10. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2010 – 23. Kislev 5771

Der Kampf ums Überleben

Die Zahl der Jiddisch-Sprecher geht zurück, doch lernen immer mehr junge Menschen die alte Sprache

Über die Überlebenschancen der jiddischen Sprache wird in der jüdischen Welt oft und zumeist emotional gestritten. Die Mehrheitsmeinung scheint zu sein, dass Jiddisch eine sterbende, wenn nicht sogar eine praktisch tote Sprache ist. Zuweilen entspringt diese Meinung purer Ignoranz. Dagegen glaubt ein Fähnlein der Aufrechten, Jiddisch habe noch eine lange, glorreiche Zukunft vor sich. Wo aber liegt die Wahrheit?
„In wissenschaftlichem Sinne“ sagt Professor Yechiel Szeintuch, „ist Jiddisch für absehbare Zeit nicht als eine vom Aussterben bedrohte Sprache zu bezeichnen“. In diese Kategorie, so Szeintuch, einer der weltweit führenden Jiddisch-Forscher und Leiter des Lehrstuhls für Jiddisch an der Hebräischen Universität in Jerusalem, fallen normalerweise Sprachen, die nur noch von Tausenden oder Zehntausenden von Menschen gesprochen werden und die das 21. Jahrhundert kaum erleben werden. „Dagegen wird Jiddisch von zwei bis drei Millionen Menschen gesprochen, ist eine aktive Sprache literarischen Schaffens und wird in vielen Ländern der Welt gelehrt. Selbst Google bietet neuerdings einen Übersetzungsdienst für Jiddisch.“
Dennoch muss Jiddisch um seine Zukunft kämpfen. Eine einschneidende, negative Zäsur in der Entwicklung der jiddischen Sprache war der Holocaust. Schätzungen zufolge waren fünf Millionen der sechs Millionen von den Nazis ermordeten Juden Jiddisch-Sprecher. Allerdings wurde nicht nur etwa die Hälfte aller Muttersprachler, sondern auch ein geschlossener jiddischsprachiger Kulturraum vernichtet „In Osteuropa“, betont Szeintuch, „ist Jiddisch nicht gestorben. Es wurde ermordet.“ Einer Schätzung zufolge fielen 1.200 jiddische Schriftsteller der Nazi-Barbarei zum Opfer – ein unfassbarer Verlust.
Nach der Schoa blieben jiddische Kulturschaffende ihrer Sprache treu. Die Überlebenden schufen eine große Zahl von Werken, die sich mit der Schoa beschäftigten – ein bisher nur ungenügend erforschtes Kapitel jiddischer Literatur. Auch in außereuropäischen Ländern setzten sich Jiddisch-Liebhaber für die Erhaltung der jiddischen Sprache und Literatur ein. Indessen war die Entwicklungsdynamik nach dem Fortfall des osteuropäischen „Mutterlandes“ viel schwächer geworden. In der Sowjetunion, in der die größte jiddischsprechende Bevölkerung überlebt hatte, scheiterte eine auch nur begrenzte jiddische Renaissance an der brutalen Unterdrückung jüdischer Kultur durch das Regime.
Auch heute schreibt ein kleiner Kreis von Literaten beharrlich auf „Mame-Loschn“, doch lichten sich die Reihen der Autoren ebenso wie die Reihen der Leser. Zu den letzten großen Gestalten der jiddischen Literatur des 20. Jahrhunderts gehörte der für seine sprachschöpferische Gabe berühmte Dichter Abraham Sutzkewer, der im Januar 2010 im Alter von 96 Jahren in Israel verstarb. Der demographischen Entwicklung sind, vor allem ab den siebziger Jahren, auch die meisten jiddischen Zeitungen zum Opfer gefallen. Heute werden nur wenige Publikationen veröffentlicht, soweit öffentliche und private Fördermittel reichen. So etwa wurde die seit 1897 in New York erscheinende jiddische Tageszeitung Forverts von der englischsprachigen Schwesterpublikation Forward weitgehend abgelöst und wird - als Wochenzeitung - aus Vermögenseinnahmen der sie herausgebenden Stiftung massiv subventioniert.
