wir die Suche nach dem gemeinsamen Nenner in den kommenden Jahren weiter verstärken müssen. Die Besinnung auf Gemeinsamkeiten ist ein unabdingbares Mittel, um die Geschlossenheit der nicht nur größer, sondern auch vielfältiger gewordenen jüdischen Gemeinschaft zu wahren. Daher müssen wir das Verbindende noch bewusster und gezielter als bisher zu einer Grundlage für unser Handeln machen. Tun wir das nicht, werden alle die Verlierer sein.
Nicht zuletzt muss jüdische Erziehung und die Vermittlung jüdischen Wissens im Geiste der Gemeinsamkeiten ausgebaut werden. Dabei geht es natürlich nicht darum, Orthodoxe zum reformierten Judentum zu bekehren oder Liberale zum Gang in ein orthodoxes Canossa zu bewegen. Allerdings müssen alle Strömungen anerkennen, dass die Vermittlung der Grundwerte des Judentums, wie sie jenseits der Meinungsverschiedenheiten bestehen, die Grundlage für jüdische Kontinuität ist. Beispielhaft ausgedrückt: Damit eine Debatte über die richtige Form des G’ttesdienstes überhaupt einen Sinn ergibt, muss es genügend Gemeindemitglieder geben, die am G’ttesdienst interessiert sind. Das gilt ebenso für die Frage, wie eine Bar Mitzwa oder Bat Mitzwa zu feiern sind, müssen doch die jungen Menschen erst einmal Interesse an einer Feier zum Erlangen der religiösen Mündigkeit haben. All das kann nur erreicht werden, wenn die gemeinsamen Werte, zu denen wir uns bekennen, intensiv und unvoreingenommen unterrichtet werden. Hier gibt es trotz bisheriger Erfolge noch Raum für Verbesserungen, vor allem in einer Zeit, in der Erziehung ganz oben auf der jüdischen Prioritätenliste steht.
Auch muss jüdisches Leben flächendeckend gefördert werden. Viele mittelgroße und kleinere Gemeinden verfügen nicht über eine voll ausgewachsene Infrastruktur, dürfen aber auf keinen Fall ihrem Schicksal überlassen werden. Eine jüdische Landschaft, in der alle Gemeinden, unabhängig von ihrer Größe und ihren Eigenressourcen blühen, wird letztendlich die gesamte jüdische Gemeinschaft stärken. Dieses Solidaritätsprinzip muss bei der Zukunftsstrategie aller jüdischen Einrichtungen gebührend berücksichtigt werden.
Ein weiteres Beispiel ist unser aller Einsatz für die sozialen und beruflichen Rechte von Zuwanderern. Hier wird bereits viel getan, doch kann das Netz der Fürsorge und der gegenseitigen Hilfe noch enger geknüpft werden. Das ist nicht nur für die Betroffenen wichtig, sondern stärkt den praktischen Zusammenhalt unserer Gemeinschaft und ist Teil unserer jüdischen Identität. Der von unseren Weisen vor vielen Jahrhunderten postulierte Grundsatz „Kol Israel arewim se le-se“ (Alle Juden sind füreinander verantwortlich) hat auch heute nicht an Gültigkeit verloren.
Aus diesem Grunde ist auch die Abwehr der Judenfeindschaft eine gemeinsame Aufgabe. Das gilt nicht nur für den unverhüllten rechtsextremistischen oder islamistischen Antisemitismus, sondern auch für die in breiten Kreisen der Öffentlichkeiten schwelenden antijüdischen Vorurteile. Als Beispiel sei die Schchita genannt: Auch Juden, die die Gebote der Kaschrut nicht einhalten, müssen sich den Verleumdungen, die sich bei der Debatte um das Schächten über unsere Religion ergießen, entgegenstellen. Es ist ein Gebot unserer Selbstachtung, die in diesem Zusammenhang beharrlich wiederholte Verunglimpfung des Judentums als eines barbarischen Kultes zurückzuweisen. Nicht minder wichtig ist gemeinsamer Einsatz gegen den Israel-Hass, der sich gern als fortschrittlich tarnt, trotzdem aber eine Form des Antisemitismus bleibt. Wer Israel die Existenzberechtigung abspricht, dem müssen wir laut, deutlich und in geschlossener Fron eine Abfuhr erteilen. Gewiss wurde und wird auf diesem Gebiet viel geleistet, doch ist jede noch so gute Strategie ausbaufähig. Seinerseits wird der Zentralrat alles in seiner Macht stehende tun, damit die neue Größe der jüdischen Gemeinschaft auch in Zukunft nicht auf Kosten ihrer inneren Verbundenheit geht.

Der Autor ist Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland