10. Jahrgang Nr. 10 / 29. Oktober 2010 - 21. Heshvan 5771

Voller Ideen

Die jüdische Gemeinde in Lörrach blickt in die Zukunft

Von Irina Leytus

Zumindest eines hat der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Lörrach mit dem Repräsentantenhauses US-Kongresses gemeinsam: Die Wahlen für beide Gremien finden alle zwei Jahre statt. Der personellen Kontinuität muss das keinen Abbruch tun – auch nicht in Lörrach. Bereits seit zehn Jahren bekleidet Hanna Scheinker das Amt der Gemeindevorsitzenden in der Stadt am südwestlichen Zipfel der Bundesrepublik. Zweiter Vorsitzender ist – dies seit fünf Jahren - Wolfgang Fuhl, der gleichzeitig das Amt des Vorsitzenden des Oberrates der Israeliten Badens innehat. Das Vorstandsmitglied Anna Schneider ist vor allem für soziale Belange zuständig.

Die aus dem litauischen Schaulai stammende Lehrerin Hanna Scheinker wanderte im Jahre 1978 mit ihrem Ehemann, Arkadi, nach Israel aus, nachdem sie acht Jahre lang um die Ausreisegenehmigung gekämpft hatte. Bald jedoch beschloss die Familie, nach Deutschland umzusiedeln: Dem 1921 in Riga geborenen und im deutschsprachigen Kulturraum aufgewachsenen Arkadi fehlte in Israel seine Muttersprache. Während Arkadi in seinem alten Beruf als Musiklehrer arbeiten konnte, musste Hanna in Deutschland auf eine neue Tätigkeit ausweichen und wurde staatlich anerkannte Altenpflegerin. Bis zum Übergang in den Ruhestand im Jahre 1995 hatte die sportlich-elegante Frau im Altersheim Weil am Rhein gearbeitet.

Freilich: Auch im Ruhestand blieb Ausruhen für Hanna ein Fremdwort. Zusammen mit der Familie Fuhl, sowie mit Dr. Georg Weinberg und anderen Mitstreitern gründete sie im Jahre 1995 die jüdische Gemeinde in Lörrach. Bis dahin war Lörrach Teil der Gemeinde in Freiburg. In der Nachkriegszeit hatte es in der Stadt an der kritischen Masse für eine eigene Gemeindegründung gefehlt: 1960 waren in Lörrach gerade 20 Juden zu Hause. Durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion hat sich das geändert.

Dabei blickten die Juden in Lörrach, auch wenn sie niemals eine besonders große Gruppe waren, auf eine lange und bewegte Geschichte zurück. Die ersten Juden kamen in die Stadt während des Dreißigjährigen Krieges (1618 - 1648). Eine Mikwe bestand seit dem 17. Jahrhundert. Eine etablierte Gemeinde entstand mit Ankunft von Flüchtlingen aus der Schweiz während des 18. Jahrhunderts, die erste Synagoge wurde 1808 eingeweiht. Ihren höchsten Mitgliederstand erreichte die Gemeinde im Jahre 1875 mit 248 Personen.1933 gehörten der Gemeinde 162 Juden an.

Trotzt der Zerstörung des jüdischen Lebens in der Nazizeit ist die jüdische Gemeinde mit mehr als 400 Mitgliedern heute zweieinhalb Mal so groß wie vor der Machtergreifung durch die Nazis. Eine neue Synagoge wurde 2008 eingeweiht. Außer dem Gebetsraum beherbergt das Gebäude der Gemeinde auch einen Veranstaltungsraum für einhundert Menschen mit einem Flügel für musikalische Darbietungen sowie einem Gästezimmer. „Wir haben oft Besuch, und die Gastfreundlichkeit verpflichtet uns dazu, den Gästen eine schöne Unterkunft anzubieten“, sagt Hanna Scheinker und schmunzelt. „Wir sind Enthusiasten, wir finden neue Ideen und setzten sie um.“

So etwa gibt es in der Gemeinde Lörrach statt eines Kindertages den „Kinder-Eltern-Tag“, an dem der Nachwuchs, die Eltern und Großeltern im Spiel zusammenkommen. Die Organisatorin Lili Slavutska kommentiert: „Wir, die Erwachsenen, haben uns trotz eines vollen Arbeitstages die Zeit dafür genommen und die Kinder können erleben, dass auch ihre Eltern witzig und geschickt sein können“. Jung und Alt bietet die Gemeinde in Lörrach Hebräischkurse, PC-Kurse, Schachturniere und literarische Abende. So ist man für die Zukunft gewappnet.