10. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2010 – 23. Kislev 5771

Lieb und teuer

Immer mehr Diasporajuden veranstalten Bar-Mitzwa-Feiern an der Jerusalemer Westmauer

Ein Besuch an der Westmauer in Jerusalem gehört für praktisch jeden Juden zum Israel-Besuch. Schließlich ist sie ein Ort, von dem Gottes Anwesenheit nach Urteil der Chasal (unsere Weisen) niemals weicht. Seit 1967 befindet sich der „Kotel Maarawi“ zum ersten Mal seit fast zweitausend Jahren unter jüdischer Souveränität und bietet ungehinderten Zugang für Einkehr und Gebet.
In den letzten Jahren, so Rabbiner Shmuel Rabinovich, Leiter des „Rabbinats der Westmauer“ entdecken Juden aus der Diaspora den „Kotel“ aber auch zunehmend als einen Veranstaltungsort für die Bar-Mitzwa-Feiern ihrer Söhne. Während des Sommers – dieser ist die beliebteste Reisezeit - kommen mehrere Hundert Dreizehnjährige pro Monat zum Mauervorplatz, um das Erreichen der religiösen Mündigkeit zu feiern. Gegenüber früheren Jahren, so Rabbiner Rabinovich gegenüber der israelischen Tageszeitung Haaretz, bedeuten solchen Besucherzahlen einen Anstieg um Hunderte, wenn nicht sogar um Tausende von Prozent.
Oft bereisen der Bar-Mitzwa-Junge sowie seine Familie und einige Freunde das Land. So summieren sich die Ausgaben. Wie „Haaretz“ ermittelte, kostet eine bescheidene Feier mit anschließender Rundreise für eine kleine Gruppe zwischen 25.000 und 40.000 Dollar. Für eine größere „Expedition“, die in Nobelhotels nächtigt, können bis zu 100.000 Dollar fällig werden. Für die wirklich Vermögenden, die ihren Hang zum Luxus unter Beweis stellen wollen, etwa, indem sie bei der Party bekannte israelische Sänger auftreten lassen, sind 100.000 Dollar die Untergrenze.
Indessen ist eine israelische Extravaganza nicht unbedingt teurer, als vergleichbare Zeremonien in der Diaspora, und zwar selbst dann, wenn die Eltern des Bar-Mitzwa-Jungen die Flugkosten übernehmen. Das liegt nicht nur an den hochgeschraubten Preisen, die Festsäle und Hotels in den Metropolen der großen, weiten Welt Juden wie Nichtjuden in Rechnung stellen. Vielmehr kommt bei Juden das Problem der Kaschrut hinzu: Weil koscheres Catering in der Diaspora als Extraleistung gilt, in Israel aber eine Selbstverständlichkeit ist, kann ein koscheres Menü im Exil um ein Mehrfaches teurer als in Israel werden. Unter dem Strich kann die Reise zur Westmauer zumindest im gehobeneren Marktbereich ein durchaus attraktives Angebot sein.
wst