29.11.2010

Dieter Graumann zum Präsidenten des Zentralrats der Juden gewählt

Berlin, 29. November 2010, 22. Kislew 5771

Nachfolgend ein Feature des Mediendienstes über den neuen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, sowie der Wortlaut des Interviews, das die Mediendienst-Redaktion mit Dr. Graumann geführt hat.


Beitrag Nr. 1: Feature

Nachdruck und Zitate unter Quellenangabe gestattet.

Engagement und Enthusiasmus

Dieter Graumann setzt sich für frisches jüdisches Selbstbewusstsein ein / Ein Porträt des neuen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland

Für die meisten Menschen ist ein Ereignis, das sich vor dreieinhalbtausend Jahren zugetragen hat, nicht unbedingt ein wichtiger Teil ihres Lebens. Für Dieter Graumann schon. Auf die Frage, was ihn zur Kandidatur für das Amt des Zentralratspräsidenten bewogen habe, antwortet er ohne Zögern: „Jeder Jude hat auch die Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Kette der Generationen, die vor dreieinhalbtausend Jahren am Berg Sinai begonnen hat, niemals abreißt. Das ist die Herausforderung von Juden in jeder Generation, immer wieder aufs Neue." Damit ist Graumann fest in der Vorstellungswelt des Judentums verwurzelt: Nach jüdischer Tradition waren die Seelen aller Juden, jener die damals lebten wie jene, die in allen künftigen Generationen geboren werden sollten, bei der göttlichen Offenbarung am Berg Sinai zugegen. Das ist ein Bild, das die Generationen nicht nur in chronologischer Abfolge anordnet, sondern sie auch in einer ideellen Gleichzeitigkeit vereint. Für den nicht orthodoxen, aber gläubigen Juden Graumann ist jener Moment Teil seiner Gegenwart – auch in dem Augenblick, in dem er sich über seine Wahl zum Spitzenvertreter der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland freut.

Dass Graumann dieses Amt übernimmt, entbehrt übrigens nicht eines paradoxen Elements. Seine Eltern, beide in Polen geboren, hatten den Holocaust in Zwangsarbeits- und Konzentrationslagern der Nazis überlebt. Nach dem Krieg verschlug es beide in das unweit von Frankfurt gelegene DP-Lager Zeilsheim. Dort lernten sie sich kennen und heirateten. Als die Mutter, Czesia (Czeslawa), schwanger war, verließen die Eltern Deutschland, um ein neues Leben in Israel aufzubauen. So kam ihr kleiner Sohn im Jahre 1950 in Ramat-Gan zur Welt. Dort kam der gesundheitlich nach der KZ-Zeit schwer angeschlagene Vater Salomon (Schlomo) aber nicht mit der Hitze im jungen Israel zurecht. Nach anderthalb Jahren ging es deshalb wieder Richtung Europa, zuerst kurz nach Frankreich und dann zurück nach Deutschland, das Land der Täter und das einzige Reiseziel, für das der israelische Reisepass damals nicht galt. Wenngleich die Deutschland-Reise nur von kurzer Dauer sein sollte, blieb die Familie letztendlich in Frankfurt.

Nicht ohne Ängste. Als der Sohn eingeschult werden sollte, wollten ihn die Eltern vor antisemitischen Anfeindungen schützen und schärften ihm ein, seinen hebräischen Namen – David – gegenüber der Schulobrigkeit und den Mitschülern zu verschweigen. Von heute an, ermahnten sie ihn, werde er Dieter heißen. Das Manöver misslang auf der ganzen Linie. Als die ABC-Schützen nämlich nach ihrer Religionszugehörigkeit gefragt wurden, antwortete der frischgebackene Dieter: „jüdisch". So war das vermeintliche Geheimnis noch am selben Tag gelüftet. Der Name aber blieb, obwohl der Junge ihn gar mochte und auch heute nicht sonderlich schön findet. „Als ich groß genug war, um ihn ändern zu können", zuckt er mit den Schultern „war es dafür schon zu spät".

