5. Jahrgang Nr. 5 / 27. Mai 2005 - 18. Ijar 5765

SCHAWUOT – die Offenbahrung

Von Rabbiner Dr. Joel Berger, Stuttgart

In der Festlitrugie wird Schawuot als das Fest der Übergabe der Tora bezeichnet. Auf dem Berge Sinai offenbarte G-tt unter Donner und Blitz jedoch lediglich die Zehn Gebote - das Kernstück der Tora. Nach jüdischer Überlieferung übergab der Herr die Zehn Gebote, nachdem er sie für Moses zunächst auf zwei steinerne Tafeln meißeln ließ. Zugleich erging auch der Auftrag an Moses, die Lehre in vollem Umfang – also die ganze Schrift - den Kindern Israels zu vermitteln. Die Antwort des Volkes auf die Offenbarung lautete: Na’asse Wenischma, d.h. wir, die Israeliten, werden die g-ttlichen Gebote einhalten und jeden einzelnen Aspekt verinnerlichen. Die Exegeten werteten diese Aussage als ein Zeichen der Hingabe gegenüber g-ttlichen Geboten.

Fortan lehrte man die Tora den jüdischen Kindern in allen Geschlechtern. So lernte es auch der aus Weißrussland stammende jüdische Maler Marc Chagall. Deshalb stellt er das Motiv der Offenbarung, die Übergabe der Tora am Berge Sinai, auf mehreren Bildern und Fresken so dar, dass neben der Figur Moses, der die Gesetzestafeln des Bundes von G-ttes überreicht bekommt, noch eine andere jüdische Gestalt in der Tracht der Ostjuden mit der in Samt gehüllten Torarolle vorbeischwebt. Diese Interpretation unterstreicht zutreffend das traditionelle jüdische Verständnis der Offenbarung und belegt, dass die Zehn Gebote gleichsam mit den Fünf Büchern Moses übernommen wurden.

Um dieses ur-jüdische Verständnis zu verdeutlichen, zitiere ich einige traditionelle Fragestellungen, die den Stellenwert der Offenbarung für uns verdeutlichen sollen:

Warum offenbarte sich G-tt inmitten der Wüste?

Warum offenbarte G-tt die Tora nicht erst nach der Landnahme, im Lande der Verheißung?

Der Midrasch sieht dafür einen triftigen Grund: Die Offenbarung, die Zehn Gebote, die Tora sollen exterritorial bleiben. Sie sollen nicht mit dem Hoheitsgebiet eines Volkes oder Stammes verbunden sein. Keiner der Stämme solle behaupten können, dass, da die Stätte der Offenbarung auf seinem Gebiet liege, ihm besondere Vorrechte zustünden.

Das jüdische Volk verstand und versteht jene Grundsätze der Offenbarung niemals als Dogma, als das Gesetz, das mit der Zeit „alt und starr“ wirken könnte. Im Gegenteil. Durch die ununterbrochene Beschäftigung mit der Tora setzte eine biblische und nachbiblische Selbstauslegungsdynamik ein. Das Gebot der Schabbatruhe verdeutlicht wie ein Grundsatz dynamisiert, vergegenwärtigt, ja erneuert werden kann. Die Einrichtung des Schabbattages hat in der Geschichte der Menschheit zum ersten Mal eine Unterbrechung der täglichen Arbeitsprozesse ermöglicht. Und damit den Weg zur Fortentwicklung des menschlichen Denkens, Wissens, Kultur und Kunst gebahnt.

Wir feiern am 13./14. Juni, 6./7. Siwan Schawuot.