10. Jahrgang Nr. 10 / 29. Oktober 2010 - 21. Heshvan 5771

Identität bewahren

Unter Mexikos Juden sind Mischehen eine Ausnahme

Von Hans-Ulrich Dillmann

Über die Zukunft jüdischen Lebens in Mexiko macht sich Mauricio Lulka wenig Sorgen. „Die Zahl unserer Mitglieder ist konstant. Und die Anzahl der jungen Gemeindemitglieder, die nichtjüdische Partner ehelichen, ist gering“, sagt der Generaldirektor des Zentralkomitees der Juden in Mexiko. „Der Prozentsatz der Gemeindemitglieder, die mit einem Nichtjuden verheiratet sind, liegt bei gerade Mal bei einem Prozent.“ Etwa 40.000 Juden leben heute im zentralamerikanischen Land. Und obwohl Juden in dem 110-Millionen-Einwohner-Staat eine kleine Minderheit bilden, gibt es landesweit nur 400 Ehepaare, in denen nur einer der Partner jüdisch sind.

Die jüdische Geschichte in Zentralamerika ist bereits mehrere Jahrhunderte lang und war nicht immer glücklich. Während der spanischen Conquista Zentralamerikas im 16. Jahrhundert lebten in der Region „Kryptojuden“, die jedoch von der Inquisition verfolgt wurden. Selbst nach der Unabhängigkeit Mexikos im Jahre 1821 war die freie Religionsausübung der Juden nicht erlaubt, weil der Katholizismus Staatsreligion wurde. Erst im Jahr 1880 wurde eine erste Gemeinde gegründet, deren Mitglieder Nachfahren sogenannter Conversos, jüdischer Zwangschristianisierter waren. Bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts war die Zahl der Juden in Mexiko vergleichsweise klein. Russische und aus dem Osmanenreich geflohene Juden bildeten in dieser Zeit die Mehrheit. Daneben wanderten einige wenige aus Deutschland und anderen europäischen Ländern ein. Ab 1933 kamen vermehrt Juden ins Land, die aus dem Herrschaftsbereich der Nationalsozialisten fliehen müssten. 1938 wurde das Zentralkomitee der Juden gegründet. Damals als eine Organisation zur Unterstützung der Flüchtlinge gebildet, ist das Komitee heute die gemeinsame Vertretung der Juden in Mexiko.

Mit der niedrigen Mischehenrate unterscheidet sich Mexiko von vielen lateinamerikanischen Ländern und Karibikstaaten. „Wir bemühen uns bereits vor der Heirat intensiv um die Paare“, berichtet Joshua Kullock, der Gemeinderabbiner der Comunidad Hebrea de Guadalajara. Allerdings hat die konservativ ausgerichtete Gemeinde klare Richtlinien. Jeder ist willkommen. Wer mit einer Person anderen Glaubens verheiratet ist, „hat bei uns volle Rechte und auch seine Familie kann sich an den allgemeinen Gemeindeaktivitäten beteiligten“, erklärt Kullock. „Aber diejenigen, die ihren nichtjüdischen Partner heiraten wollen, ohne dass dieser übergetreten ist, kommen nicht unter die Chuppa. Da sind wir strikt.“

Die jüdischen Gemeinden in Mexiko haben sich gut organisiert. Fast 93 Prozent aller Juden sind Mitglied einer der 26 Gemeinden, die vom Comité Central de la Comunidad de Judía de México (CCCJM) politisch vertreten wird. „Jede Gemeinde hat ihre eigenen Richtlinien für religiöse Belange. Die Gemeinden sind autonom und unabhängig. Uns eint der gegenseitige Respekt für die Ausübung und Traditionen jeder Gemeinde“, betont Mauricio Lulka. Die Gemeinden, die sich als orthodox verstehen, stellen in Mexiko die Mehrheit. Nach einer Studie aus dem Jahre 2006 über die „sozio-demografische Zusammensetzung der jüdischen Gemeinde in Mexiko“ gehören 88 Prozent der jüdischen Familien einer orthodoxen Gemeinde an, während weitere zwölf Prozent ihre Religion in einer konservativen Kongregation ausüben.

Allerdings achten nur rund ein Viertel aller jüdischen Familien die Religionsgesetze „streng bis sehr streng“, wie Lulka berichtet. Die Mehrheit, 62 von 100, bezeichnet er als traditionelle Juden. Nur eine Minderheit sei wenig bis gar nicht religiös. Trotzdem schaffen es die Gemeinden, ihre Mitgliedschaft stabil zu halten. Dies liegt nicht zuletzt an den unzähligen Einrichtungen, die unterhalten werden. Allein 19 jüdische Schulen gibt es in Mexiko, davon befinden sich 16 in der Hauptstadt des Landes, in Ciudad de México (Mexiko-Stadt). Jedes jüdische Kind kann eine der Gemeindeschulen besuchen, wem das Geld fehlt, wird mit einem Stipendium unterstützt.

Daneben gibt es die Universidad Hebraica, die sich um die Berufsausbildung von Personen kümmert, die in jüdischen Bildungseinrichtungen beschäftigt werden. „Die Erziehung ist für uns sehr wichtig“, betont Lulka. Daneben betreiben die einzelnen Gemeinden Clubs, die von Fußballplätzen und Fitnessstudios über Theateraufführungen, Jugendzentren bis hin zu Kneipen und koscheren Restaurants alles bieten.

Kullock glaubt ebenfalls, dass dieses aktive Gemeindeleben die jüdische Gemeinschaft über alle religiösen Ausrichtungen hinweg zusammenhält. Schon im Kindergartenalter sind die Nachkommen der jüdischen Familien ins Gemeindeleben integriert. „Wenn wir mitbekommen, dass ein Gemeindemitglied einen nichtjüdischen Partner heiraten möchte, kümmern wir uns frühzeitig um das Paar. Der Erfolg gibt uns recht.“ Die Mehrzahl konvertiert.

Über zwei Jahre hat es gedauert, bis eines der Gemeindemitglieder seine Braut endlich unter die Chuppa führen konnte, berichtet Kullock. Nach intensiven Gesprächen mit den Verlobten akzeptierte er den Wunsch der künftigen Braut, zum Judentum überzutreten. Eineinhalb Jahre lang besuchte die junge Frau den Religionsunterricht, um Teil der jüdischen Gemeinschaft zu werden. „Wir haben es ihr nicht leicht gemacht.“

Erst nachdem ein dreiköpfiges Rabbinerkollegium die Braut einer intensiven Prüfung unterzogen hatte, durfte sie in die Mikwe eintauchen und der Bräutigam seine Auserwählte unter die Chuppa führen. „Wir achten darauf, dass der Übertritt zum Judentum vor der Hochzeit stattfindet“, bestätigt auch Mauricio Lulka.