Das Zuhause der Graumanns war nicht religiös. Dennoch schickten die Eltern Dieter mit neun Jahren auf ein streng orthodoxes jüdisches Internat in der Schweiz. Dort verbrachte er anderthalb Jahre. „Danach habe ich versucht, meine Eltern von einem orthodoxen Lebenswandel zu überzeugen", erinnert er sich. Es blieb beim Versuch, doch ist Graumann bis heute für das umfassende jüdische Wissen dankbar, das ihm damals vermittelt wurde. Derweil konnte die Familie in Frankfurt Fuß fassen. Salomon Graumann eröffnete ein Imbissrestaurant und war später auf dem Immobilenmarkt erfolgreich. Dieter absolvierte das Gymnasium, studierte ein Jahr Jura in London, kehrte nach Frankfurt zurück, studierte Volkswirtschaftslehre und promovierte auch in dem Fach. Nach einigen Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Deutschen Bundesbank machte er sich mit einer eigenen Immobilienverwaltung selbständig. Die Firma führt er bis heute. Mit seiner Frau, Simone, einer gelernten Apothekerin, hat er zwei Kinder.

Graumanns wichtigstes Hobby, neben seiner Leidenschaft für den Fußball, ist das Lesen – oft mehrere Büchern zur gleichen Zeit. Einer seiner Lieblingsautoren ist der jiddischsprachige Literaturnobelpreisträger Jitzchak Baschewis Singer. Wie kein Anderer habe Singer in seinen Werken die untergegangene jüdische Welt Osteuropas verewigt. Zu Jiddisch hat Graumann ohnehin ein liebevolles Verhältnis. „Meine Eltern haben mit mir eine spezielle Mischung aus Jiddisch und Deutsch gesprochen, doch bin ich vor allem mit Jiddisch aufgewachsen. „Wenn man so will, war Deutsch meine erste Fremdsprache".

Das Verhältnis zu den Eltern war und ist sehr eng. Der erste Gang eines jeden Tages führt Graumann auch heute zu ihnen. Allerdings sind Vater und Mutter von der neuen Position des Sohnes nicht begeistert und fürchten, er exponiere sich zu sehr – eine Haltung, die in der Generation der Überlebenden keineswegs selten ist. Für den nachgeborenen Sohn jedoch ist jüdisches Engagement eine Selbstverständlichkeit. Bereits seit vielen Jahren ist Graumann in der jüdischen Gemeinde in Frankfurt aktiv. Im Jahre 1985 nahm er am Protest gegen Rainer Werner Fassbinders antisemitisches Theaterstück „Die Stadt, der Müll und der Tod", das in Frankfurt aufgeführt werden sollte, teil. Während Gemeindemitglieder mit dem damaligen Gemeindevorsitzenden, Ignatz Bubis, im Theater die Bühne besetzten, demonstrierte Graumann zusammen mit anderen vor dem Theater gegen die Aufführung – und musste sich von linken Gegendemonstranten als „Feind der Freiheit der Kunst" beschimpfen lassen. Davon freilich ließ er sich nicht beirren und glaubt auch heute, dass die damalige Protestaktion ein Wendepunkt im Leben der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland war. „Damals begehrten Juden als selbstbewusste Bürger mit einer Demonstration gegen antijüdische Hetze auf", resümiert Graumann: „Es war ein Akt der Emanzipation".

Emanzipiertes jüdisches Leben in Deutschland ist das Modell, für das Graumann bis heute eintritt. Wenn nötig, so seine Philosophie, müssen sich Juden gegen Antisemitismus in all seinen Formen energisch zur Wehr setzen und ihre Belange energisch und offensiv vertreten, und zwar ohne sich auf welche Art und Weise auch immer zu verstecken. Das hat er in seiner Rede zum Jahrestag der „Reichskristallnacht" in der Frankfurter Paulskirche betont. „Wir setzen uns kämpferisch und energisch und konsequent, mit Feuer und Leidenschaft für all das ein, was wir für richtig halten" verkündete er und fügte nicht ohne Ironie hinzu; „Niemand möge fürchten, oder gar hoffen, dass unsere Konfliktbereitschaft verloren ginge". Gleichzeitig aber ist jüdisches Leben im demokratischen deutschen Staat für ihn nicht nur legitim, sondern inzwischen ein fester Teil der jüdischen wie der deutschen Realität. Das sagt er genauso eindeutig, wie er Kritik zu üben versteht. „Noch niemals", erklärte er denn auch in der Paulskirche „haben Juden hier so frei und so gut leben können wie gerade jetzt". In vielen jüdischen Kreisen außerhalb, in dem einen oder anderen Fall vielleicht auch innerhalb der Bundesrepublik löst solches Lob an die Adresse Deutschlands noch immer Unbehagen aus. Das weiß der neue Zentralratspräsident und respektiert es auch. Ein Grund, mit seiner Meinung hinter dem Berg zu halten, ist das für den emanzipierten, engagierten Bürger Graumann jedoch nicht.

