5. Jahrgang Nr. 5 / 27. Mai 2005 - 18. Ijar 5765

Das Labyrinth aus Stein

Peter Eisenmans Holocaust-Mahnmal in Berlin wurde offiziell eingeweiht – ein Interpretationsversuch

Von Ulf Meyer

Wer geradewegs in ein hohes Maisfeld geht, verliert darin bald die Orientierung. Diese Erfahrung, die der New Yorker Architekt Peter Eisenman als Kind in den unendlichen Weiten des Staates Iowa im amerikanischen Mittelwesten machte, hat ihn so geprägt, dass die Assoziation entstand: So verloren wie im Dickicht des Maisfeldes mussten sich auch die Juden in Deutschland nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gefühlt haben. Das Gefühl der Verlorenheit in einem weiten, wogenden Feld aus schiefen Betonstelen ist auch die architektonische Grundidee von Eisenmans Berliner Holocaust-Mahnmal. Besucher verlieren darin Gleichgewichtssinn, Richtung und Ziel. Sie fühlen sich schnell allein – und vielleicht ein bisschen verloren.

Über Fünfzehn Jahre stritten die Initiatoren des Mahnmals, Lea Rosh und Eberhard Jäckel, sowie Architekt Peter Eisenman um den Entwurf für das „Mahnmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin, das am 10. Mai eröffnet wurde. Das Feld aus 2751 Betonstelen kommt ohne Bilder aus und versucht, die Macht der Bilder zu brechen, in dem es auf körperliche Erfahrung setzt. Eisenman erläutert die Abstraktion so: „Bis zum Holocaust konnten Juden in Deutschland ihre Toten beerdigen und hatten Grabmäler, die an die Verstorbenen erinnern. Auschwitz steht für Massengräber ohne individuelle Grabsteine. Damit hat sich die symbolische Bedeutung von Architektur verändert“. Holocaust-Denkmäler sind auch ein „Ersatzgrab für Angehörige eines Volkes ohne Gräber“. Der anti-symbolische Entwurf verzichtet auf jede Deutung und beschert keine Aussage, sondern eine Erfahrung der Ohnmacht. Dazu passt der graue Beton aus dem das Stelenfeld besteht. Eisenman beschreibt ihn als „das stillste Material“.

„Es wäre falsch, wenn der Holocaust zu einem erkennbaren Symbol erstarren würden, das wir verstehen und in unsere Psyche einordnen können“, sagt Eisenman. „Denn es gibt nicht nur eine Wahrheit oder nur einen Sinn. Wir können das, was geschehen ist, nicht begreifen“. Dieser Eindruck der Hilflosigkeit lässt sich im Berliner Mahnmal erfahren, dessen Form ein Zufallsprodukt ist: Mit einem Computer-Programm wurden zwei Flächen übereinander gelegt und durch Stelen miteinander verbunden. Eisenman sucht Formen, in denen sich das Unbewusste ausdrücken kann, will Raum für das Abwesende schaffen und so die Psyche des Menschen für das Verdrängte öffnen. Das begehbare Raster aus grauen Kuben steht auf einem unregelmäßig gesenkten Gelände.

Eisenman musste sein Modell mehrmals überarbeiten. Der Entwurf war nicht das Produkt eines demokratischen Prozesses, sondern wurde maßgeblich von dem damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl bestimmt. Unter Schröder hatte der Bauherr, die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden in Europa, das begleitende unterirdische Informationszentrum durchgesetzt.

Die Auseinandersetzung mit dem Entwurf hat auch den Architekten verändert: Denn seine jüdische Abstammung ist Eisenman durch das Mahnmal erst bewusst geworden: „In New York fühle ich mich immer als Amerikaner und nur in Berlin als Jude." Seit Eisenman 1997 den Wettbewerb gewonnen hatte, begann für ihn die persönliche Auseinandersetzung mit seinen jüdischen Wurzeln: „In meinen Jugendjahren fühlte ich mich nicht als Jude, denn meine Eltern waren assimiliert. Dennoch spüre ich jüdische Empfindsamkeit und die hat sich durch das Mahnmal-Projekt so gesteigert, dass ich mich heute oft fremd in meiner Stadt und in meinem Land fühle, so als lebte ich in einer Diaspora. Ich fühle mich nirgendwo mehr daheim - und mag dieses Gefühl“, so Eisenman.