10. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2010 – 23. Kislev 5771

Angekommen

Drei weitere Absolventen des Abraham Geiger Kollegs wurden als Rabbiner ordiniert

Von Heinz-Peter Katlewski

Am 4. November 2010 legte Rabbiner Dr. Walter Jacob, Präsident und Dozent des Abraham-Geiger-Kollegs an der Universität Potsdam, drei neuen Rabbinern die Hände auf die Schultern: Konstantin Pal (31), Boris Ronis (35) und Alina Treiger (31). Die drei gehören zum ersten Jahrgang, der ausschließlich am liberalen Rabbinerseminar und an der Potsdamer Universität ausgebildet wurde, ohne dass frühere Studienwege angerechnet werden konnten.
Seinen frischgebackenen Berufskollegen legte der achtzigjährige Rabbiner Jacob ans Herz, gerecht zu handeln: gerecht gegenüber ganz Israel wie auch gegenüber jedem einzelnen Menschen. Feierliche Trompetenklänge aus Georg-Friedrich Händels Feuerwerksmusik begleiteten den Einzug der Rabbiner und ihrer Schüler in der Berliner Synagoge Pestalozzistraße. Rund 600 Gäste waren der Einladung zum dritten Ordinationsg'ttesdienst des Kollegs seit seiner Eröffnung vor zehn Jahren gefolgt, darunter Vertreter der Kirchen und der jüdischen Gemeinden, Repräsentanten der politischen Parteien sowie mit Petra Pau (Die Linke) und Wolfgang Thierse (SPD) zwei Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages.
Eine besondere Ehre wurde dem Ereignis durch Bundespräsident Christian Wulff zuteil. In einer kurzen Ansprache gratulierte er zum Jubiläum des vor 200 Jahren in Deutschland begründeten liberalen Judentums und würdigte zugleich, dass liberales wie orthodoxes jüdisches Leben in Deutschland wieder Wurzeln geschlagen hätten.
Die anwesenden Journalisten richteten ihre Kameras und Mikrophone vor allem auf Alina Treiger. Es handelte sich in der Tat um einen historischen Augenblick. Vor 75 Jahren war Regina Jonas, eine Absolventin der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, die erste Rabbinerin der Welt geworden. Während des Holocausts wurde sie in Auschwitz ermordet. Jetzt wurde Treiger die zweite Rabbinern, die in Deutschland ausgebildete wurde.
Die im ukrainischen Poltawa aufgewachsene Rabbinerin wurde einst am Moskauer Institut für Progressives Judentum entdeckt. Nach Musikstudium und einem Jahr Machon-Institut in Moskau wagte sie im Alter von 22 Jahren den Schritt nach Potsdam. Hier musste sie als Erstes die deutsche Sprache lernen und eine aufwändige Aufnahmeprüfung für die Universität bestehen.
Zum Studium aller Rabbinerstudenten gehören obligatorisch die Fächer Religionswissenschaft sowie Jüdische und Rabbinische Studien. Hinzu kommt ein frei gewähltes Nebenfach. Alina Treiger entschied sich für Psychologie. Konstantin Pal und Boris Ronis, auch sie in der ehemaligen Sowjetunion geboren, aber in Berlin aufgewachsen, wählten das Fach „russische Sprache und Literatur".
Das Programm für die praktisch-rabbinische Ausbildung und das Studienjahr in Israel werden vom Abraham Geiger Kolleg unmittelbar organisiert. Das Programm vermittelt längere Praktika in unterschiedlichen Gemeinden, lehrt Theorie und Praxis von Seelsorge, Liturgie und Predigt und schafft Gelegenheit zum Dialog mit anderen Religionen.
Als Rabbinerin der Jüdischen Gemeinden von Oldenburg und Delmenhorst tritt Alina Treiger in die Fußstapfen von Rabbinerin Bea Wyler. Konstantin Pal ist nun als Rabbiner in Erfurt angekommen und betreut von dort auch die Gemeinden in Jena und Nordhausen. Er ist der erste Rabbiner in Thüringen seit 72 Jahren. Boris Ronis entschied sich für Berlin: Er amtiert als Honorarrabbiner in den nichtorthodoxen Synagogen Fraenkelufer, Rykestraße und Pestalozzistraße. Für alle drei gilt: Nach der Ordination müssen sie den Anforderungen gerecht werden, die ihnen das Rabbinatsamt nicht nur als Beruf, sondern auch als Berufung auferlegt.