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Beitrag Nr. 2: Interview

Nachdruck und Zitate unter Quellenangabe gestattet.

„Ich möchte etwas für das Gemeinwohl leisten"


Ein Interview des Mediendienstes des Zentralrats der Juden in Deutschland mit dem neuen Zentralratspräsidenten, Dr. Dieter Graumann

Frage: Warum haben Sie für das Amt des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland kandidiert? Können Sie die Kopfschmerzen, die Ihnen das Amt unweigerlich bereiten wird, viel Stress und viel Streit, dafür aber viel weniger Privatsphäre, wirklich gebrauchen? Waren sie mit Ihrem bisherigen Leben unzufrieden?
Antwort: Ganz im Gegenteil. Gerade weil ich mit meinem Leben zufrieden und dafür auch dankbar bin, möchte ich meinerseits etwas für das Gemeinwohl leisten. Es geht mir aber nicht nur um das hier und heute. Jeder Jude hat die Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Kette der Generationen, die vor dreieinhalbtausend Jahren am Berge Sinai begonnen hat, nicht abreißt. Nur so bleibt unsere Zukunft auch in den kommenden Jahren und Jahrtausenden gesichert. Dazu will ich in der mir gegebenen Zeit einen – meinen eigenen – Beitrag leisten. Ohne ein starkes Bewusstsein für diese historische Dimension hätte ich mich gar nicht erst um das Amt beworben.
Ich möchte aber auch nicht, dass hier der Eindruck entsteht, ich nähme jetzt etwa ein Opfer auf mich. Ich habe die Erfahrung gemacht: Wer sich für andere einsetzt, verliert gar nichts und gewinnt selbst so viel. Diesen Einsatz zu leisten, ihn auch leisten zu dürfen – das ist ein Geschenk, das man sich selbst macht.
Denn: Man selbst wird so am allermeisten beschenkt, man wächst daran, man selbst wird unendlich bereichert. Das gilt natürlich besonders für eine so wichtige Position des Präsidenten des Zentralrats.

Frage: Welche Ziele wollen Sie in Ihrem neuen Amt verfolgen?
Antwort: Mein wichtigstes Ziel ist eine frische Stärkung jüdischen Lebens in Deutschland und unterscheidet sich somit auch gar nicht von dem meiner Amtsvorgänger. Allerdings müssen wir uns jetzt auch den sich im Laufe der Zeit verändernden Rahmenbedingungen anpassen, um dieses Ziel noch besser erreichen zu können.

Frage: Was heißt das konkret?
Antwort: Seit 1990 sind rund 200.000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland eingewandert, knapp 100.000 haben sich jüdischen Gemeinden angeschlossen Die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinden hierzulande hat sich fast vervierfacht. Die Integration dieser Menschen bleibt die absolut vordringlichste Aufgabe. Sie bleibt auch künftig wichtig, doch verschieben sich die Schwerpunkte. Die meisten Zuwanderer leben seit mehr als einem Jahrzehnt in Deutschland, oft sind es zwei Jahrzehnte, und sie haben sich oft auch gut eingelebt. In den letzten Jahren hat die Zuwanderung nicht nur wegen neuer Bestimmungen, sondern vor allem auch wegen einer rückläufigen Emigrationsneigung in Ländern der ehemaligen UdSSR stark nachgelassen.
Jetzt müssen wir uns primär der Sicherung der Kontinuität jüdischen Lebens widmen. Wir müssen junge Menschen an die Gemeinden binden, jüdisches Wissen und jüdische Identität stärken, das religiöse Leben fördern. Die Abwendung junger Juden von Gemeindeleben stellt eine strategische Zukunftsbedrohung dar. Deshalb brauchen wir eine auf Dauer angelegte Jugend- und Bildungsarbeit, mehr Rabbiner und Religionslehrer. Sonst ist Substanzverlust nicht zu vermeiden. Wir müssen jetzt die Köpfe und Herzen unserer jungen Menschen gewinnen. Und wir bauen eine neue jüdische Gemeinschaft hier auf: Das neue plurale Judentum in Deutschland. Wir wollen es nun auch gemeinsam zum Blühen bringen.