Dem demographischen Schwund steht nur ein begrenzter Nachwuchs gegenüber. Heute besteht der Kreis der Kinder, die mit ihren Eltern und miteinander Jiddisch sprechen, hauptsächlich aus Sprossen ultraorthodoxer Familien in Israel und in den USA. In diesen Kreisen aber wird Jiddisch eher benutzt als gepflegt. Wem das passende jiddische Wort nicht einfällt, der benutzt eben das hebräische oder englische Gegenstück. So etwa wenn ein Zehnjähriger in einem Freizeitpark bei Jerusalem seinem ratlos in einem Spielauto sitzenden jüngeren Bruder zuruft: „Dreh sich. Dreh sich. Mach Siwuwim (Hebräisch für „Runden“). Szeintuch selbst hat in Jerusalem erlebt, wie drei ultraorthodoxe Mädchen über ihre bunten Bonbons sprachen. „Ich hob a grine Zuckerke“, erklärte das erste. „Ich hob a rojte“, sagte die zweite. Die dritte aber meinte „Un ich hob a katome“ (vom hebräischen „katom“ – orangenfarben). In Abwesenheit einer breiteren jiddischsprachigen Umwelt nimmt das Niveau des von der Ultraorthodoxie gesprochen Jiddisch ab. Eine jüngste Untersuchung ergab, dass ultraorthodoxe Kinder den Plural jiddischer Wörter nicht im Einklang mit dem jiddischen Wortschatz, sondern mit den hebräischen Endungen „–im“ und „–ot“ bilden. Auch die ultraorthodoxen jiddischen Zeitungen – meist kleine Blätter – nehmen es mit Rechtschreibung und Grammatik nicht immer so genau. Gleichwohl: Wenn es eine Überlebensgarantie für Jiddisch als Alltagssprache gibt, dann liegt sie in Mea Scheraim und in Brooklyn.
Sowohl in Israel als auch in den USA erlebte Jiddisch eine Auseinandersetzung mit der Landessprache – Englisch in Amerika, Hebräisch in Israel. Allerdings gab es auch erhebliche Unterschiede zwischen der Diaspora und der biblischen Heimat. In den Vereinigten Staaten und in anderen Immigrationsländern versuchten viele Einwanderer, sich an die Kultur und Sprache ihrer neuen Heimat anzupassen. Jiddisch empfanden viele von ihnen als ein peinliches Relikt der Vergangenheit. Ein filmisches Zeugnis davon legt der bekannte jüdisch-amerikanische Film „Hester Street“ ab, in dem bei einer jüdischen Tanzveranstaltung – die Handlung spielt im ausgehenden 19. Jahrhundert – ein Verbotsschild aufgestellt wird: „No Yiddish!“ Und damit jedermann versteht, wird darunter in hebräischen Lettern hinzugefügt: „Kejn Jiddisch!“. Allerdings blieb der Sprachgebrauch letztendlich Privatsache der Zugewanderten oder ihrer Kinder. Der Staat mischte sich in diese Angelegenheit nicht ein.
Anders in Israel. Dort war die „Sprache des Exils“ den Ideologen des jüdischen Gemeinwesens unter dem britischen Mandat beziehungsweise des neugeborenen Staates Israel ein Dorn im Auge. Bei ihren Bemühungen, die Galut wie ein Schandgewand abzustreifen, konnten die „neuen Hebräer“ schon mal ausfallend werden, wenn Einwanderer auf Jiddisch parlierten. Es ging, fügt Szeintuch hinzu, nicht nur um die Sprache, sondern um den „Ballast“ des Exils schlechthin. Deshalb habe Staatsgründer David Ben-Gurion den Tanach zur Grundlage der jüdischen Zivilisation erklärt, den für den Werdegang des jüdischen Volkes aber ebenso prägenden Talmud dagegen nicht sonderlich geachtet. Aus Szeintuchs Sicht ist die israelische Gesellschaft infolge der damals totalen Zurückweisung des Exils bis heute geistig verarmt. Selbst der von 1977 bis 1983 als Israels Ministerpräsident amtierende Mencahem Begin – der seine Sätze schon mal mit Jiddisch garnierte – machte sich einmal öffentlich über die Sprache lustig. Vor laufenden Kameras erklärte er im Gespräch mit dem Literaturnobelpreisträger Jitzchak Baschewis-Singer, Hebräisch sei als Staatssprache Israels gewählt worden, weil man auf Jiddisch keine militärischen Befehle erteilen könne. Zur Veranschaulichung parodierte er die jiddische Aussprache hebräischer Wörter. Diese Tirade war nicht nur beleidigend, sondern auch historisch falsch: Nicht einmal vier Jahrzehnte früher hatten Kommandeure der Ghettoaufstände und der jüdischen Partisanentruppen ihre Kämpfer durchaus auf Jiddisch ins Gefecht geschickt.
