10. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2010 – 23. Kislev 5771

Kontinuität und Wandel

Das neue Präsidium des Zentralrats sieht sich großen Herausforderungen gegenüber

Zentralrats-Präsident Dr. Dieter Graumann (M.) flankiert von den beiden Vize-Präsidenten Dr. Josef Schuster (l.) und Prof. Dr. Salomon Korn.Foto: Zentralrat/ R. Herlich
Zentralrats-Präsident Dr. Dieter Graumann (M.) flankiert von den beiden Vize-Präsidenten Dr. Josef Schuster (l.) und Prof. Dr. Salomon Korn.Foto: Zentralrat/ R. Herlich

Am 28. November haben das Direktorium und die Ratsversammlung des Zentralrats der Juden in Deutschland bei ihrer Zusammenkunft in Frankfurt am Main ein neues Präsidium gewählt. Das neunköpfige Führungsgremium, das laut Satzung die Geschäfte des Zentralrats führt, hat aus seiner Mitte den Präsidenten und die beiden Vizepräsidenten gewählt, die gemeinsam den Vorstand des Zentralrats bilden. Der neue Präsident des Zentralrats ist der bisherige Vizepräsident und Finanzdezernent, Dr. Dieter Graumann (Frankfurt am Main). Als Vizepräsidenten wurden Prof. Dr. Salomon Korn (Frankfurt am Main) und Dr. Josef Schuster (Bayern) gewählt. Weitere Präsidiumsmitglieder sind Mark Dainow (Hessen), Küf Kaufmann (Sachsen), Johann Schwarz (Nordrhein), Hanna Sperling (Westfalen-Lippe), Lala Süsskind (Berlin) und Vera Szackamer (München und Oberbayern)
An den grundlegenden Zielen des Zentralrats – der anhaltenden Stärkung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland und der Vertretung ihrer gemeinsamen Interessen – wird sich auch in der kommenden, vierjährigen Amtsperiode des Führungsgremiums nichts ändern. Allerdings müssen die dafür eingesetzten Mittel an aktuelle Bedürfnisse angepasst werden. Nicht zuletzt verschieben sich, wie Graumann in einem Gespräch mit der ZUKUNFT erklärte, die Schwerpunkte der Integrationspolitik. Die meisten Zuwanderer, so Graumann, lebten seit mehr als einem Jahrzehnt in Deutschland. Selbstverständlich wird der Zentralrat weiterhin mit aller Energie für die sozialen Belange der Zuwanderer kämpfen, doch sind manche Probleme, wie sie typischerweise in den ersten Jahren nach der Einwanderungen bestehen – Bereitstellung von Wohnraum, der Erwerb von Sprachkenntnissen oder die Gewöhnung an die neue Umgebung - heute weniger akut. Jetzt gelte es umso mehr, Menschen, auch jüngere, an die Gemeinden zu binden, jüdisches Wissen und jüdische Identität zu stärken und das religiöse Leben zu fördern. Davon würden selbstverständlich auch die „alteingessenen“ Gemeindemitglieder profitieren, wobei sich die Unterscheidung zwischen „Alten“ und „Neuen“ im Laufe der Zeit – erst recht bei der jungen Generation – zunehmend verwischen sollte.
Die zunehmende Vielfalt der jüdischen Gemeinschaft stellt den Zentralrat vor eine weitere Herausforderung. In den letzten zwei Jahrzehnten hat nicht nur die sprachliche und kulturelle Reichhaltigkeit, sondern auch die religiöse Vielgestaltigkeit des jüdischen Lebens zugenommen. Anders als in früheren Jahrzehnten sind in der Bundesrepublik heute zwei Rabbinerorganisationen tätig – die Orthodoxe Rabbinerkonferenz und die Allgemeine Rabbinerkonferenz. Das liberale Judentum bündelt seine Kräfte seit 13 Jahren mit Hilfe der Union Progressiver Juden. Am anderen Ende des Spektrums setzt die Beis-Zion-Jeschiwa in Berlin ultraorthodoxe Akzente. Nun kann und sollte Pluralität eine Bereicherung sein, doch verlangt sie auch Verantwortung und Besinnung auf gemeinsame Interessen. Die Anerkennung der Gemeinsamkeiten und der Respekt für Unterschiede sind für eine wirkungsvolle Vertretung der jüdischen Gemeinschaft durch den Zentralrat unerlässlich. Die Sicherung des gemeinsamen Nenners wird eine der vorrangigen Aufgaben des neuen Präsidiums und seiner Spitzenamtsträger sein.
Mit Graumanns Wahl vollzieht sich auch an der Spitze des Zentralrats ein Generationswechsel, ist doch der neue Amtsinhaber der erste Präsident, der nach den Grauen des Holocausts zur Welt gekommen ist. Allerdings wird dies das Eintreten des Zentralrats für das Gedenken der Schoa in Deutschland in keiner Weise schmälern. Sofern es in der nichtjüdischen Umwelt Erwartungen gibt, mit einem Nachgeborenen an der Spitze des Zentralrats werde nun ein „Schlussstrich“ unter den Holocaust leichter sein, so werden sich diese Erwartungen schnell zerschlagen. In dieser Hinsicht ist für Kontinuität gesorgt. Gleichzeitig muss der sich der Zentralrat den zum Teil bereits eingeleiteten Wandel bei der Darstellung der jüdischen Gemeinschaft vorantreiben. Die positive Dynamik des jüdischen Lebens in Deutschland und die Bedeutung des Judentums als einer in moralischen Werten verwurzelten, lebensbejahenden Religion zu vermitteln, ist eine Aufgabe von höchster Relevanz.
Die scheidende Präsidentin des Zentralrats, Dr. h.c. Charlotte Knobloch, hat die Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte wiederholt als eine Chance für eine jüdische Renaissance in Deutschland bezeichnet und sich unermüdlich dafür eingesetzt, diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Dem Zentralrat obliegt es auch in der neuen Amtsperiode, dieses Ziel mit Zukunftsglauben und Energie weiterzuverfolgen. Dem neuen Präsidium ist dabei viel Erfolg zu wünschen.

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