Frage: Dafür braucht man nicht nur Enthusiasmus, sondern auch Etats. Und an diesen mangelt es.
Antwort: Unser Enthusiasmus ist tatsächlich grenzenlos, die Etats müssen erst noch mit unserer Begeisterung wachsen und Schritt halten. Der Aufbau neuen jüdischen Lebens in Deutschland ist das erklärte Ziel der deutschen Politik. Bei der Aufnahme und Integration der jüdischen Zuwanderer haben wir von Bund, Ländern und Kommunen umfangreiche Hilfe erfahren. Dafür sind wir dankbar und vertrauen darauf, dass Deutschland auch weiterhin bei der langfristigen Absicherung des jüdischen Lebens die erforderlichen Mittel zur Verfügung stellen wird.

Frage: Wird das gehen? In Deutschland wird gespart.
Antwort: Es handelt sich um Beträge, die für uns unerlässlich, im Gesamtmaßstab aber wirklich gar nicht so groß sind. Es ist auch ein logischer Schritt, die Förderung nicht mitten auf der Strecke einzustellen. Es ist aber auch historisch logisch, wurde doch das Vermögen der jüdischen Gemeinden ebenso wie einzelner Juden in der NS-Zeit geraubt und nur zu einem recht kleinen Teil restituiert. Nach wie vor gilt: Wir haben nicht etwa zu viele Juden neu hier bei uns – sondern zu wenige Mittel, um all das zu realisieren, was wir an neuem jüdischem Leben aufbauen wollen.
Ich glaube, dass ein blühendes jüdisches Leben auch Deutschland insgesamt bereichert. Das gilt nicht nur für die Leistung einzelner Juden, die in der Wissenschaft, im Kulturleben und in der Wirtschaft tätig sind, sondern für die Existenz einer starken jüdischen Gemeinschaft an sich, die ihre Stimme und ihre traditionellen Werte in die öffentliche Debatte einbringt. Ganz davon zu schweigen, dass die jüdischen Gemeinden und Einrichtungen umfangreiche Erfahrung im Bereich Integration haben. Dass hier zehn Prozent eine neue Mehrheit von neunzig Prozent „integrieren" und ihnen ein neues Zuhause geboten haben, ist eine einmalige Leistung und eine Kuriosität, aber auch ein Erfolg, die man nicht mehr so ohne weiteres finden kann. Natürlich kann man das alles nicht eins zu eins auf die gesamte in Deutschland bestehende Integrationsproblematik übertragen, aber ich denke, dass vieles, was wir im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte in diesem Bereich gelernt haben, doch von Nutzen sein kann. Wir würden uns freuen, unsere ganz speziellen Integrationserfahrungen mit anderen teilen zu können.
Zu diesen Erfahrungen gehört nicht zuletzt, dass wir den unterschiedlichen geographischen, sprachlichen und kulturellen Hintergrund nicht zum Hinderungsgrund für ein solidarisches Miteinander werden lassen. In der Vergangenheit hatte es das unter den Juden in Deutschland leider nicht immer so gegeben. Im Kaiserreich und in der Weimarer Republik blickten viele deutsche Juden auf die aus Osteuropa zugewanderten Ostjuden mit Geringschätzung herab. Das Gefühl der Schicksalsgemeinschaft wollte sich bei vielen nicht einstellen. So mussten die Ostjuden oft sogar einen eigenen Sportverein gründen, weil sie in den etablierten jüdischen Vereinen nicht willkommen waren. Selbst in der kleinen jüdischen Gemeinschaft in der ersten Nachkriegszeit waren die Gegensätze noch immer nicht ganz überwunden. Als zum Beispiel in den sechziger Jahren die Bnai-Brith-Loge (jüdische Freimaurer – die Redaktion) in Frankfurt wieder gegründet wurde, musste die Aufnahme ostjüdischer Mitglieder erst in einer Kampfanstimmung durchgesetzt werden.
Seitdem haben wir alle zum Glück dazu gelernt. Vor der Wiedervereinigung war es selbstverständlich, dass Juden hier keine Gruppenkonflikte mehr miteinander austrugen, ob sie selbst oder ihre Eltern nun aus Deutschland oder Polen – wie in meinem Fall –, aus der Sowjetunion, Ungarn, der Tschechoslowakei oder auch dem Iran stammen. Die massive Zuwanderung aus der ehemaligen UdSSR hat sicherlich auch einmal Spannungen mit sich gebracht, hat hier doch tatsächlich eine Minderheit eine neue Mehrheit integriert. Allerdings blieb die Einheit der jüdischen Gemeinschaft immerzu gewahrt – ein Beweis, dass Menschen alte Fehler nicht wiederholen müssen.