Ironischerweise fanden jiddische Wörter, Sprichwörter, ja sogar Teile der jiddischen Syntax Eingang ins moderne Hebräisch. Zum Teil als eingebürgerte Fremdwörter. So etwa wird ein Angeber auch auf Hebräisch „Schwitzer“ genannt, heißen schmutzige Tricks „fojle Stick“, heißt etwas über Knie brechen „Chap-lap“. Verben wurden zum Teil nur äußerlich hebraisiert. So etwa heißt vergönnen – auf Jiddisch farginnen – im heutigen Israel „lefargen“. Auch Lehnübersetzungen sind zu finden. Will ein Hebräischsprecher zum Ausdruck bringen, etwas sei völlig ungewiss, sagt er „lech teda“, eine Eins-zu-ein-Übersetzung von „geh wejss“. Vielleicht aber wollten die Pioniere der Alija mit dem Jiddischen auch einen Teil ihrer eigenen Persönlichkeit abstreifen, der ihre Hebräerzuversicht zu erschüttern drohte.
Heute erlebt Jiddisch vor allem im akademischen Bereich, aber ich in der nichtformalen Bildung einen Aufschwung. Hatten in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts nur wenige Hochschulen Jiddisch-Studien angeboten, so sind es heute weltweit Dutzende, wenn nicht – in der einen oder anderen Form – Hunderte. Eine kleine Ironie des Schicksals: In diesem Jahr hat die nach dem Galut-Gegner Ben Gurion benannte Universität in Beer Schewa ein Zentrum für Jiddisch-Studien eröffnet. Auch an einer Reihe israelischer Gymnasien wird Jiddisch unterrichtet. In den USA wird die Sprache als Gegenstand von Lehre und Forschung an zahlreichen Hochschulen angeboten und ist auch in anderen Ländern Teil der Hochschullandschaft. Für die meisten Studenten ist der Zugang zu der alten Sprache Teil ihrer Suche nach einer umfassenden jüdischen Identität. In Deutschland – wegen der Ähnlichkeit der Sprachen ist der Einstieg ins Jiddische für deutschsprachige Interessenten relativ leicht - wird Jiddisch unter anderen an den Universitäten Düsseldorf und Trier, an der TU Berlin und selbstverständlich an der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien angeboten.
Ironischerweise ist ausgerechnet die Hebräische Universität in die entgegen gesetzte Richtung gerudert und schaffte vor zwei Jahren die seit 1951 bestehende Abteilung für Jiddisch ab. Heute ist Jiddisch nur noch mit Einzelkursen vertreten. Für Jiddisch-Forscher wie Yechiel Szeintuch eine trotz der üblichen Berufung auf knappe Etats ebenso empörende wie unverständliche Degradierung. Dennoch glaubt Szeintuch daran, dass Jiddisch in der akademischen Welt rund um den Globus eine feste Bleibe gefunden hat. Um den Studiosi und anderen Jiddisch-Liebhabern zu helfen, hat Szeintuch im Sommer dieses Jahres ein didaktisches jiddisch-hebräisch-englisches Wörterbuch für Lernende aufgelegt. Das für die ersten drei Studienjahre konzipierte Wörterbuch enthält 5.000 geläufige jiddische Wörter, die nicht nur übersetzt, sondern auch an Hand von Anwendungsbeispielen erläutert werden. „Eigentlich“, so Szeintuch, „war das eine Wahnsinnstat. Ich gab den Druck ohne jegliche Deckung im Etat in Auftrag und wusste nicht, wie ich das finanzieren kann.“ Inzwischen haben sich seine Sorgen zerstreut: Das kleine Werk hat reißenden Absatz in Israel und in der Diaspora gefunden und die Kosten wieder gedeckt.
(Bestellungen per E-Mail:
dovsadaninst@mscc.huji.ac.il,
Stückpreis 25 Dollar)
wst