Frage: Nicht wenige Kommentatoren haben im Vorfeld der Wahl hervorgehoben, Sie seien der erste Präsident des Zentralrats, der nach dem Holocaust geboren wurde. Wie wichtig ist diese Tatsache?
Antwort: In der nichtjüdischen Öffentlichkeit scheinen viele geradezu sehnsüchtig darauf zu warten, dass endlich jemand die Spitzenposition des Zentralrats übernimmt, der kein Holocaust-Überlebender mehr ist. Ganz als warteten sie darauf, sozusagen einen Schlussstrich unter das Kapital „Schoa" ziehen zu können. Einen Schlussstrich kann es aber gar nicht geben und wird es mit mir auch nicht geben. Man kann die Folgen der Vernichtung von sechs Millionen Juden doch nicht einfach abstellen. Dass mit mir erstmals ein Nachgeborener Zentralratspräsident wird, ändert nichts daran. Mal ganz davon abgesehen, dass ich zwar das Glück hatte, die Grauen des Holocausts nicht erleben zu müssen, der Holocaust aber immer Teil von mir ist – und zwar nicht nur, weil ich ein Sohn von Holocaust-Überlebenden bin. Wir werden alles tun, damit der Holocaust weder in Deutschland noch weltweit geleugnet und verharmlost wird oder in Vergessenheit gerät. Auf der anderen Seite dürfen wir den Holocaust aber auch nicht zur neuen jüdischen Ersatzidentität machen und uns keinesfalls auf die Rolle einer trübsinnigen Trauergemeinschaft reduzieren.

Frage: Man hört immer wieder den Einwand, das Andenken an die Holocaust-Opfer sei in der Bundesrepublik zu einem ritualisierten Gedenken mutiert.
Antwort: Es ist auch eine erzieherische Herausforderung, den Holocaust den nachgeborenen Generationen so näher zu bringen, dass den Menschen die Ungeheuerlichkeit dieses Verbrechens und der Mut der Verfolgten bewusst werden. Da besteht in der Tat die Gefahr einer Ritualisierung. Allerdings ist mir ritualisiertes Gedenken immer lieber als organisiertes Vergessen. Ein Großteil der jungen Politikergeneration in Deutschland hat leider auch oft gar keine richtige Vorstellung von der Tragweite der nationalsozialistischen „Endlösung". Deshalb ist es auch besonders wichtig, diesen Mangel bei jungen Politikern, die bald in Spitzenämter der Bundesrepublik aufrücken werden, zu beheben. Auch hier muss der Zentralrat eine wichtige Rolle spielen.

Frage: ….und sich beschuldigen lassen muss, der notorische Nörgler zu sein.
Antwort: In der Tat denke ich: Den jüdischen „Mahnsinn", das jüdische „Mahnwesen" in Deutschland muss es nicht unbedingt für alle Zeit so geben. Wir Juden wollen nicht nur immer laut hinausschreien „wogegen" wir sind, sondern auch einmal „wofür" denn eigentlich. Wir müssen die spirituellen Schätze des Judentums transportieren und auch ein frisches, zeitgemäßes Bild vom Judentum vermitteln, indem wir das Judentum viel mehr auch mit seinen vielen Stärken präsentieren und positionieren.
Dabei darf natürlich eben nicht der Eindruck entstehen, als sei der Holocaust der eigentliche Kern jüdischer Identität. Wir sind eine der ältesten, heute noch bestehenden Gemeinschaften der Welt. Juden haben Werte geschaffen, die bis heute die menschliche Zivilisation entscheidend mitprägen. Wir haben bewiesen, dass eine kleine Gemeinschaft allen Widrigkeiten zum Trotz mit der schieren Kraft von Glauben, Moral und Tradition Jahrtausende überleben kann. All das müssen wir unserer Umwelt und unserer eigenen Jugend vermitteln. In der Bundesrepublik ist auch auf den großen Beitrag von Juden zur Entwicklung der deutschen Kultur, Wissenschaft, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft hinzuweisen. Wir haben allen Grund, sowohl auf unsere Tradition wie auf unsere neue Gegenwart gemeinsam stolz zu sein.
Nun wollen wir aber unsere neue Zukunft entschlossen gestalten, mit den vielen positiven Dimensionen, die das Judentum zu bieten hat, mit dem frischen „Spirit" von neuer Kraft und erneuerter Zuversicht.